Fußball-WM 2026: Ganz Spanien träumt vom zweiten Stern
Zwischen Euphorie, Fehlstart und goldenem Kader: Warum La Roja trotz eines holprigen Auftakts zu den WM-Favoriten zählt, wo man die Spiele an der Costa Blanca sehen kann und was das neue Turnierformat für die Selección bedeutet.
von Alexander Gresbek (Text und Illustrationen)
Die Erwartungen könnten kaum größer sein. Seit die Fußball-Weltmeisterschaft 2026 in den USA, Kanada und Mexiko angepfiffen wurde, blickt ganz Spanien mit einer Mischung aus Stolz, Hoffnung und Nervosität auf die eigene Nationalmannschaft.
Nach dem EM-Titel 2024 in Deutschland galt die Selección bei Experten, Wettanbietern und Supercomputern als Topfavorit auf den WM-Pokal. EA Sports, Goldman Sachs, Opta: Sie alle sahen Spanien ganz vorne. Doch der erste Auftritt im Mercedes-Benz Stadium von Atlanta zeigte, wie schnell sich Favoritenstatus und Realität voneinander trennen können.
Ein Fehlstart, der Fragen aufwirft
Am 15. Juni trat Spanien vor 67.640 Zuschauern in Atlanta gegen WM-Neuling Kap Verde an. Was auf dem Papier als Pflichtaufgabe galt, wurde zum ersten Schockmoment des Turniers. 0:0. Null Tore bei 27 Torschüssen, 65 Prozent Ballbesitz und einer erdrückenden Überlegenheit, die zu nichts Zählbarem führte.
Den stärksten Auftritt des Abends lieferte ein 40-jähriger Torhüter: Vozinha, Keeper der Kapverden, parierte alles, was in seine Richtung flog. Ferran Torres traf in der 39. Minute die Latte. Pedri, Cucurella, Fabián Ruiz: Sie alle scheiterten an der kapverdischen Abwehrmauer oder am eigenen Abschluss.
Trainer Luis de la Fuente hatte seine angeschlagenen Stars Lamine Yamal und Nico Williams zunächst geschont. Yamal kam erst in der 71. Minute, absolvierte in seinen 20 Minuten auf dem Platz fünf Dribblings (mehr als jeder andere Spieler im gesamten Match) und leitete sofort eine Chance ein. Aber auch er konnte die Nullnummer nicht mehr verhindern.
Für Kap Verde, den Inselstaat mit 530.000 Einwohnern und drittkleinsten WM-Teilnehmer aller Zeiten, war es der größte Moment der Fußballgeschichte. Für Spanien begann die Diskussion.
Eine neue Generation, ein neuer Stil
Wer Spanien heute spielen sieht, erkennt die Mannschaft von 2010 kaum wieder. Damals dominierten Xavi, Iniesta und Busquets den Raum zwischen den Linien mit chirurgischer Ballkontrolle. Tiki-Taka wurde zum Markenzeichen einer ganzen Ära.
Die Mannschaft von 2026 spielt anders. Sie ist direkter, vertikaler, schneller. Im Zentrum zieht Rodri, amtierender Ballon-d'Or-Gewinner und Kapitän, die Fäden vor der Abwehr. Pedri und der nach langer Verletzungspause zurückgekehrte Gavi sorgen für Kreativität.
Die größte Waffe sitzt auf den Flügeln: Lamine Yamal, gerade 18 Jahre alt, und Nico Williams bilden ein Duo, das jede Abwehr der Welt vor Probleme stellen kann. Yamals Dribblings, seine Unbekümmertheit und seine Spielintelligenz erinnern an die ganz Großen des Weltfußballs.
Acht der 26 Kaderspieler kommen vom FC Barcelona, der unter Hansi Flick die spanische Meisterschaft gewann. Und hier liegt die vielleicht bemerkenswerteste Randnotiz: Erstmals in der WM-Geschichte steht kein einziger Spieler von Real Madrid im spanischen Aufgebot.
Dani Carvajal fand nach seiner schweren Knieverletzung vom Oktober 2024 nie zurück, Dean Huijsen überzeugte in der Rückrunde nicht. De la Fuente kommentierte das kühl: Er schaue nicht auf die Herkunft, sondern auf die Leistung.
Wo die Schwachstellen liegen
Die Euphorie hat Risse. Und der Fehlstart gegen Kap Verde hat sie sichtbar gemacht. Im Sturmzentrum fehlt ein Torjäger, der Spiele allein entscheiden kann. Während Frankreich auf Mbappé setzt und England auf Harry Kane zählt, läuft bei Spanien Mikel Oyarzabal als zentrale Spitze auf.
Ein verlässlicher Arbeiter in der Liga, kein Stürmer, der Abwehrreihen das Fürchten lehrt. Ferran Torres bleibt im Abschluss ein Spieler mit mehr Potenzial als Ertrag. In K.-o.-Spielen, die sich auf zwei, drei Chancen reduzieren, kann genau das zum Problem werden.
Auch die Defensive wirft Fragen auf. Aymeric Laporte kommt aus der sportlich zweitklassigen saudi-arabischen Liga. Der hochtalentierte Pau Cubarsí, 18 Jahre alt, erlebt seine erste WM und muss beweisen, dass er dem Druck standhält. Im Testspiel gegen den Irak (1:1) patzte Barcelonas Torhüter Joan García schwer. Gegen Kap Verde hielt die Null, aber gegen stärkere Gegner könnte es eng werden.
Die Gruppe und das neue WM-Format
Spanien spielt in Gruppe H mit Kap Verde, Saudi-Arabien und Uruguay. Nach dem 0:0 zum Auftakt steht am Sonntag, 21. Juni, um 18 Uhr das zweite Gruppenspiel gegen Saudi-Arabien an, erneut in Atlanta. Die Saudis sind kein Selbstläufer: Bei der WM 2022 schlugen sie den späteren Weltmeister Argentinien in der Vorrunde.
Das Gruppenfinale gegen Uruguay wird in der Nacht auf den 27. Juni um 2 Uhr morgens (spanischer Zeit) im mexikanischen Guadalajara angepfiffen. Marcelo Bielsas Mannschaft gilt als physisches Pressingmonster und harter Prüfstein für die Frage, wer die Gruppe gewinnt.
Der Gruppensieg ist 2026 wichtiger als je zuvor. Die WM wird erstmals mit 48 Mannschaften ausgetragen. Es gibt eine zusätzliche K.-o.-Runde (Sechzehntelfinale). Als Gruppenerster trifft Spanien dort auf den Zweiten aus Gruppe J, die Argentinien, Österreich, Algerien und Jordanien umfasst.
Das wäre voraussichtlich Österreich unter Ralf Rangnick, das viele als Geheimtipp handeln. Als Gruppenzweiter droht dagegen ein Duell mit dem Gruppensieger J, also sehr wahrscheinlich Weltmeister Argentinien. Messi, Álvarez und Co. im Sechzehntelfinale: Das wäre der denkbar härteste Weg.
Fußballfieber in ganz Spanien
Die Mehrheit der spanischen Fans verfolgt die WM zu Hause, auf Terrassen und in Bars. Überall ist die Vorfreude spürbar. Bei den Spielen gegen Kap Verde und Saudi-Arabien um jeweils 18 Uhr sind die Bedingungen ideal: laue Sommerabende, Fernseher auf der Terrasse, volle Lokale. Wenn La Roja trifft, hört man es auf der Straße, bevor man es auf dem Bildschirm sieht.
Schwieriger wird es beim Uruguay-Spiel. Anstoß um 2 Uhr morgens, möglicher Abpfiff gegen 4 Uhr. In vielen Region gilt als allgemeine Schließzeit 1:30 Uhr an Wochentagen, 2 Uhr an Wochenenden, manche Gemeinden verlängern im Sommer auf 2:30 Uhr.
Wer das komplette Spiel sehen will, braucht entweder eine Sportsbar mit erweiterter Konzession, eine geschlossene Veranstaltung oder das heimische Sofa. Gut ausgestattete Lokale mit mehreren Bildschirmen sind für solche WM-Nächte gemacht. Ähnliche Anlaufstellen, darunter Irish Pubs und auf Sport spezialisierte Bars, finden sich entlang der gesamten Küste.
WM schauen: Diese Sender übertragen
Die öffentlich-rechtliche Sendergruppe RTVE zeigt 33 der 104 WM-Spiele kostenlos auf La 1, Teledeporte und der Streamingplattform RTVE Play. Alle Spiele der spanischen Nationalmannschaft sind dabei, dazu das Eröffnungsspiel, beide Halbfinals und das Finale.
Wer alle 104 Begegnungen sehen will, braucht das spanische DAZN im Premium-Jahresabo. Deutsche Zuschauer mit Satellitenschüssel empfangen über ARD und ZDF 60 Spiele, den Rest zeigt MagentaTV.
Der Traum bleibt lebendig
Der Fehlstart gegen Kap Verde war ein Warnschuss, keine Katastrophe. Spanien verfügt über einen Kader mit außergewöhnlicher Qualität, einen erfahrenen Trainer und Spieler, die bei der EM 2024 bewiesen haben, dass sie große Turniere gewinnen können. Das Rückgrat stimmt: Rodris Ruhe, Pedris Spielverständnis, Yamals Genialität.
Die Frage ist, ob die Mannschaft ihre Effizienzprobleme in den Griff bekommt und ob die jungen Defensivspieler dem Druck eines langen Turniers standhalten.
Frankreich, Argentinien, England und Deutschland jagen denselben Titel. Jeder Fehler kann das Ende bedeuten.
Aber in jedem Lokal an der Costa Blanca, in jedem Wohnzimmer zwischen Alicante und Málaga bleibt der Traum derselbe: der zweite Stern. Und 2030, wenn die WM nach 1982 wieder in Spanien stattfindet (gemeinsam mit Portugal und Marokko), könnte die Vorfreude auf ein Turnier vor der eigenen Haustür kaum größer sein.
Wer diesen Sommer auf der Terrasse mitfiebert und sich für die Nacht zum Uruguay-Spiel mit Koffein wachhält, hat danach vier Jahre Vorfreude vor sich.
Der Autor

Als Kenner der Costa Blanca lebt Alexander Gresbek seit vielen Jahren in der spanischen Region am Mittelmeer. Der Journalist und Buchautor befasst sich mit spanischer Kultur, Politik, Umwelt und Traditionen. Zu seinem aktuellen Titel Die Costa Blanca Für Kluge Köpfe (erhältlich bei amazon) hier die Buchrezension.
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