
Heilklima statt Hustensaft: Gesünder leben in Spanien
Mehr als 128.000 Deutsche haben ihren Wohnsitz nach Spanien verlegt. Viele von ihnen lockt nicht allein die Sonne, sondern ein konkretes Versprechen: Wer an Asthma, Rheuma oder chronischer Bronchitis leidet, kann am Mittelmeer spürbare Linderung erfahren. Was sagt die Medizin dazu, und welche Orte eignen sich besonders?
Von Michelle Gresbek (Text und Illustrationen)
Mehr als Sonne und Sangría: Spanien ist das drittbeliebteste Auswanderungsziel der Deutschen in Europa. Anfang 2024 lebten laut Statistischem Bundesamt gut 128.000 deutsche Staatsangehörige im Land. Im selben Jahr wanderten offiziell 8.869 weitere aus. Die Gründe sind vielfältig: niedrigere Lebenshaltungskosten, das entspannte Lebensgefühl, die Nähe zu Deutschland per Direktflug. Doch ein Motiv taucht in Gesprächen mit Auswanderern immer wieder auf, das die Statistiken kaum erfassen: die Gesundheit.
Wer in Hamburg oder München mit chronischer Bronchitis kämpft, wer im Schwarzwald jeden Herbst die Gelenke spürt, wer im nasskalten Februar nach Luft ringt, der hört irgendwann von Spaniens Mittelmeerküste. Von der salzhaltigen Luft, den milden Wintern, den über 300 Sonnentagen im Jahr. Und von dem, was Ärzte vor Ort bestätigen: Das Klima kann Beschwerden lindern, die in Mitteleuropa den Alltag bestimmen.
Was die Forschung über Klima und Krankheit weiß
Die Medizin kennt den Zusammenhang zwischen Klima und chronischen Erkrankungen seit Jahrhunderten. Schon Hippokrates verschrieb seinen Patienten Meerwasserkuren. Moderne Studien untermauern diese Erfahrung mit Daten.
Für Atemwegserkrankungen gelten drei Faktoren als entscheidend: Salzhaltige Meeresluft wirkt schleimlösend und erleichtert das Abhusten. Pollenarme Küstenregionen entlasten Allergiker. Stabile Wetterverhältnisse ohne rasche Wechsel zwischen Hoch und Tief verringern akute Schübe bei Asthma und der Lungenerkrankung COPD. An der spanischen Mittelmeerküste kommen alle drei Faktoren zusammen.
Bei rheumatischen Erkrankungen spielt Vitamin D die Schlüsselrolle. Eine Studie der Harvard Medical School mit über 200.000 Frauen ergab: Teilnehmerinnen in sonnenreichen Regionen erkrankten 21 Prozent seltener an rheumatoider Arthritis als Frauen in sonnenärmeren Gebieten. Die Deutsche Gesellschaft für Rheumatologie weist darauf hin, dass etwa die Hälfte aller Deutschen einen Vitamin-D-Mangel aufweist. In Spanien, wo die Sonne auch im Winter regelmäßig scheint, kann der Körper das Vitamin ganzjährig selbst produzieren.
Rheumatologe Dr. Peer M. Aries vom Netzwerk Autoimmunerkrankter bringt es auf den Punkt: Klima mit niedrigen Temperaturen und hoher Feuchtigkeit wird bei Muskel- und Gelenkschmerzen meistens als ungünstig empfunden. In den Wintermonaten suchen Patienten mit rheumatischen Gelenkserkrankungen nachweislich häufiger die Notaufnahme auf. Ein Wohnortwechsel in wärmere Regionen kann den Vitamin-D-Spiegel stabilisieren und so den Krankheitsverlauf positiv beeinflussen.
Welche Beschwerden sich bessern können
Atemwegserkrankungen: Asthma, chronische Bronchitis und COPD reagieren auf die jodhaltige, schadstoffarme Luft. Das sogenannte Brandungs-Aerosol, feinste Meerwassertröpfchen in der Luft, löst Schleim in Atemwegen und Nasennebenhöhlen. Betroffene berichten häufig, dass Symptome, die in Deutschland den Alltag bestimmten, an der Küste nahezu verschwinden.
Rheumatische Erkrankungen: Rheumatoide Arthritis, Gicht und Arthrose verlaufen in warmem, trockenem Klima oft milder. Die konstante Sonneneinstrahlung fördert die körpereigene Vitamin-D-Produktion, die entzündungshemmend wirkt. Eine Studie mit über 25.000 Teilnehmenden zeigte: In der Vitamin-D-Gruppe traten 20 Prozent weniger Autoimmunerkrankungen auf als in der Placebogruppe. Für Rheumatiker empfehlen Fachleute trockene Lagen im Hinterland, da Küstenfeuchtigkeit die Gelenke belasten kann.
Hauterkrankungen: Neurodermitis und Psoriasis profitieren gleich doppelt. UV-Strahlung fördert die Ausschüttung von körpereigenem Kortisol, das Entzündungen hemmt. Gleichzeitig können sich bei Strandspaziergängen bis zu zwei Gramm Salz auf der Haut anreichern, die Schuppen lösen und antibakteriell wirken.
Herz-Kreislauf-Beschwerden: Das stabile Klima ohne extreme Temperaturschwankungen entlastet das Herz-Kreislauf-System. Ärzte berichten, dass bei Patienten der Blutdruck sinkt und Zuckerwerte sich verbessern. Hier ist allerdings Vorsicht geboten: Wer in Deutschland medikamentös eingestellt ist, sollte die Dosierung in Spanien von einem Arzt überprüfen lassen.
Depressionen: Über 300 Sonnentage pro Jahr an der Costa Blanca wirken der saisonalen Depression entgegen. Die erhöhte Endorphin-Ausschüttung durch regelmäßige Sonneneinstrahlung hebt die Stimmung messbar.
Die Sache mit der WHO-Auszeichnung
Wer zu dem Ort Jávea recherchiert, stößt schnell auf die Behauptung, die WHO habe der Stadt das „zweitgesündeste Klima der Welt“ bescheinigt. Diese Aussage findet sich auf Dutzenden Immobilienportalen und Tourismusseiten. Die Recherche ergibt ein differenzierteres Bild: Die britische Zeitung The Olive Press fand keine belegbare WHO-Studie zu diesem Ranking. Die Behauptung basiert vermutlich auf einer nicht näher spezifizierten Untersuchung aus dem Jahr 1986.
Was hingegen stimmt: Jávea profitiert von einem außergewöhnlichen Mikroklima. Der 753 Meter hohe Montgó blockiert kalte Nordwinde, Meeresbrisen mildern die Sommerhitze, und die Stadt zählt über 320 Sonnentage pro Jahr. Dass die WHO das Klima der gesamten Costa Blanca als eines der gesündesten in Europa eingestuft hat, ist belegt. Und die gesundheitlichen Effekte sind es ebenfalls, unabhängig von einem einzelnen Zertifikat.

Wo sich Gesundheitsbewusste niederlassen
Die Wahl des Ortes hängt stark von der jeweiligen Erkrankung ab. An der Costa Blanca leben rund 30.000 Deutsche dauerhaft. Städte wie Jávea, Dénia, Calpe und Altea bieten mildes Küstenklima, deutschsprachige Ärzte und eine gewachsene Expat-Infrastruktur. Torrevieja verdient besondere Erwähnung: Die Stadt liegt zwischen zwei großen Salzseen, deren Verdunstung die Luft mit Jod und Mineralien anreichert. Die WHO hat Torreviejas Klima als das gesündeste in Europa bezeichnet.
Auf Mallorca leben rund 60.000 Deutsche, darunter viele Rentner. Die Insel bietet eine breite medizinische Versorgung auf Deutsch, allerdings sind die Lebenshaltungskosten höher als auf dem Festland. Wichtig zu wissen: Mallorcas Winter können feucht und kühl sein. Wer Gelenkbeschwerden hat, sollte vor der Entscheidung einen Winter dort verbracht haben.
Die Kanarischen Inseln gelten als Geheimtipp für Ganzjahresauswanderer. Gran Canaria und Teneriffa bieten Temperaturen zwischen 18 und 24 Grad rund ums Jahr. Das gleichmäßige Klima eignet sich besonders für Arthritis-Patienten. Puerto de la Cruz auf Teneriffa und Playa del Inglés auf Gran Canaria haben aktive deutschsprachige Gemeinden.
An der Costa del Sol rund um Málaga leben etwa 25.000 Deutsche. Die Region punktet mit der wärmsten Wintertemperatur auf dem europäischen Festland: Im Dezember zeigt das Thermometer regelmäßig 17 bis 20 Grad. Marbella und Torremolinos haben die stärkste deutsche Infrastruktur.
Was Ärzte vor Ort raten
Deutsche Mediziner in Spanien sehen die Gesundheitsmigration mit professioneller Nüchternheit. Das Klima ist kein Ersatz für eine ärztliche Behandlung, betonen sie übereinstimmend. Wer seine Medikamente absetzt, weil er sich am Mittelmeer besser fühlt, handelt fahrlässig. Doch als ergänzender Faktor kann der Wohnortwechsel einen echten Unterschied machen.
Konkret empfehlen Ärzte: Vor der Auswanderung den Vitamin-D-Spiegel messen lassen und die aktuelle Medikation dokumentieren. In Spanien die Dosierungen überprüfen lassen, denn Blutdruck- und Insulinwerte verschieben sich im milderen Klima. Einen deutschsprachigen Hausarzt vor Ort suchen, bevor es zum Notfall kommt. An der Costa Blanca, der Costa del Sol und auf den Kanaren gibt es ein dichtes Netz deutschsprachiger Praxen und Kliniken.
128.000 Deutsche in Spanien können nicht irren. Oder doch? Die ehrliche Antwort: Spaniens Klima wirkt keine Wunder. Wer mit schwerer rheumatoider Arthritis am Mittelmeer Heilung erwartet, wird enttäuscht. Wer aber realistisch einschätzt, dass mildere Temperaturen, mehr Sonnenlicht und saubere Luft den Körper entlasten, findet an Spaniens Küsten tatsächlich bessere Bedingungen als zwischen November und März in Mitteleuropa. Das bestätigen Studien, Ärzte und vor allem die Betroffenen selbst. Viele berichten: „Sobald wir nach Deutschland fahren, kommen die fast vergessenen Symptome zurück.“
Die Autorin
Michelle Gresbek ist Journalistin, Gesundheitswissenschaftlerin und Sachbuchautorin. In ihren Artikeln beschäftigt sie sich mit moderner Medizin und der Frage, wie digitale Innovationen – etwa KI – das Gesundheitswesen verändern.
Sie schreibt unter anderem für Fachmedien sowie deutschsprachige Publikationen in Spanien und legt großen Wert darauf, komplexe medizinische Themen verständlich und praxisnah zu erklären.
Neben ihrer journalistischen Arbeit veröffentlicht sie Bücher zu Medizin, Prävention und KI in der Gesundheitsversorgung. Derzeit promoviert sie nach ihrem Masterabschluss an der Charité – Universitätsmedizin Berlin.




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