Fiestas der Schande: Spaniens Stierläufe mit Steuergeld
Der Sommer bringt in der Region Valenciana die Saison der Stierläufe. Letztes Jahr erreichten sie einen Rekord: 9.542 genehmigte Veranstaltungen, gestützt durch Millionen an öffentlichen Geldern. Ein Plädoyer aus Sicht des Tierschutzes.
Ein Kommentar von Paula Dólera
Der Sommer kündigt in der Comunidad Valenciana die Saison der Patronatsfeste an. In hunderten Dörfern und Städten füllen sich die Plätze mit Musik, Pulvergeruch und dem Stolz, einer Gemeinschaft anzugehören.
Es sind Tage, die dem Zusammenleben, der Volkskultur und der Weitergabe dessen gewidmet sein sollten, was aus dem kollektiven Erbe bewahrenswert ist. Tage, an denen Generationen sich begegnen.
Trommeln statt Tierwohl
Für alle, die sich für Tiere einsetzen, sind diese Wochen unausweichlich traurig. Während die Fiestas pulsieren, beginnt für tausende fühlende Lebewesen eine Zeit des Leidens. Nach den Pregones und den Festumzügen kommen Stress, Angst, Erschöpfung, Schläge gegen die Absperrungen, in manchen Fällen Feuer auf den Hörnern. Wesen, die Schmerz und Furcht empfinden, dienen der Unterhaltung einer Minderheit.
Was am tiefsten verstört, ist nicht allein das Leid der Tiere. Es ist die Selbstverständlichkeit, mit der ein Teil der Gesellschaft dieses Leid in den Alltag integriert hat. So, als bedeute es nichts. Als könnten die Furcht und der Schmerz eines lebenden Wesens unsichtbar werden, sobald sie unter dem Lärm der Fiesta stattfinden.
Was die Wissenschaft längst weiß
Der alte Mythos vom Tier als seelenloser Maschine ist wissenschaftlich erledigt. Die Cambridge-Erklärung zum Bewusstsein von Tieren aus dem Jahr 2012 hielt fest, dass die neurologischen Voraussetzungen für bewusstes Erleben nicht auf den Menschen beschränkt sind. Tiere empfinden Schmerz, Furcht, Stress und Leid. Wir wissen es wissenschaftlich, juristisch und moralisch. Und schauen weiter weg.
Nichts davon hat verhindert, dass die Comunidad Valenciana zur Hochburg der populären Tauromachie in Spanien geworden ist.
Rekord 2025: fast 26 Stiertreiben pro Tag
Während manche die Empathie gegenüber Tieren entdecken, setzen die Institutionen auf das Gegenteil. 2025 genehmigte die Generalitat 9.542 Straßenstierfeste, fast 26 pro Tag, in 266 Gemeinden. Die höchste Zahl seit Beginn der Aufzeichnungen 2007.
Hinter den Zahlen stehen Lebewesen, die fliehen, in Panik geraten, dem Lärm und der Verfolgung ausgeliefert sind. Ihre Verzweiflung wird zum Schauspiel, geschützt von einer atavistischen Tradition, in der die Gewalt selbstverständlich mitläuft.
Tradition rechtfertigt nicht jede Gewalt
Die Verteidiger der Festkultur sprechen von Identität, Wurzeln und Tradition. Die Geschichte zeigt aber, dass keine Praxis allein durch ihr Alter Schutz verdient. Auch Praktiken, die uns heute entsetzen, galten einst als Tradition. Moralische Entwicklung besteht darin, das immer Gemachte infrage zu stellen, sobald wir erkennen, dass es Leid verursacht.
Die Frage ist einfach. Wenn wir wissen, dass Tiere fühlen, wie lässt sich dann ein Spektakel rechtfertigen, das sich von ihrer Furcht und Verzweiflung nährt?
Öffentliches Geld für ein schrumpfendes Publikum
Die Antwort liegt nicht in der Kultur. Sie liegt in einem Netz wirtschaftlicher und politischer Interessen, das diese Aktivitäten am Leben hält, und in organisierten Strukturen, die institutionelle Entscheidungen beeinflussen.
Die klassische Tauromachie verliert seit Jahren an gesellschaftlichem Rückhalt. Immer weniger Menschen besuchen Stierkämpfe, immer mehr Stimmen lehnen den Einsatz von Tieren zur Unterhaltung ab. Statt diese Realität anzunehmen, haben zahlreiche politisch Verantwortliche entschieden, die Veranstaltungen mit Subventionen, öffentlichen Hilfen und finanzierter Werbung abzuschirmen. Bezahlt aus dem Geld aller. Auch aus dem Geld jener, die das Tierleid ablehnen.
Die Generalitat Valenciana toleriert diese Spektakel nicht nur. Sie treibt sie aktiv voran. 2025 flossen 300.000 Euro an die Fundación Toro de Lidia für Promotion. (2) Der Haushaltsentwurf 2026 sieht über 1,03 Millionen Euro an Direkthilfen für den Sektor vor: Straßenstierfeste, Recortadores-Schulen, Infrastruktur, Promotion.
Millionen Euro für das Stiertreiben
Diese Summen bilden nur einen Teil der öffentlichen Ausgaben ab. Ein erheblicher Anteil verteilt sich über Generalitat, Provinzdiputaciones und Gemeinden: Subventionen, Aufträge, Veranstaltungsorganisation, Sicherheit, Infrastruktur, Werbung, Übertragungen. Die Zersplitterung macht es schwer, die tatsächlichen Kosten zu beziffern.
Eine Analyse von El Mundo Castellón al Día schätzte die öffentlichen Ausgaben für die Stiertreiben allein in der Provinz Castellón 2025 auf 2,4 Millionen Euro. Mit allen Gemeinden eingerechnet könnten es mehr als drei Millionen sein. Der öffentliche Sender À Punt hat seit Anfang 2025 über 743.000 Euro für die Übertragung von Stierkampfveranstaltungen ausgegeben. '
Eine Untersuchung von AnimaNaturalis und CAS International beziffert die kommunalen Ausgaben für populäre Stierfeste in der Region auf rund 17 Millionen Euro.
Trotz methodischer Unterschiede stimmen die Quellen in einem Punkt überein. Die öffentliche Finanzierung liegt weit über dem, was in den sichtbaren Haushaltslinien erscheint. Die exakte Bezifferung bleibt durch institutionelle Zersplitterung und mangelnde Transparenz erschwert.
Institutionalisierte Gewalt
Jeder Euro für die Tauromachie ist ein Euro, der nicht in Bildung, Tierschutz, Sozialpolitik oder eine empathischere Gesellschaft fließt. Jede Subvention sendet die Botschaft, dass Tierleid akzeptabel bleibt, solange es sich als Tradition tarnt.
Das ist eine der gravierendsten Formen von Tierquälerei. Die institutionelle. Nicht die in der Plaza oder auf der Straße, sondern die, die von jenen ausgeht, die eigentlich die Schwächsten schützen müssten und sich stattdessen entscheiden, ihr Leid zu finanzieren.
Eine Botschaft an die nächste Generation
Besonders schwer wiegt die Normalisierung, wenn diese Spektakel Kindern und Jugendlichen als bewundernswerter Kulturausdruck präsentiert werden. Wenn Institutionen sie als Teil der kollektiven Identität bewerben, lautet die Botschaft: Das Leid eines fühlenden Wesens kann zur Unterhaltung werden, wenn man es als Brauch verpackt. Gewalt verliert ihren Namen, sobald sie in eine Fiesta integriert ist.
Das ist nicht folgenlos. Es prägt die moralische Wahrnehmung kommender Generationen.
Wer ist hier eigentlich radikal?
Wer für Tiere eintritt, kennt die Vorwürfe: radikal, intolerant, traditionsfeindlich. An der Ablehnung von Grausamkeit ist nichts Radikales. Nichts Extremistisches daran, einem leidensfähigen Wesen ethische Berücksichtigung zuzusprechen.
Radikal ist, Leid zu normalisieren, von dem wir wissen, dass es existiert. Es zu rechtfertigen, zu schützen, als Kultur zu präsentieren. Wirklich unerträglich ist, dass öffentliche Institutionen es nicht nur dulden, sondern finanzieren, bewerben und zum Teil der kollektiven Identität erklären.
Die Frage, die bleiben wird
Patronatsfeste sollten das Beste einer Gesellschaft zeigen. Orte der Begegnung, des Miteinanders, der gemeinsamen Freude. Räume, in denen Respekt, Solidarität und Empathie vermittelt werden. Nicht Bühnen, auf denen das Leid eines fühlenden Wesens zur Unterhaltung wird.
Ein Tag wird kommen, an dem diese Praktiken mit derselben Fassungslosigkeit betrachtet werden, mit der wir heute auf andere lange normalisierte Formen der Gewalt blicken. Niemand wird verstehen, wie eine Gesellschaft, die wusste, dass Tiere fühlen, sie weiter für ihre Unterhaltung benutzte. Niemand wird begreifen, warum öffentliches Geld dafür eingesetzt und diese Grausamkeit von politisch Verantwortlichen im Namen der Tradition verteidigt wurde.
Und dann lautet die Frage nicht mehr, wer die Feste verteidigte oder wer welche Bräuche bewahrte.
Die Frage wird sein, wer die Opfer verteidigte. Wer den Mut hatte, die Stimme zu erheben, während andere schwiegen.
Denn keine Tradition verdient zu überdauern, wenn sie Opfer braucht. Keine Kultur ist legitim, wenn sie auf dem Leid Lebender ruht. Und keine Gesellschaft darf sich zivilisiert nennen, solange sie den Schmerz unschuldiger Wesen zum Schauspiel macht.
Die Autorin

Paula Dólera war mehr als 40 Jahre in der spanischen öffentlichen Verwaltung tätig. Sie gehörte dem Wirtschafts- und Sozialrat der Comunidad de Madrid an. Sie ist Sekretärin der Asociación Animalista de Pedreguer sowie Vizepräsidentin und der Asociación Protectora de Animales de Dénia (APAd).
In Pedreguer koordiniert sie das ethische Management von 64 Katzenkolonien und arbeitet dabei eng mit Verwaltung, Tiermedizin und Freiwilligen zusammen. Als Hundetrainerin und Expertin für Tierverhalten (Uni Antonio de Nebrija) absolviert sie aktuell eine Weiterbildung zur Gerichtssachverständigen für Tierpsychologie.


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