Zeitreise in die Antike: Das römische Erbe in Spanien

Gladiatorenkämpfe am Strand, ein seit 2000 Jahren aktives Theater und ein Aquädukt der Extraklasse: Spanien bewahrt Roms Vermächtnis wie kaum ein anderes Land. Die antiken Bauten an der Küste und auf der Hochebene laden ein zu einer wunderbaren Zeitreise.

von Alexander Gresbek (Text und Illustrationen)

Mehr als 600 Jahre lang war die Iberische Halbinsel Teil des Römischen Reiches. Was die Legionen in Hispania hinterließen, überragt vieles, was sich in Italien selbst erhalten hat: Theater, in denen noch heute Schauspieler auftreten, Brücken, über die Fußgänger den Fluss queren und Aquädukte, die seit fast 2000 Jahren dem Wetter trotzen.

Spanien besitzt nach Italien die dichteste Konzentration römischer Monumente in Europa – verteilt über das ganze Land, vom galicischen Lugo bis zum andalusischen Bolonia.

Nicht alle Stätten bieten dasselbe Erlebnis. In Mérida fühlt sich die Antike greifbar nah an: Das römische Theater funktioniert noch immer als Bühne, die Brücke trägt Spaziergänger über den Guadiana. 

In Itálica dagegen wandert man durch stille Straßenzüge einer verlassenen Stadt, vorbei an Mosaikböden, die seit Hadrians Zeiten in der Sonne liegen.

Und in Segovia überragt das Aquädukt den Marktplatz so selbstverständlich, als gehöre es zur Stadtmöblierung. Die folgenden fünf Stationen zeigen diese ganze Bandbreite – von der familienfreundlichen Zeitreise bis zum Ort, der vor allem Geschichtskenner in den Bann zieht.

Tarragona: Römisches Amphitheater am Mittelmeer

Nur wenige Schritte vom Stadtstrand entfernt öffnet sich eine ovale Arena aus römischer Zeit. Das Amphitheater von Tarragona, erbaut Anfang des 2. Jahrhunderts nach Christus, liegt direkt an der Mittelmeerküste – eines der wenigen weltweit in dieser Lage. 

Rund 14.000 Zuschauer drängten sich hier einst auf den Rängen, während unten Gladiatoren kämpften und das Meer im Rücken der Arena glitzerte. Im Jahr 259 wurde an dieser Stelle Bischof Fructuosus mit seinen Diakonen während der Christenverfolgung verbrannt – die Ruinen einer westgotischen Basilika in der Arena erinnern noch daran.

Tarraco, wie die Römer die Stadt nannten, war kein Provinznest: Als Hauptstadt der Hispania Tarraconensis und Modell für Provinzhauptstädte im gesamten Imperium erhielt der archäologische Komplex im Jahr 2000 den UNESCO-Welterbestatus. 14 Einzelstätten gehören dazu, vom Zirkus für Wagenrennen bis zum Grabturm Torre dels Escipions an der Ausfallstraße.

Vier Kilometer nördlich der Altstadt steht der Pont del Diable, ein Aquädukt aus augusteischer Zeit: 217 Meter lang, 27 Meter hoch, zwei Arkadenreihen aus Granitquadern – ohne Mörtel gefügt. Der Zugang ist kostenlos und rund um die Uhr möglich. Im umliegenden Parc Ecohistoric lässt sich das Bauwerk bei einem Picknick in Ruhe betrachten.

Tarragona eignet sich gut als Tagesausflug von Barcelona: Regionalzüge brauchen 35 bis 45 Minuten ab Barcelona Sants, der Stadtbahnhof liegt fußläufig zu den Sehenswürdigkeiten. Die Monumente kosten einzeln 5 Euro Eintritt, das Kombiticket für alle Stätten des Museu d’Història 15 Euro. Am letzten Dienstag im Monat ist der Eintritt frei. Montags sind die meisten Stätten geschlossen.

Mérida: Roms lebendigste Bühne in der Extremadura

Wer in Mérida das römische Theater betritt, fühlt sich eher auf einer Bühne als im Museum. Die zweigeschossige Bühnenwand mit ihren Marmorsäulen und Statuen von Ceres, Pluto und Proserpina steht da wie eine Kulisse, die gleich zum Einsatz kommt – und tatsächlich tut sie das: Jeden Sommer verwandelt sich das Theater in die Hauptbühne des Festival Internacionál de Teatro Clásico, Spaniens ältestem Klassik-Theaterfestival

Die 72. Ausgabe 2026 ist für den 27. Juni bis 25. August bestätigt. Aufführungsbeginn ist typischerweise gegen 22:45 Uhr, wenn die Sommerhitze nachlässt und die angestrahlten Säulen vor dem Nachthimmel leuchten. Tickets kosten zwischen 16 und 60 Euro.

Erbaut 16 bis 15 vor Christus unter Marcus Vipsanius Agrippa, dem Schwiegersohn des Augustus, fasste das Theater ursprünglich rund 6.000 Zuschauer. Vor den Ausgrabungen ab 1910 ragten nur die oberen Sitzreihen aus der Erde – die Einheimischen nannten sie Las Siete Sillas, die Sieben Stühle. Direkt daneben liegt das Amphitheater, eingeweiht 8 vor Christus, mit Platz für 15.000 Zuschauer. In der Arena ist der kreuzförmige Graben sichtbar, in dem einst die Käfige für Raubtiere standen.

Augusta Emerita, 25 vor Christus von Augustus als Veteranenkolonie gegründet, war Hauptstadt der Provinz Lusitanien und mit geschätzten 50.000 Einwohnern eine Großstadt des westlichen Imperiums. Das merkt man an der Dimension der Bauten: Der Römische Zirkus misst 403 mal 96 Meter – so lang wie vier Fußballfelder hintereinander – und bot 30.000 Zuschauern Platz für Wagenrennen. Die Römische Brücke über den Guadiana erstreckt sich mit 60 Bögen über 792 Meter; seit 1991 ist sie Fußgängern vorbehalten.

Auch abseits der großen Monumente steckt die Antike in Méridas Alltag. Der fälschlicherweise als „Tempel der Diana“ bekannte Bau – tatsächlich dem Kaiserkult geweiht – steht mitten in der Altstadt, seine korinthischen Säulen umrahmen einen Renaissancepalast, der im 16. Jahrhundert in den Tempel hineingebaut wurde. Im Museo Nacionál de Arte Romano, entworfen von Rafael Moneo und 2025 nach Renovierung wiederöffnet, führen Ziegelstein-Rundbögen durch Säle voller Skulpturen und Mosaiken – das Gebäude selbst ruht auf römischen Ruinen, die in der Krypta sichtbar sind.

Das Kombiticket für das gesamte Monumentalensemble kostet 17 Euro, Theater und Amphitheater allein 13 Euro. Von April bis September sind die Stätten von 9 bis 21 Uhr geöffnet, im Winter bis 18:30 Uhr. Per Zug ist Mérida ab Madrid in vier bis fünf Stunden erreichbar, per Auto über die A-5 Richtung Lissabon.

Segovia: Das Aquädukt ohne einen Tropfen Mörtel

In Segovia braucht niemand ein Museumsticket, um römische Ingenieurskunst zu bestaunen. Das Aquädukt steht einfach da – mitten in der Stadt, 28 Meter hoch an seiner höchsten Stelle über der Plaza del Azoguejo, 167 Bögen auf zwei Etagen, rund 25.000 Granitquader aus der Sierra de Guadarrama. Kein Mörtel. Kein Zement. Nur exakt behauener Stein, der seit knapp 2.000 Jahren allein durch Schwerkraft und die Präzision seiner Fugen hält.

Die Datierung wurde in den vergangenen Jahrzehnten korrigiert: Lange galt das 1. Jahrhundert nach Christus als Bauzeit, doch der Epigraphiker Géza Alföldy rekonstruierte 1992 anhand von Dübellöchern die verlorene Bronzeinschrift und wies sie Kaiser Trajan zu. Archäologische Funde von 2016 bestätigen eine Entstehung nach 112 nach Christus. Das Aquädukt leitete Wasser vom Río Frío über eine Gesamtstrecke von gut 16 Kilometern in die Stadt. Diese logistische Leistung veranschaulichen die Infotafeln am Centro de Interpretación del Acueducto.

Seit 1985 gehört die Altstadt von Segovia mit dem Aquädukt zum UNESCO-Welterbe. Die besten Blickwinkel: von der Plaza del Azoguejo nach oben, für die volle Wucht der Höhe, oder vom Mirador del Postigo für eine frontale Ansicht der Bogenreihen. Abends inszeniert eine LED-Beleuchtung das Monument vor dem Nachthimmel. Der Zugang ist kostenlos und jederzeit möglich. Segovia liegt rund 90 Kilometer nordwestlich von Madrid und eignet sich gut als Tagesausflug – per Hochgeschwindigkeitszug ab Chamartín in etwa 30 Minuten.

Cartagena: Das vergessene Theater unter der Altstadt

Fast 2.000 Jahre lang wusste niemand, dass unter Cartagenas Altstadthäusern ein römisches Theater liegt. Byzantinische Bauten, ein mittelalterliches Viertel und die Kathedrale Santa María la Vieja hatten sich über die Jahrhunderte darüber geschoben. Dann, 1988, stießen Bauarbeiter bei Erdarbeiten für ein Handwerkszentrum auf Steinreihen. Erst 1990 identifizierte der Archäologe Sebastián Ramallo Asensio die Funde definitiv als Theater, erbaut zwischen 5 und 1 vor Christus, gewidmet den Enkeln des Augustus, mit Platz für rund 6.000 Zuschauer.

Seit 2008 führt ein von Rafael Moneo entworfener Museumsparcours vom restaurierten Palacio de Riquelme durch Ausstellungsräume, dann durch einen unterirdischen Korridor unter der alten Kirche hindurch, bis der Besucher plötzlich im freigelegten Theater steht. Dieser inszenierte Übergang – vom geschlossenen Raum ins offene Halbrund – gehört zu den eindrucksvollsten Museumserlebnissen Spaniens. Zu den Exponaten zählen Korintherkapitelle aus Carrara-Marmor und eine Augustus-Statue.

Carthago Nova war in der Antike ein strategischer Militär- und Handelshafen; die Stadt liegt auf fünf Hügeln, ähnlich wie Rom selbst. Am Cerro del Molinete erstreckt sich der Barrio del Foro Romano, einer der größten städtischen Archäologieparks des Landes: Thermen, eine Curia, ein Isis-Heiligtum und der Decumanus Maximus – die Hauptstraße, die einst den Hafen mit dem Forum verband. Hier wird die Antike als Stadtarchäologie erlebbar: Zwischen modernen Wohnhäusern tauchen römische Mauern auf, als hätte jemand eine Schicht der Gegenwart abgezogen.

Das Museo del Teatro Romano kostet 7 Euro Eintritt; dienstags ist der Zugang in den letzten zwei Stunden vor Schließung kostenlos. Geöffnet ist von Dienstag bis Samstag, im Sommer bis 20 Uhr, im Winter bis 18 Uhr. Montags geschlossen.

 

Itálica bei Sevilla: Stille Ruinen, große Kaiser

Itálica ist das Gegenteil von Mérida. Keine belebte Stadt, kein Festivalprogramm, sondern eine verlassene Siedlung in der Hitze der andalusischen Ebene, wenige Kilometer nördlich von Sevilla. Wer durch die breiten, geometrisch angelegten Straßen der Nova Urbs wandert, ist fast allein. Disteln wachsen zwischen den Pflastersteinen. Eidechsen huschen über Mosaikböden, die seit Hadrians Zeiten in der Sonne liegen.

Und doch ist dieser Ort historisch von enormem Gewicht. Itálica wurde 206 vor Christus von Scipio Africanus als Siedlung für verwundete Legionäre gegründet – die erste dauerhafte römische Niederlassung auf der Iberischen Halbinsel. Hier wuchs Kaiser Trajan auf, hier stammte die Familie Kaiser Hadrians her. Trajans Geburt in Itálica im Jahr 53 nach Christus ist historisch gesichert; bei Hadrian ist der genaue Geburtsort zwischen Itálica und Rom umstritten. Seine Familie war jedoch unzweifelhaft italicensisch.

Das Amphitheater, erbaut unter Hadrian, fasste rund 25.000 Zuschauer und zählt zu den größten außerhalb Italiens. Heute wirkt es wie ein gewaltiger Krater: Die Sitzreihen sind weitgehend verschwunden – 1740 ließ Sevilla Teile der Mauern sprengen, um einen Damm am Guadalquivir zu errichten. Doch die unterirdischen Galerien sind begehbar, und wer hinabsteigt, steht dort, wo einst die Gladiatoren auf ihren Einsatz warteten. Serienfans kennen den Ort als Drachengrube aus Game of Thrones.

Die eigentliche Überraschung liegt in den Wohnhäusern: Rund 30 Mosaiken sind in situ erhalten. In der Casa del Planetario zeigt ein polychromes Bodenmosaik die sieben Planetengottheiten als Wochentage – Venus im Zentrum, umgeben von Saturn, Sol, Luna, Mars, Merkur und Jupiter. In der Casa de los Pájaros sind 33 verschiedene Vogelarten in einzelnen Rahmen dargestellt, jede ornithologisch erkennbar. Diese Detailtreue macht Itálica auch für Kinder spannend: Wer entdeckt den Papagei? Wo versteckt sich der Pfau?

Der Eintritt ist für EU-Bürger kostenlos, für andere 1,50 Euro. Die Ausgrabung liegt im Ort Santiponce, erreichbar in 30 Minuten per Bus M-170A ab Sevillas Busbahnhof Plaza de Armas. Montags ist geschlossen; im Hochsommer schließt die Stätte bereits um 15 Uhr – also früh kommen und Wasser mitbringen.

Von Lugo bis Zaragoza: noch mehr römische Spuren in Spanien

Wer nach den sechs großen Stationen noch nicht genug hat, findet überall in Spanien weitere Spuren. In Lugo umschließt die weltweit einzige vollständig erhaltene römische Stadtmauer auf gut zwei Kilometern die Altstadt – begehbar, kostenlos, rund um die Uhr. 71 Türme gliedern den Mauerring, der seit dem Jahr 2000 zum UNESCO-Welterbe zählt.

Am Strand von Bolonia bei Tarifa, mit Blick auf die afrikanische Küste, liegt Baelo Claudia: eine fast vollständig ausgegrabene Römerstadt, die vom Thunfischfang und der Garum-Produktion lebte. Forum, Basilika, drei Tempel der Kapitolinischen Trias, ein Theater und die Fischsalzfabriken sind sichtbar. Der Kontrast zwischen den hellen Ruinen und dem türkisfarbenen Atlantik macht Baelo Claudia zu einem der fotogensten antiken Orte Spaniens. EU-Bürger zahlen keinen Eintritt.

In Barcelona verstecken sich vier neun Meter hohe korinthische Säulen des Augustus-Tempels im Gebäude des Centre Excursionista de Catalunya, mitten im Gotischen Viertel – kostenlos zugänglich und leicht zu übersehen. Wer tiefer graben will, besucht das MUHBA an der Plaça del Rei: Rund 4.000 Quadratmeter begehbare Ausgrabung unter dem Platz zeigen originale Straßen, Wohnhäuser, Färbereien und ein frühchristliches Baptisterium. 

In Zaragoza, das seinen Namen dem Gründer Caesar Augustus verdankt, verbindet ein Kombiticket für 7 Euro vier Museen entlang der Ruta de Caesaraugusta – Forum, Theater, Flusshafen und Thermen, alle innerhalb von fünf Gehminuten um die Plaza del Pilar.

Praktische Tipps für die Römerreise durch Spanien

Die beste Reisezeit für Stätten unter freiem Himmel ist das Frühjahr, etwa März bis Mai, oder der Herbst, September bis November. Im andalusischen Hochsommer klettern die Temperaturen in Itálica und Baelo Claudia auf über 40 Grad – die Stätten schließen dann oft schon am frühen Nachmittag. Mérida ist im Juli und August nur in den Abendstunden angenehm, dafür lockt dann das Theaterfestival.

Ein zusammenhängender Roadtrip lässt sich gut planen: Von Barcelona nach Tarragona sind es 80 Kilometer, weiter nach Cartagena rund 500. Von dort nach Mérida etwa 450 Kilometer, dann Itálica bei Sevilla rund 200, und Baelo Claudia weitere 180. 

Segovia liegt im Landesinneren und lässt sich als Tagesausflug ab Madrid einbauen. Das spanische Hochgeschwindigkeitsnetz verbindet Barcelona, Zaragoza und Madrid; Mérida ist per Regionalzug oder Bus erreichbar.

Montags sind fast alle archäologischen Stätten in Spanien geschlossen – das gilt für Tarragona, Mérida, Cartagena, Itálica und Baelo Claudia gleichermaßen. 

Für EU-Bürger ist der Eintritt in die andalusischen Stätten Itálica und Baelo Claudia kostenlos; in Tarragona gibt es kostenlose Tage am letzten Dienstag im Monat. Aktuelle Öffnungszeiten und Preise ändern sich saisonal – ein Blick auf die offiziellen Websites der jeweiligen Stätten vor Reiseantritt lohnt sich.

Der Autor

Alexander Gresbek lebt seit vielen Jahren an der spanischen Mittelmeerküste. Der Journalist und Buchautor befasst sich mit spanischer Kultur und Traditionen. Zu seinem aktuellen Titel Die Costa Blanca Für Kluge Köpfe (erhältlich bei amazon) hier die Buchrezension.

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Kommentare :

  • user
    Elke 11/03/2026 um 16:51
    Die Illustrationen sind super, der Text sehr informativ