Erklimmbare Geschichte: Valencias Stadtmauer
1850 beschrieb der Chronist Vicente Boix Valencia als „eingeengt“ – die Stadt wolle „auf die andere Seite des Turia-Flusses auslaufen und besser atmen“. 15 Jahre später fielen die Mauern tatsächlich. Wer heute die Spuren der Stadtmauer Valencia sucht, findet sie in Museumskellern, auf gotischen Türmen und bei einem 5,5 Kilometer langen Rundgang durch die historische Altstadt Valencias.
Von Alexander Gresbek (Text, Fotos und Grafiken)
Im Lauf der Jahrhunderte errichtete Valencia gleich drei Mauerringe. Jede Herrschaft hinterließ ihren eigenen Ring – und jeder war größer als der vorherige, fast wie ein dehnbarer Hosenbund über Generationen.
Die Römer begnügten sich ab 138 v. Chr. mit dem Nötigsten. Ihre Befestigung umschloss kaum mehr als das Gebiet zwischen dem heutigen Palast der Generalitat, der Plaza de la Reina und den Straßen Avellanas und Náquera. In 15 Minuten war man durch – so beschreibt es der in Russland geborene Historiker George Grishin in seiner Stadtgeschichte Viva Valencia.
Nach 1030 errichteten die muslimischen Herrscher einen zweiten, weitläufigeren Mauerring, der im Norden bis an den Turia reichte. Davon ist kaum etwas geblieben. Eine Ausnahme: das Portal de la Valldigna (al-Qaysariya), ein unscheinbarer Torgang zwischen den engen Gassen nördlich der Altstadt.
Im 14. Jahrhundert zog die christliche Herrschaft den dritten und größten Mauerring. Er verlief entlang der heutigen Calle de Colón, über den Carrer de Xàtiva und den Carrer Guillem de Castro bis zum Turia-Flussbett. Heute verteilen sich die Überreste auf Museen, Türme und freigelegte Mauerstücke – stille Zeugen der Geschichte von Valencia.
Historisches Modell von Valencia: 50.000 Miniaturbäume
Wie Valencia innerhalb der Mauern aussah, zeigt das Museu Valencià de la Il·lustració i la Modernitat (Muvim). Ein Modell im Maßstab 1:500, mit 450 Häuserblocks und 50.000 Miniaturbäumen, versetzt Besucher ins 18. Jahrhundert – eine Stadt mit nur 45.000 Einwohnern.
Vorlage war der Stadtplan von Tomás Vicente Tosca y Mascó aus dem Jahr 1704. Die Detailtreue brachte ihm den Beinamen el capellà de les ratlletes – Kaplan der winzigen Linien – ein. Auffällig: Wo heute Gebäude dicht an dicht stehen, lagen damals noch offene Flächen innerhalb der Mauern.
Originale Stadtmauer Valencia: Steine mit Geschichte
Im Keller des Muvim schrumpft die Stadtmauer nicht mehr auf Fingerbreite. Hier lagert eines der wenigen Originalstücke: massive Steinquader, verbunden mit Mörtel. Die Qualität des Mauerwerks deutet darauf hin, dass mehrere Gewerke an der Errichtung beteiligt waren.
Ein Detail fällt auf: In den Stein ist ein wiederkehrendes Zeichen eingeritzt – die Marke eines Steinmetzes. Dasselbe Symbol findet sich an einer Burg in Teruel, die mit dem Templerorden in Verbindung gebracht wird. Ein frühes Graffito, dessen Bedeutung bis heute nicht geklärt ist.
Torres de Serranos Valencia: 200 Stufen zur Aussicht
Wer die Stadtmauer Valencia nicht nur sehen, sondern erleben möchte, steigt auf die Torres de Serranos. Die gotischen Verteidigungstürme von 1392 an der Nordseite der Altstadt sind das markanteste erhaltene Stück der christlichen Stadtmauer. Sie dienten nicht nur der Verteidigung, sondern auch dem Anspruch der Erbauer.
Rund 200 Stufen führen nach oben. Feinde tauchen am Horizont schon lange keine mehr auf; stattdessen fällt der Blick auf die Puente de Serranos und den belebten Turia-Park. Schwer vorstellbar, dass hinter diesem Tor einst die Stadt endete.
Die Türme haben einiges erlebt: Im Spanischen Bürgerkriegs dienten sie als Notfallstation für Verletzte und später als Versteck für rund 360 Gemälde aus dem Prado-Museum in Madrid. Heute läutet Valencias Bürgermeister hier am letzten Sonntag im Februar die Fallas-Saison mit der Crida ein.
Die Stadttore Portal de Quart und Puerta de los Judíos
Von den christlichen Stadttoren Valencias stehen neben den Torres de Serranos nur noch zwei. Im Westen der Altstadt: das Portal de Quart, erbaut im 15. Jahrhundert. Wer genau hinschaut, erkennt die Einschläge von Kanonenkugeln – Spuren des Spanischen Unabhängigkeitskriegs.
Weniger imposant, aber ebenfalls erhalten: die Überreste der Puerta de los Judíos, sichtbar für Besucher der Metrostation Colón. Ein kleineres, leicht zu übersehendes Tor – gerade deshalb einen Abstecher wert.
Valencia im IVAM: Stadtmauer im modernen Kontext
Auch das Institut Valencià d’Art Modern (IVAM) bewahrt ein Stück Stadtmauer im Keller – 2023 frisch renoviert. Archäologen führen regelmäßig durch die Räume und erklären den historischen Wert der freigelegten Mauerreste. Die Führungen finden auf Valenciano und Castellano statt.
Abriss der Stadtmauern Valencia: Ursachen und Folgen
Warum existieren heute nur noch Fragmente? Die Ausstellung La transformación de València 1866–2026 im Centre del Carme Cultura Contemporánea (CCCC) / dokumentiert 30 Wendepunkte der Stadtentwicklung. Der erste Wendepunkt: der Abriss der Stadtmauern 1865.
Josep Montesinos y Martínez, Honorarprofessor an der Universitat de València, erklärt: Die Mauern hielten moderner Artillerie nicht stand. Gleichzeitig brauchte die Stadt Kanalisation, breitere Straßen und Platz für Warenverkehr. Die Mauern, einst Schutz, wurden zum Hindernis.
Dass ausgerechnet die Torres de Serranos und das Portal de Quart überlebten, lag nicht am Denkmalschutz: 1865 dienten beide als Gefängnisse – sie waren noch in Gebrauch.
Neue Stadtplanung Valencia: Schachbrett statt Mauern
Nach dem Abriss veränderte sich Valencias Stadtbild drastisch. Vor den ehemaligen Mauern entstanden Viertel im Schachbrettmuster – lange, gerade Straßen, die sich in Schrägen kreuzen. Das Ensanche-Viertel ist ein Beispiel. Auch Sant Francesc und das Fischerviertel wandelten ihr Gesicht grundlegend.
Der Abriss bedeutete Modernisierung und Verlust des Kulturerbens, wie es auch in vielen anderen Städten passierte. Besonders auffällig ist, wie sich der Umgang mit den Überresten gewandelt hat: Was vor 160 Jahren noch entfernt wurde, ist heute zentral in vielen Ausstellungen. So zeigt sich, dass der Blick auf unsere Geschichte sich im Laufe der Zeit wandelt.
Und mit ihm auch die Bedeutung dessen, was wir bewahren.
Praktische Infos
Muvim (Museu Valencià de la Il·lustració i la Modernitat): Stadtmodell nach Pare Tosca, Überreste der Stadtmauer. Eintritt gratis. Di–Sa 10–14 und 16–20 Uhr, So und Fei 10–20 Uhr. Carrer de Quevedo 10.
CCCC (Centre del Carme Cultura Contemporánea): „La transformación de València 1866–2026". Eintritt gratis. Di–So 10–20 Uhr. Bis 22. Febr 2026. Carrer Museo 2.
IVAM (Institut Valencià d’Art Modern): Führung „El IVAM encontrado. Un paseo a la muralla medieval con José Ferrandis". Bis September 2026 monatlich. Anmeldung: bit.ly/4rDN3fo. Carrer de Guillem de Castro 118.
Torres de Serranos: 2 Euro, ermäßigt 1 Euro. Mo–Sa 10–19 Uhr, So und Fei 10–14 Uhr. Zugang bis 30 Min vor Schließung.
Der Autor
Alexander Gresbek lebt seit vielen Jahren an der spanischen Mittelmeerküste. Der Journalist und Buchautor befasst sich mit spanischer Kultur und Traditionen. Zu seinem aktuellen Titel Die Costa Blanca Für Kluge Köpfe (erhältlich bei amazon) hier die Buchrezension.
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