Windmühlen: Cervantes Riesen am Mittelmeer

Costa Blanca – Während Don Quijote in La Mancha gegen Windmühlen kämpfte, mahlten an der Costa Blanca echte Riesen das Getreide für ganze Landstriche. Elf weiße Zylinder thronen noch heute auf einem Hochplateau zwischen Jávea und Dénia. Stumme Zeugen einer Epoche, in der der Wind Brot bedeutete und die Molinos de La Plana der Motor einer ganzen Region waren.

von Alexander Gresbek (Text, Fotos und Illustrationen)

Jávea - Miguel de Cervantes wusste genau, welches Bild er wählte, als er seinen Don Quijote gegen Windmühlen anrennen ließ. Im Kastilien des 16. Jahrhunderts standen sie zu Hunderten auf den Hügeln von La Mancha – weiße Zylinder mit flatternden Segeln, weithin sichtbar, Symbol einer Welt, die sich schneller veränderte, als ein einzelner Mensch begreifen konnte.

Der Ritter von der traurigen Gestalt sah in ihnen Riesen. Für die Bauern waren sie etwas anderes: Brot.

Als die Riesen noch Getreide mahlten

200 Kilometer südöstlich, an der Costa Blanca, drehten sich zur gleichen Zeit die Flügel einer anderen Mühlenlandschaft. Elf Molinos de La Plana thronen heute noch auf einem Hochplateau zwischen Jávea und Dénia, aufgereiht von Südwest nach Nordost, den Blick aufs Meer gerichtet.

Hier, am Fuß des Montgó, blies derselbe Wind, der Cervantes' Fantasie beflügelt hatte: der Llebeig, der Südwestwind, der mit solcher Kraft und Verlässlichkeit vom Mittelmeer heranfegte, dass er eine ganze Wirtschaft in Bewegung setzen konnte.

Der Getreidespeicher von Alicante

Im 14. Jahrhundert wurde die erste Windmühle errichtet – eine massive Konstruktion aus Kalkstein und Tosca-Sandstein vom Strand von Jávea. Sieben Meter hoch, sechs Meter im Durchmesser, zwei Stockwerke: unten das Lager für Getreide, oben die Mahlsteine und der Mechanismus. Bis ins 18. Jahrhundert wuchsen sie auf elf Mühlen an – das größte Ensemble von Getreidemühlen in der gesamten Comunitat Valènciana.

Die Plana von Jávea galt als der Getreidespeicher von Alicante. Weizen wuchs hier auf Feldern, die heute längst von Olivenbäumen, Weinreben und Villen überzogen sind. Die Windmühlen standen strategisch dort, wo der Wind am stärksten wehte und gleichzeitig die Sicht auf die umliegenden Täler frei war. Von hier oben sieht man nach Süden das Tal von Jávea, nach Norden und Westen La Plana, und im Osten die Silhouette des Peñón de Ifach bei Calpe.

Die Müller kannten jeden Wind beim Namen. Sie wussten, wann der Llebeig kam und wie stark er blasen würde, wann sie die schweren Segeltücher spannen mussten und wann sie die Flügel stillstehen lassen konnten.

Sie kannten die Zeichen in den Steinen, manche davon Symbole von Steinmetzgilden, andere sollten das Haus vor Hexerei schützen – ein Detail, das Ferran Zurriaga i Agustí in seiner Arbeit La Plana. Terra del llebeig beschreibt.

Wenn der Llebeig das Korn zu Mehl verwandelt

Die Windmühlen waren keine romantischen Bauwerke, sondern hocheffiziente Maschinen. Das System war ausgeklügelt: Der Wind trieb die großen Flügel an, die über hölzerne Zahnräder die schweren Mühlsteine in Rotation versetzten. Das Getreide wurde im Erdgeschoss gelagert, über einen Aufzug nach oben befördert, zwischen den Steinen gemahlen und das fertige Mehl in Säcken wieder nach unten transportiert.

Bauern aus Jávea, Dénia und den umliegenden Orten brachten ihre Ernte hierher. Die Bezahlung erfolgte oft in Naturalien – ein Teil des gemahlenen Mehls ging an den Müller, der Rest wurde in Säcken abgeholt und zu den Bäckern gebracht. Es war ein Wirtschaftssystem, das jahrhundertelang funktionierte, ein Wirtschaftskreislauf, der vom Wind abhängig war und doch erstaunlich zuverlässig lief.

Die Mühlen waren Treffpunkte, Orte des Austauschs. Während die Bauern auf ihr Mehl warteten, wurde geredet, verhandelt, Neuigkeiten ausgetauscht. Die Molinos de La Plana waren mehr als nur Produktionsstätten – sie waren Teil des sozialen Gefüges der Region.

1911: Das Ende einer Ära

Das letzte Mal drehten sich die Flügel im Jahr 1911. Ein Mann namens Vicent Ribes erinnerte sich später: "Ich kannte die Mühle von Tono Garçó, ich war damals acht oder neun Jahre alt. Leute kamen von hier, von Dénia und anderen kleinen Orten. Die Segel waren aus Segeltuch, und uns Kindern wurde verboten, dort durchzugehen. Der Llebeig ließ sie drehen, und in jenen Jahren gab es eine Schwemme von Eseln, die sich um die Felder kümmerten."

Dann kamen die Dampfmühlen, die Elektrizität, die moderne Zeit. Die technologische Entwicklung machte die Windmühlen obsolet – neue Mühlen konnten unabhängig vom Wetter arbeiten, waren schneller, effizienter, produzierten mehr Mehl in kürzerer Zeit.

ie alten Molinos verloren ihre Funktion und damit ihre Flügel, ihre Segel, ihre Mechanik. Die hölzernen Zahnräder wurden abgebaut, die Mahlsteine entfernt oder zurückgelassen. Manche Windmühlen wurden zu Lagerräumen umfunktioniert, andere verfielen einfach. Der Wind blies weiter, aber niemand nutzte ihn mehr.

Zwischen Verfall und Erhaltung

Heute sind drei der elf Windmühlen im Besitz der Gemeinde Jávea, die anderen gehören Privatleuten. Der Zustand ist unterschiedlich: Einige wurden restauriert, haben wieder ein Dach, stehen stabil da – Zeugnis der Bemühungen, dieses kulturelle Erbe zu bewahren. Andere sind Ruinen – leere Zylinder ohne Decke, die Wände vom Wetter gezeichnet, Sträucher wachsen zwischen den Steinen. Es sind Relikte einer vergangenen Zeit, die langsam in die Landschaft zurückfallen.

Man kann von der Straße CV-736 aus hinauffahren zum Camí de les Pedres, wo ein Parkplatz liegt, keine zweihundert Meter von den Mühlen entfernt. Wer hierherkommt – und es kommen viele: Wanderer, Radfahrer, Familien mit Kindern, Touristen mit Kameras –, der steht vor Bauwerken, die funktional waren und nicht romantisch.

Dicke Wände, kleine Fensteröffnungen, keine Ornamente. Die Ästhetik lag in der Proportion, in der Klarheit der Form, in der Tatsache, dass sie genau das taten, wofür sie gebaut wurden: Wind in Brot verwandeln.

Von hier oben sieht man, was Jávea einmal war und was es geworden ist. Das Tal unten, wo früher Weizen wogte, ist heute eine Patchwork-Landschaft aus Häusern, Gärten, Straßen. Der Montgó ragt im Westen auf, ein Naturpark seit 1987. Im Osten glitzert das Meer. Es ist still hier oben, abgesehen vom Wind, der immer noch bläst, mit derselben Verlässlichkeit wie vor siebenhundert Jahren.

Weitere Windmühlen der Marina Alta: Ein verstreutes Erbe

Während die elf Molinos de La Plana bei Jávea das größte Ensemble darstellen, sind die Windmühlen keineswegs auf diesen Standort beschränkt. Über die gesamte Marina Alta verteilt stehen insgesamt 29 erhaltene Windmühlen – ein Netzwerk, das einst die gesamte Region mit Mehl versorgte. In Dénia thronen fünf Windmühlen auf verschiedenen Anhöhen, von denen einige einen spektakulären Blick über die Stadt und das Meer bieten.

Gata de Gorgos, heute vor allem für seine Korbflechtkunst bekannt, bewahrt drei Windmühlen als Zeugen seiner landwirtschaftlichen Vergangenheit. Die Küstengemeinde Benissa besitzt ebenfalls drei Mühlen, während in Pedreguer zwei Molinos auf dem Tossal dels Molins stehen – die Gemeinde hat diese mit einem Restaurierungsprojekt vor dem völligen Verfall bewahrt. Teulada zählt zwei Windmühlen, und selbst kleinere Orte wie Lliber und Calp besitzen jeweils eine.

Diese Verteilung zeigt, wie fundamental die Windkraft für die gesamte Region war. Jede Gemeinde brauchte ihre eigenen Mühlen, denn der Transport von Getreide und Mehl über größere Distanzen war beschwerlich.

Die Mühlen von Pedreguer etwa, strategisch auf einem Hügel positioniert, dienten den umliegenden Tälern, während die Mühlen von Benissa die Küstenregion und das Hinterland versorgten.

Alle diese Mühlen sind heute als Bien de Relevancia Local (Gut von lokaler Bedeutung) in der Kategorie ethnologisches Interesse geschützt, und es gibt Bestrebungen, sie als Kulturgut (Bien de Interés Cultural) anerkennen zu lassen – eine Würdigung ihrer Bedeutung für das kulturelle Erbe der Costa Blanca.

Cervantes' Erbe an der Costa Blanca

Cervantes hat vermutlich nie einen Fuß nach Jávea gesetzt. Seine Windmühlen standen in Campo de Criptana, in Consuegra, in den weiten Ebenen von La Mancha. Doch das Bild, das er schuf – der Kampf gegen die unbesiegbaren Riesen, die vergebliche Anstrengung, eine Welt festzuhalten, die sich unwiderruflich verändert – funktioniert hier an der Costa Blanca genauso gut wie dort.

Die Molinos de La Plana sind keine Riesen. Sie waren auch keine romantischen Postkartenmotive, als sie noch in Betrieb waren. Sie waren Wirtschaftsfaktoren, Arbeitsplätze, Infrastruktur. Bauern brachten ihre Ernte hierher, zahlten den Müller mit einem Teil des Mehls, holten Säcke ab und brachten sie zu den Bäckern. Es war ein System, das jahrhundertelang funktionierte, bis es nicht mehr funktionierte.

Was bleibt, sind die Türme. Elf Stück, manche intakt, manche nicht, alle leer. Sie drehen sich nicht mehr, mahlen kein Getreide, erfüllen keine Funktion außer einer: Sie erinnern daran, dass Dinge, die unbesiegbar schienen, irgendwann verschwinden. Nicht durch einen Kampf, nicht durch einen dramatischen Untergang. Sondern weil etwas Neues kommt, das effizienter ist, billiger, schneller.

Die Windmühlen von La Mancha: Vergleich zweier Welten

Während die Molinos de La Plana in relativer Abgeschiedenheit auf ihrem Hochplateau stehen, sind die Windmühlen von La Mancha zu Touristenattraktionen ersten Ranges geworden. In Consuegra und Campo de Criptana drängen sich Besuchergruppen, Souvenirshops säumen die Wege, Führungen erklären die Mechanik. Die kastilischen Mühlen wurden restauriert, ihre Flügel wieder angebracht – allerdings drehen sie sich meist nur noch für Fotos.

Die Windmühlen an der Costa Blanca haben diesen Massentourismus nicht erlebt. Sie stehen da, authentischer in ihrem Verfall, ehrlicher in ihrer Funktion: nicht als Kulisse für Selfies, sondern als das, was sie waren – Arbeitsorte. Vielleicht liegt gerade darin ihre besondere Anziehungskraft: Sie wurden nicht zu Disneyland-Versionen ihrer selbst gemacht, sondern dürfen sein, was die Zeit aus ihnen gemacht hat.

Dennoch verbindet beide Mühlenlandschaften mehr, als sie trennt. Sie erzählen von einer vorindustriellen Welt, in der Energie aus Wind gewonnen wurde, lange bevor moderne Windkraftanlagen das technisch perfektionierten. Sie zeigen, wie Menschen jahrhundertelang mit den natürlichen Ressourcen arbeiteten, sie nutzten, ohne sie zu erschöpfen. Und sie demonstrieren, wie schnell eine Technologie verschwinden kann, die jahrhundertelang unverzichtbar schien.

Ausblick: Was von den Riesen bleibt

Der Don Quijote von Cervantes kämpfte gegen Windmühlen, weil er in ihnen etwas sah, das nicht da war. Wir stehen heute vor Windmühlen und sehen in ihnen etwas, das nicht mehr da ist. Vielleicht ist das die eigentliche Parallele – nicht die literarische Romantik, sondern die Erkenntnis, dass unsere Wahrnehmung mehr über uns aussagt als über die Objekte selbst.

Die Molinos de La Plana sind heute mehr Erinnerung als Realität, mehr Symbol als Funktion. Sie erinnern an eine Zeit, in der die Costa Blanca noch kein Touristenziel war, sondern landwirtschaftliches Gebiet. An eine Zeit, in der Jávea vom Getreideanbau lebte und nicht vom Tourismus. An eine Epoche, in der Menschen mit und nicht gegen die Natur arbeiteten.

Gleichzeitig sind sie Teil einer Diskussion über Denkmalschutz und kulturelles Erbe. Soll man sie restaurieren, ihre ursprüngliche Form wiederherstellen, sie zu Museen machen? Oder soll man sie dem natürlichen Verfall überlassen, als Mahnung an die Vergänglichkeit allen menschlichen Schaffens? Die Gemeinde Jávea hat sich für einen Mittelweg entschieden: einige erhalten, andere als Ruinen akzeptieren.

Der Wind weht weiter, mit derselben Kraft wie vor Jahrhunderten. Die Flügel drehen sich nicht mehr. Doch die elf Türme auf dem Hochplateau zwischen Jávea und Dénia stehen noch immer, sichtbar von weitem, unübersehbar für jeden, der die Region durchquert.

Sie sind zu Wahrzeichen geworden – nicht einer funktionierenden Wirtschaft, sondern einer vergangenen Zeit. Und vielleicht ist das ihre wichtigste Funktion heute: zu zeigen, dass auch das, was uns unvergänglich erscheint, irgendwann nur noch Erinnerung ist.

Praktische Informationen zum Besuch der Mühlen

Lage und Anfahrt: Die Molinos de La Plana befinden sich auf einem Hochplateau im Naturpark Montgó, zwischen Jávea und Dénia. Von der CV-736 (Verbindungsstraße Jávea-Dénia) biegt man rechts auf die CV-7362 (Richtung Cabo de San Antonio) ab, dann rechts auf den Camí de les Pedres. Parkmöglichkeit etwa 200 Meter von den Windmühlen entfernt.

Die Windmühlen
Anzahl: 11 Windmühlen
Bauzeitraum: 14. bis 18. Jahrhundert
Größe: circa 7 Meter Höhe, 6 Meter Durchmesser
Betrieb: bis 1911
Besonderheit: Größtes Ensemble von Getreidemühlen in der Comunitat Valenciana.

Besichtigung

Die Windmühlen sind frei zugänglich. Einige sind leer und offen, andere befinden sich in Privatbesitz und sind verschlossen. Die Aussicht von den Mühlen ist spektakulär: Blick auf die Bucht von Jávea, das Montgó-Massiv, den Peñón de Ifach und bei klarem Wetter bis nach Ibiza. Bestes Licht für Fotografen am frühen Morgen oder späten Nachmittag.

Wanderrouten

Kurze Route (ca. 1,5 km, einfach): Vom Erholungsgebiet Cabo de Sant Antoni zu den Windmühlen – ideal für Familien mit Kindern.
Lange Route (ca. 15 km, mittelschwer): Vom Hafen von Jávea über die Windmühlen bis zum Gipfel des Montgó (753 m) – festes Schuhwerk erforderlich

In der Nähe

Naturpark Montgó (Wanderrouten verschiedener Schwierigkeitsgrade)
Cabo de San Antonio (Leuchtturm und Aussichtspunkt)
Cova Tallada (beeindruckende Höhle am Meer, nur mit Reservierung im Sommer zugänglich)
Altstadt von Jávea (7 km, sehenswerte historische Kirche und Markthallen)

Beste Reisezeit

Frühjahr (März bis Mai) und Herbst (September bis November) – angenehme Temperaturen zum Wandern, weniger Touristen. Im Sommer kann es auf dem Hochplateau sehr heiß werden.

Der Autor

Als Kenner der Costa Blanca lebt Alexander Gresbek seit vielen Jahren in der spanischen Region am Mittelmeer.

Der Journalist und Buchautor befasst sich mit spanischer Kultur und Traditionen. Zu seinem aktuellen Titel Die Costa Blanca Für Kluge Köpfe (erhältlich bei amazon) hier die Buchrezension.