Spanien wird Chinas Autofabrik in Europa
Chinas Konzerne bauen die Iberische Halbinsel zum Brückenkopf für den europäischen Markt aus. Chery produziert bereits in Barcelona, BYD prüft ein drittes Europawerk in Spanien, und CATL baut bei Zaragoza eine der größten Batteriefabriken des Kontinents. Das Land entwickelt sich zum wichtigsten Standort für Chinas Elektroauto-Offensive in Europa.
von Alexander Gresbek (Text und Illustration)
Barcelona - Die europäische Automobilindustrie steckt in ihrer tiefsten Transformation seit dem Beginn der Massenproduktion. Elektromobilität, geopolitische Verwerfungen und neue Abhängigkeiten verschieben die Machtzentren einer Branche, die jahrzehntelang als Rückgrat europäischer Industrie galt. Mitten in diesem Umbruch schiebt sich ein Land nach vorn, das lange als Nebenschauplatz der europäischen Autoindustrie galt: Spanien.
Chinesische Hersteller wie Chery oder BYD drängen nicht mehr nur mit günstigen Fahrzeugen auf den europäischen Markt. Sie bauen eigene Produktionsstätten innerhalb der EU auf.
Und kaum ein Land bietet dafür bessere Voraussetzungen als Spanien: niedrigere Lohnkosten als in Deutschland oder Frankreich, gut ausgebaute Hafeninfrastruktur, erfahrene Industriearbeiter und stillgelegte Werksgelände, die auf neue Nutzung warten.
Barcelona: Chery produziert im alten Nissan-Werk
Am deutlichsten zeigt sich der Wandel in Barcelona. In der ehemaligen Nissan-Fabrik in der Zona Franca startete im November 2024 die Produktion unter Führung von EV Motors und dem chinesischen Hersteller Chery. Das Joint Venture investiert rund 400 Millionen Euro in den Standort und will bis 2027 jährlich 50.000 Fahrzeuge fertigen, ab 2029 sogar 150.000.
Zunächst laufen die SUV-Modelle Ebro S700 und S800 vom Band – Fahrzeuge auf Basis chinesischer Chery-Technik, vertrieben unter der wiederbelebten spanischen Marke Ebro. Seit dem letzten Quartal 2025 werden dort auch Modelle der Chery-Marke Omoda montiert.
Bis 2026 sollen 1.250 Arbeitsplätze entstehen, viele davon für ehemalige Nissan-Beschäftigte. Premierminister Pedro Sánchez nannte das Projekt ein Symbol für die Reindustrialisierung Kataloniens.
4,1 Milliarden Euro für Batterien bei Zaragoza
Noch größer dimensioniert ist das Batterieprojekt in Figueruelas bei Zaragoza. Der chinesische Batterieriese CATL und der Autokonzern Stellantis investieren dort gemeinsam bis zu 4,1 Milliarden Euro in eine Fabrik für Lithium-Eisenphosphat-Zellen (LFP). Die Anlage soll Ende 2026 die Produktion aufnehmen und eine Kapazität von 50 Gigawattstunden erreichen – genug für Batterien in rund 700.000 Elektrofahrzeugen pro Jahr.
Zum Baustart im November 2025 kamen rund 2.000 chinesische Facharbeiter nach Spanien, um die Produktionslinien zu installieren. Langfristig sollen bis zu 4.000 lokale Arbeitskräfte ausgebildet werden. Die EU unterstützt das Projekt mit 300 Millionen Euro. Es ist die bislang größte chinesische Einzelinvestition in Spanien.
BYD hat Spanien im Visier
Auch Chinas größter Elektroautohersteller BYD liebäugelt mit Spanien. Nach Insider-Berichten von Reuters (Oktober 2025) prüft der Konzern das Land als Standort für sein drittes Europawerk – nach den bereits geplanten Fabriken in Ungarn (Testproduktion seit Januar 2026) und der Türkei (Bau seit Dezember 2025).
BYD-Landeschef Alberto De Aza bezeichnete Spanien als „idealen Standort für eine Erweiterung der europäischen Präsenz“. Und Spaniens Vize-Präsidentin Yolanda Díaz setzt auf mehr Arbeitsplätze. Eine endgültige Entscheidung stand zuletzt noch aus.
Der strategische Hintergrund: BYD will innerhalb von drei Jahren alle in Europa verkauften Elektroautos auf dem Kontinent fertigen, um die EU-Strafzölle auf chinesische E-Auto-Importe zu umgehen. Diese liegen seit November 2024 je nach Hersteller bei 17 bis 35,3 Prozent – zusätzlich zum regulären Zollsatz von zehn Prozent.
Warum ausgerechnet Spanien?
Dass sich chinesische Konzerne auf Spanien konzentrieren, hat mehrere Gründe. Die Produktionskosten liegen deutlich unter dem deutschen oder französischen Niveau. Das Land verfügt über eine gut ausgebaute Logistik, erneuerbare Energien deckten 2024 erstmals mehr als die Hälfte der Stromerzeugung, und die politische Führung signalisiert Offenheit.
Premierminister Sánchez reiste im März 2023, September 2024, April 2025 und im April 2026 nach Peking – vier China-Besuche innerhalb von drei Jahren. Bei der EU-Abstimmung über die Strafzölle auf chinesische Elektroautos enthielt sich Spanien.
Washington kritisierte die Annäherung scharf: US-Finanzminister Scott Bessent warnte, die Hinwendung zu China sei für Europäer wie „sich selbst die Kehle durchschneiden“.
Europas Dilemma: Investitionen oder Souveränität?
Die chinesischen Investitionen in Spanien offenbaren ein grundsätzliches Spannungsfeld der europäischen Industriepolitik. Die Fabriken stehen zwar in Europa, aber Technologie, Batteriezellen, Lieferketten und ein großer Teil der Wertschöpfung bleiben in chinesischer Hand. Spanien könnte damit zum Zentrum einer neuen europäischen Elektroauto-Industrie werden – oder zur verlängerten Werkbank eines technologisch dominanten Chinas.
Deutschland steht exemplarisch für die Unsicherheit auf europäischer Seite. Förderprogramme für Elektroautos wurden gekürzt, später wieder Milliardenhilfen angekündigt. Die europäische Batterie-Initiative ACC (ein Joint Venture von Stellantis, Total und Mercedes-Benz) steckt in Schwierigkeiten: Die geplanten Werke in Kaiserslautern und Termoli liegen auf Eis, letzteres steht möglicherweise vor dem endgültigen Aus. CATL in Spanien füllt genau diese Lücke.
Am Ende geht es um mehr als Autos. Es geht um die Frage, wer die technologische Infrastruktur Europas künftig kontrolliert. China nutzt Spanien als Tor zum europäischen Markt. Spanien nutzt China als Motor für wirtschaftliche Modernisierung. Und Europa sucht weiterhin nach einem Weg zwischen Offenheit, Schutz und strategischer Eigenständigkeit.
Quellen: Reuters (Oktober 2025), electrive.net, Euronews, Bloomberg, Handelsblatt, La Moncloa (Pressemitteilung April 2025), Stellantis Media (Dezember 2024), Catalonia Trade & Investment, Xinhua
Der Autor
Als Kenner der Costa Blanca lebt Alexander Gresbek seit vielen Jahren in der spanischen Region am Mittelmeer. Der Journalist und Buchautor befasst sich mit spanischer Kultur und Traditionen. Zu seinem aktuellen Titel Die Costa Blanca Für Kluge Köpfe (erhältlich bei amazon) hier die Buchrezension.
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