Surrealismus in Spanien

Den spanischen Surrealismus haben in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts vor allem Dalí und Miró geprägt. Heißt es. Doch eine Künstlerin aus Nordwestspanien hat diese Kunstform maßgeblich mit beeinflusst.

Von Sabine Ludwig

Salvador Dalí, Joan Miró, die Brüder Luis und Alfonso Buñuel aus Aragón sowie Oscar Domínguez aus Teneriffa gelten als Vertreter des Surrealismus auf der Iberischen Halbinsel. Erst mit der Galicierin Maruja Mallo stieß eine Frau in diese Künstlergruppe (siehe Aufmacherbild). 

Dalís Heimat Katalonien gilt als Wiege des spanischen Surrealismus. Doch auch in anderen Landesteilen suchte der Exzentriker zusammen mit Gleichgesinnten Inspirationen für das Bildrepertoire. Die Collagen des Deutschen Max Ernst inspirierten ihn ebenso wie eine internationale Surrealisten-Ausstellung im künstlerisch aufstrebenden Teneriffa 1935.

Surrealismus in der Diaspora

Hinzu kam das spanischsprechende Ausland, wie Mexiko, wo sich diese Kunstrichtung durch bekannte Vertreterinnen wie Frida Kahlo und Remedios Varo manifestierte. Der „Surrealismus in der Diaspora“ umfasst nicht nur spanischsprachige Maler, sondern Individualisten aus der ganzen Welt. André Breton als wichtigster Theoretiker dieses Stils bezeichnete Spanien immer noch als „terre surréaliste“. Damit bezog er sich wohl auf den Einfluss der Maler Miró („Karneval der Harlekins 1924) und Dalí („Apparat und Hand“, 1927) , die den Surrealismus ab Mitte der 1920er Jahre prägten. 

Erst kürzlich zog es trotz Corona viele Gäste in die Frankfurter Ausstellung „Fantastische Frauen“. Dort gab sich das „Who is Who“ bekannter Surrealistinnen die Ehre. Die Ausstellung war weiblich. Konsequent. Die Elite der Frauen jenes Kunststils zeigte sich tabulos. Nur ausgerechnet Maruja Mallo hatten die Organisatoren unterschlagen. Kein einziges Werk von ihr war zu sehen. Das zeigt, wie unbekannt Spaniens größte Surrealistin im Ausland nach wie vor ist, während ihre Bilder in Spanien so gefragt sind, dass mehr Bilder von ihr im Umlauf sind, als Mallo überhaupt gemalt haben kann.

Vom Fetisch zur Künstlerin

Wir kennen Frauen im Surrealismus hauptsächlich als Marionetten im Zentrum von Männerfantasien: Als Fetisch, Göttin, Teufelin, Puppe oder geheimnisvolles Traumwesen. Vor allem in den Bildern von Dalí. Frauen drangen meist nur als Modell, Muse oder Geliebte in den erlesenen Kreis der männlichen Maler. Aber: In Dalis Herkunftsland gab es unter den Surrealisten mehr Frauen als allgemein bekannt war. Maruja Mallo aus Galicien gehört zweifellos zur elitären Riege dazu. André Breton lud entsprechende Malerinnen  in den 1920er und 1930er Jahren regelmäßig in seine Pariser Salons ein. Von der Galicierin war er so angetan, dass er ihr 1930 entstandenes Ölgemälde „Espantapajaros“, zu deutsch „Vogelscheuche“, abkaufte. 

Andere Frauen hatten es mit der Reputation als extravagante Surrealistinnen schon längst geschafft. Zu ihnen gehören Louise Bourgeois, Leonor Fini, Frida Kahlo, Dora Maar, Jeannette Tanguy oder Dorothea Tanning. Das lag vor allem daran, dass dieser Kunststil in deren Herkunftsländern bereits viel populärer und auch akzeptierter war als auf der Iberischen Halbinsel.

Flucht vor dem Bürgerkrieg nach Argentinien

Die 1902 im galicischen Viveiro als Ana María Gómez González geborene Mallo studierte an der Real Academia de Bellas Artes (Kunstakademie) in Madrid. Zuerst malte sie klassisch und romantisch, bevor sie sich dem Surrealismus verschrieb. Ihre im Stil des Magischen Realismus und der Neuen Sachlichkeit gemalten Bilder wurden 1928 im Hauptstadtbüro der Zeitschrift Revista de Occidente gezeigt. Währenddessen lernte die resolute Vertreterin der spanischen Avantgarde Dalí, den Schriftsteller García Lorca und den Filmemacher Luis Buñuel kennen. Sie bewegte sich im zeitgenössischen Literatenkreis der spanischen Kunstbewegung  Generación del 27. Ab 1932 reiste sie regelmäßig nach Paris, um dort in die Surrealisten-Szene einzutauchen und Kontakte zu pflegen. In den 1920er Jahren malte sie bunt und vielfältig, während ihre Bilder in den 1930er Jahren zunehmend düsterer wurden. Eine Liebesbeziehung zu dem gleichaltrigen späteren Dichter Rafael Alberti Merello, der auch der Generación del 27 angehörte, scheiterte.

Nach einer kurzen Episode als Zeichenlehrerin in ihrer Heimatregion Galicien wanderte sie 1936 als Antwort auf den ausbrechenden Bürgerkrieg und den zunehmenden Faschismus in ihrer Heimat nach Argentinien aus. Sie setzte sich für Gleichberechtigung und Emanzipation ein und stand dem patriarchalischen System Spaniens ablehnend gegenüber. Erst in den 1960er Jahren kehrte sie nach Spanien zurück. Trotz der Erfolge ihrer Ausstellung in Übersee – im Exil in Buenos Aires wurden Elemente aus der Geometrie und Mathematik zu neuen Facetten ihrer Bilder – kannte sie niemand mehr. Erst in den 1970er Jahren hat eine junge Künstlergeneration ihrer Heimat Mallo und ihr Œuvre wiederentdeckt und gefeiert.

Sie pflegte ihre Einsamkeit und behauptete, sie gebe ihr Raum für neue Inspirationen. Die immer grell geschminkte, rothaarige und modern denkende Emanze galt als Vorbild für Spaniens junge Kreative. Im Februar 1995 starb Maruja Mallo in Madrid. Einsam, wie sie auch gelebt hatte.

Auszeichnungen: 1990: Goldmedaille von Madrid, 1991: Goldmedaille der Xunta de Galicia, 1995: „Medaille zum Verdienst der Schönen Künste“ und „Nationaler Preis der Plastischen Künste“

Die Autorin

Sabine Ludwig ist Journalistin und hat ein Faible für Künstler und Kunstrichtungen in aller Welt. Sie betreibt neben ihrem Kunstblog sl4artglobal noch das Web-Magazin sl4lifestyle.