Touristensteuer in Spanien: Abzocke oder Rettung?
Spanien dreht an der Steuerschraube: Barcelona verlangt seit April bis zu 15 Euro Touristensteuer pro Nacht, weitere Regionen ziehen nach. Doch wer genau hinschaut, erkennt hinter den Zahlen einen Plan, der Urlaubern am Ende sogar nützen könnte.
von Alexander Gresbek
97 Millionen ausländische Touristen besuchten Spanien im Jahr 2025. Sie gaben 135 Milliarden Euro aus, 6,8 Prozent mehr als im Vorjahr. Rekord. Zum zweiten Mal in Folge. Tourismus trägt rund 13 Prozent zur spanischen Wirtschaft bei, beschäftigt jeden achten Arbeitnehmer im Land, füllt die Kassen der Küstenstädte. Gleichzeitig gehenTausende Einheimische in Barcelona, auf Mallorca, in Málaga und auf den Kanaren auf die Straße. Ihre Botschaft: So geht es nicht weiter.
Die Touristensteuer ist Spaniens Versuch, auf beide Seiten gleichzeitig zu hören. Und je nach Region klingt die Antwort sehr unterschiedlich.
Was Barcelona seit April verlangt
Katalonien hat die Übernachtungsabgabe zum 1. April 2026 verdoppelt. In Barcelona addieren sich jetzt eine regionale Steuer (bis zu 7 Euro in Fünf-Sterne-Hotels) und ein kommunaler Zuschlag (aktuell 5 Euro, bis 2029 steigend auf 8 Euro) zu einer Gesamtabgabe von bis zu 12 Euro pro Nacht und Person. Bei Luxusunterkünften können es mit dem erhöhten Zuschlag bis zu 15 Euro werden.
Wer im Drei-Sterne-Hotel oder einer Ferienwohnung absteigt, zahlt weniger: zwischen 6 und 10 Euro pro Nacht. Kinder und Jugendliche unter 17 sind befreit. Die Steuer fällt für die ersten 14 aufeinanderfolgenden Nächte an. Auf den Gesamtbetrag kommen 10 Prozent Mehrwertsteuer.
Für Kreuzfahrtpassagiere hat Barcelona einen besonderen Dreh gefunden: Wer weniger als 12 Stunden in der Stadt bleibt, zahlt mehr (11 Euro) als jemand, der über Nacht bleibt (9 Euro). Die Logik dahinter: Kurzbesucher, die aus dem Kreuzfahrtschiff strömen, die Ramblas verstopfen und kaum Geld in der lokalen Wirtschaft lassen, sollen stärker zur Kasse gebeten werden.
Auch im restlichen Katalonien steigen die Abgaben. In Girona, an der Costa Brava oder in Lloret de Mar gelten die erhöhten Regionsätze. Einzelne Gemeinden dürfen einen eigenen Zuschlag von bis zu 4 Euro einführen und diesen sogar saisonal staffeln.
Wohin fließt das Geld?
Hier wird es interessant. Denn Kataloniens Steuermodell ist kein reiner Griff in die Urlauberkasse. 25 Prozent der Einnahmen müssen laut Gesetz in den Wohnungsbau fließen. Barcelona hat dafür einen konkreten Grund: Die Stadt will bis 2028 sämtliche Lizenzen für die touristische Kurzzeitvermietung von Wohnungen stornieren.
Die Steuereinnahmen sollen helfen, den Übergang zu finanzieren. Die übrigen 75 Prozent gehen in Maßnahmen für den Tourismussektor selbst: Stadtreinigung, Sicherheit, Instandhaltung von Sehenswürdigkeiten, Verkehrssteuerung. 2024 brachte allein Barcelonas kommunaler Zuschlag rund 95 Millionen Euro an Mehreinnahmen ein. Für 2026 rechnet die Stadt mit etwa 115 Millionen.
Auf den Balearen-Inseln funktioniert das Modell schon länger. Die Ecotasa, seit 2016 erhoben, brachte zuletzt rund 138 Millionen Euro pro Jahr ein. 30 Prozent davon fließen in Umwelt- und Naturschutzprojekte: Renaturierung von Feuchtgebieten, Aufkauf von Ländereien für Naturparks, Schutz der Küstenstreifen.
Ein Teil geht in den sozialen Wohnungsbau, ein weiterer in die Verbesserung der Arbeitsbedingungen im Tourismussektor. Die Balearen-Regierung listet auf einer öffentlich zugänglichen Website, welche Projekte mit dem Geld gefördert werden. Diese Transparenz ist in Spanien eine Ausnahme.
Balearen: Geplante Erhöhung, dann Kehrtwende
Die Inselgruppe der Balearen liefern aber auch ein Beispiel dafür, wie politisch aufgeladen das Thema ist. Im Herbst 2025 hatte Ministerpräsidentin Marga Prohens noch eine Erhöhung der Ecotasa um 1,50 bis 3 Euro pro Tag in den Sommermonaten vorgeschlagen. Im April 2026 kam die Kehrtwende: Finanzminister Antoni Costa erklärte, man halte eine Erhöhung „nicht mehr für notwendig“.
Die Begründung: Die Besucherzahlen seien in der Hochsaison nur um 0,7 Prozent gestiegen, der touristische Druck habe sich stärker auf Vor- und Nachsaison verteilt. Gleichzeitig fordert die Gewerkschaft CCOO weiterhin bis zu 15 Euro Kurtaxe pro Tag, um Touristen in der Hauptsaison aktiv abzuschrecken.
Aktuell bleibt es auf Mallorca bei 1 bis 4 Euro pro Nacht je nach Hotelkategorie (Hauptsaison Mai bis Oktober), in der Nebensaison nur ein Viertel davon. Ab dem neunten Aufenthaltstag halbiert sich der Betrag. Im Januar und Februar entfällt die Steuer komplett, um Anreize für Winterbesuche zu schaffen. Kinder unter 16 zahlen nichts.
Spanien: Ein Flickenteppich
Wer glaubt, Spanien erhebe flächendeckend eine Touristensteuer, liegt falsch. Das Land ist ein Flickenteppich: In Katalonien und auf den Balearen zahlen Urlauber bereits. Santiago de Compostela in Galicien und Toledo in Kastilien haben kommunale Abgaben eingeführt. Im Baskenland diskutieren die Städte Bilbao und San Sebastián über eigene Modelle. Auf Gran Canaria erhebt die Gemeinde Mogán eine Besuchergebühr.
Doch große Teile Spaniens wehren sich dagegen. Madrid plant nicht, eine Kurtaxe einzuführen. In Andalusien besteht ein offener Interessenkonflikt: Die Bürgermeister von Sevilla, Granada und Málaga würden eine Abgabe gern einführen, weil ihre historischen Stadtzentren ganzjährig unter Besucherdruck stehen. Das Geld könnte in die Instandhaltung von Sehenswürdigkeiten und die Entlastung gentrifizierter Viertel fließen.
Doch die PP-geführte Regionalregierung unter Juan Manuel Moreno blockiert das Vorhaben. Sie besteht auf einer einheitlichen Lösung für ganz Andalusien, und die Küstenorte an der Costa del Sol fürchten Wettbewerbsnachteile gegenüber steuerfrei gebliebenen Regionen. In der Comunidad Valenciana wurde 2022 eine Kurtaxe beschlossen, nach dem Machtwechsel von der PSOE zur PP aber wieder kassiert.
Was Urlauber tatsächlich spüren
Wie stark trifft die Steuer das Reisebudget? Ein Rechenbeispiel: Ein Paar, das sieben Nächte in einer Ferienwohnung in Barcelona verbringt, zahlt seit April rund 63 Euro Touristensteuer (inklusive Mehrwertsteuer). Bei einem Gesamtbudget von 2.000 Euro für die Reise sind das gut drei Prozent.
Auf Mallorca im gleichen Unterkunftstyp wären es knapp 31 Euro. Das ist spürbar, aber kein Betrag, der eine Reiseentscheidung kippt. Die Hotelbranche in Barcelona hat im vergangenen Jahr 2,2 Milliarden Euro Umsatz gemacht. Die Abgabe hat die Nachfrage bisher nicht gebremst.
Was für die Touristensteuer spricht
Die Tourismusindustrie ist Spaniens ökonomische Lebensader. Ohne sie hätte das Land nach der Eurokrise und der Pandemie nicht so schnell wieder auf die Beine kommen können. Doch die Kehrseite ist ebenso real: Mietsteigerungen, Wasserknappheit, überlastete Infrastruktur, prekäre Jobs im Gastgewerbe. 97 Millionen Besucher hinterlassen Spuren.
Die Touristensteuer ist kein Allheilmittel, aber sie schafft ein Werkzeug, das es vorher nicht gab. Wenn die Einnahmen tatsächlich in Wohnraum, Naturschutz und bessere Arbeitsbedingungen fließen, profitieren am Ende auch die Urlauber selbst: durch sauberere Strände, erhaltene Altstädte, entspanntere Gastgeber.
Was gegen die Touristensteuer spricht
Die Skepsis ist berechtigt. Nicht überall ist nachvollziehbar, wofür das Geld ausgegeben wird. Auf den Balearen wurde Ecotasa-Geld in der Vergangenheit auch für Musikevents und zum Stopfen von Haushaltslöchern verwendet. Kritiker bezweifeln, dass moderate Abgaben die Besucherzahlen tatsächlich senken. Venedigs Tagesgebühr von 5 Euro hat die Stadt nicht leerer gemacht.
Und es gibt einen Wettbewerbseffekt: Wenn Barcelona 15 Euro pro Nacht verlangt und Málaga null, könnten sich Touristenströme einfach verlagern, ohne dass sich an den Grundproblemen etwas ändert.
Ländliche Gebiete im Aufwind
Spanien sucht seine Balance. Die Regierung in Madrid spricht von „dreifacher Nachhaltigkeit“: sozial, ökonomisch und ökologisch. Die Statistik zeigt erste Verschiebungen: Ländliche und weniger bekannte Regionen wie der Aragón verzeichneten zwischen 2019 und 2025 einen Besucherzuwachs von rund 60 Prozent. Die Ausgaben pro Kopf steigen schneller als die Besucherzahlen. Der Tourismus verteilt sich langsam über das Jahr, statt sich auf Juli und August zu konzentrieren.
Die Touristensteuer allein wird Spaniens Tourismusprobleme nicht lösen. Aber sie zwingt alle Beteiligten, eine Frage zu beantworten, die lange niemand gestellt hat: Was ist ein Urlaubstag an einem der meistbesuchten Orte der Welt eigentlich wert?
Quellen: Ministerio de Industria y Turismo, Generalitat de Catalunya, Govern de les Illes Balears, ADAC, Euronews, AFP, Costa Nachrichten, Mallorca Magazin, Falstaff, sonnenklar.TV, idealista, Inselzeitung, ESADE Business School
Der Autor

Als Kenner der Costa Blanca lebt Alexander Gresbek seit vielen Jahren in der spanischen Region am Mittelmeer. Der Journalist und Buchautor befasst sich mit spanischer Kultur und Traditionen. Zu seinem aktuellen Titel Die Costa Blanca Für Kluge Köpfe (erhältlich bei amazon) hier die Buchrezension.
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