Spanien: Front gegen Trump und Hilfe für Kuba
Beim Barcelona-Gipfel hat Pedro Sánchez am 18. April 2026 den größten progressiven Gipfel der vergangenen Jahre organisiert und dabei die Hilfe für Kuba thematisiert. Über 100 Parteien aus fünf Kontinenten, Staatschefs von Brasilien bis Südafrika waren dabei. Trump antwortete noch am selben Tag mit einem Angriff auf Spaniens Wirtschaft. Gleichzeitig veranstaltete die europäische Rechte einen Gegenaufmarsch in Mailand. Die Frage lautet: Wird Barcelona zum Startpunkt einer neuen Gegenbewegung oder bleibt es bei der Rhetorik?
von Alexander Gresbek (Text und Illustrationen)
Zwei Gipfel an einem Tag: Am Samstagvormittag hat in der Fira Barcelona das vierte Treffen En Defensa de la Democracia (Zur Verteidigung der Demokratie) getagt. Spanien und Brasilien hatten das Format 2024 gemeinsam gegründet, als Forum gegen „Extremismus, Polarisierung und Desinformation“, so die Veranstalter. Am Nachmittag folgte die erste Global Progressive Mobilization, ein neues Format, das Sánchez zusammen mit dem ehemaligen schwedischen Premierminister Stefan Löfven konzipiert hatte.
Die Teilnehmerliste liest sich wie eine Aufstellung der verbliebenen progressiven Regierungschefs weltweit: Brasiliens Lula da Silva, Mexikos Claudia Sheinbaum, Südafrikas Cyril Ramaphosa, Kolumbiens Gustavo Petro, Uruguays Yamandú Orsi und der ehemalige chilenische Präsident Gabriel Boric.
Aus den USA reisten Senator Chris Murphy (Connecticut) und Minnesotas Gouverneur Tim Walz an, der erst im November 2024 als Vizepräsidentschaftskandidat gegen Trumps Ticket angetreten war. Videobotschaften kamen von Hillary Clinton, Bernie Sanders und New Yorks Bürgermeister Zohran Mamdani. Klingbeil, Deutschlands Vizekanzler und Finanzminister, formulierte die europäische Lektion des Tages: „Die extreme Rechte ist international, also müssen wir es auch sein.“
Auffällig fehlten die nordeuropäischen Sozialdemokraten: Mette Frederiksen aus Dänemark und Keir Starmer aus Großbritannien waren nicht in Barcelona. Ob aus politischer Distanz oder Termingründen, blieb offen.
Was Sánchez und Lula sagten
Sánchez eröffnete mit einer ungewöhnlich scharfen Ansage: Die Ära der internationalen extremen Rechten gehe zu Ende. Bei der Nachmittagskundgebung legte er nach: Die populistische Rechte „schreit und tobt nicht, weil sie gewinnt, sondern weil sie weiß, dass ihre Zeit abläuft. Ihre Vision der Weltordnung bricht zusammen durch Zölle und Kriege. Ihre Hinwendung zur Leugnung des Klimawandels, zur Fremdenfeindlichkeit und zum Sexismus ist ihr größter Fehler.“
Lula vermied es, Trump beim Namen zu nennen, aber sein Satz traf den Nerv des Saals: „Wir können nicht jeden Morgen aufwachen und jeden Abend einschlafen, während der Twitter-Account eines Präsidenten die Welt bedroht und Konflikte provoziert.“ Er rief die ständigen Mitglieder des UN-Sicherheitsrats auf, ihren Verpflichtungen nachzukommen und „den Wahnsinn des Krieges zu beenden, weil die Welt keine Kriege mehr ertragen kann“.
Konkrete Vorschläge gab es auch. Sheinbaum regte an, zehn Prozent aller Militärausgaben weltweit für Aufforstungsprojekte umzuwidmen: „Jedes Jahr pflanzen wir statt der Saat des Krieges die Saat des Lebens.“ Ramaphosa kündigte an, Südafrika werde im September einen Resolutionsentwurf bei der UN-Generalversammlung einbringen: ein internationales Gremium zur Bekämpfung globaler Ungleichheit.
Er beschrieb die Vereinten Nationen als zahnlos geworden, „weil diejenigen, die dem Sicherheitsrat angehören, selbst alle Gesetze und Rechte verletzen“. Die Regierungen Spaniens und Brasiliens erklärten, sie arbeiteten gemeinsam an einer Steuer für Superreiche. Sánchez warb dafür, soziale Medien stärker zu regulieren, um Hassrede und Desinformation einzudämmen.
Kuba: Der vergessene Testfall
Am deutlichsten wurde Lula beim Thema Kuba. „Beendet diese verdammte Blockade gegen Cuba und lasst die Cubaner leben“, rief er in den Saal. Die Insel erlebt seit Januar 2026 ihre schwerste Energiekrise seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion.
Nachdem die USA im Januar den venezolanischen Präsidenten Maduro gestürzt hatten, stoppte die Trump-Regierung die Öllieferungen Venezuelas an Kuba. Die Insel hatte 80 bis 90 Prozent ihres Energiebedarfs aus dieser Quelle gedeckt.
Das Ergebnis: Stromausfälle von bis zu 25 Stunden täglich, mindestens drei vollständige Zusammenbrüche des nationalen Stromnetzes, geschlossene Schulen, kollabierende Gesundheitsversorgung. Die Vereinten Nationen legten einen Nothilfeplan über 94 Millionen Dollar auf, von dem bis März erst 26 Millionen finanziert waren.
Trump verschärfte den Druck zusätzlich. Per Präsidialdekret belegte er Länder, die Kuba mit Öl beliefern, mit Strafzöllen von bis zu 50 Prozent. Das betraf Mexiko direkt. Am 16. März erklärte Trump, er glaube, „die Ehre zu haben, Kuba einzunehmen“.
Das Pentagon beschleunigte laut USA Today auf Weisung des Weißen Hauses die Planung militärischer Optionen. In Barcelona verabschiedeten Spanien, Brasilien und Mexiko daraufhin eine gemeinsame Erklärung: Sie fordern „aufrichtigen und respektvollen Dialog“, die Achtung von Kubas „territorialer Integrität“ und das Ende jeder externen Einmischung. Sheinbaum schlug eine formelle Erklärung gegen eine Militärintervention in Kuba vor und erinnerte daran, dass Mexiko „schon 1962 seine Stimme gegen die Blockade erhob, als andere schwiegen“.
Die Kuba-Frage zeigt die Grenzen und Stärken des Barcelona-Formats. Lula sprach ausschließlich über die Blockade und verschwieg die über 1.250 politischen Gefangenen auf der Insel, darunter 131 Frauen und 31 Minderjährige (Angaben von Prisoners Defenders, Stand März 2026).
Die Erklärung der drei Länder nannte die USA nicht beim Namen und vermied jede Erwähnung politischer Reformen oder Menschenrechte auf der Insel. Barcelona funktioniert als Plattform für Solidarität, aber nicht als Ort der Selbstkritik: Wer Demokratie verteidigen will, kann nicht selektiv sein, welche Demokratiedefizite er anspricht. Lula tat bei Kuba dasselbe, was er bei Maduro in Venezuela getan hatte: Solidarität mit dem Regime, Schweigen zur Repression. Das schwächt die moralische Position eines Gipfels, der sich die Verteidigung der Demokratie auf die Fahne schreibt.
Trumps Gegenangriff und Spaniens Wirtschaft
Trumps Name fiel auf den öffentlich zugänglichen Panels kaum. Aber Trump selbst sorgte dafür, dass die Verbindung sichtbar blieb. Noch am Samstag attackierte er Spanien auf Truth Social: „Hat sich irgendjemand angeschaut, wie schlecht es dem Land Spanien geht? Ihre Finanzzahlen sind absolut verheerend, obwohl sie fast nichts zur NATO und zur Verteidigung beitragen. Traurig anzusehen!!!“
Die Fakten erzählen eine andere Geschichte. Spaniens BIP wuchs 2025 um 2,8 Prozent, fast doppelt so schnell wie der Eurozonendurchschnitt von 1,5 Prozent. Für 2026 prognostizieren die Europäische Kommission und die OECD ein Wachstum von 2,2 bis 2,3 Prozent. Die Arbeitslosenquote sank auf den niedrigsten Stand seit über einem Jahrzehnt. Goldman Sachs hob Spanien 2025 als am schnellsten wachsende große Volkswirtschaft Europas hervor.
Der eigentliche Streitpunkt liegt anderswo. Spanien sperrte Ende März den gesamten Luftraum für US-Militärflüge mit Bezug zum Iran-Krieg und schloss die Basen Rota (Cádiz) und Morón de la Frontera (Sevilla) für Angriffsoperationen.
Verteidigungsministerin Margarita Robles nannte den Krieg „zutiefst illegal und ungerecht“. Trump drohte daraufhin mit der Aufkündigung aller Handelsabkommen und brachte einen Ausschluss Spaniens aus der NATO ins Spiel. Er fordert fünf Prozent des BIP für Verteidigung, Spanien gibt zwei Prozent aus und weigert sich, das Ziel zu erhöhen.
Papst Leo, das Jesusbild und der Widerstand in den USA
Kurz vor dem Barcelona-Gipfel eskalierte ein Konflikt, der die dortige Debatte zusätzlich aufgeladen hat. Papst Leo XIV., seit 2025 der erste US-amerikanische Pontifex in der Geschichte der katholischen Kirche, hatte den Iran-Krieg offen verurteilt und vor der „Illusion der Allmacht“ gewarnt.
„Gott segnet keinen Konflikt“, schrieb er auf seinen sozialen Kanälen. Trump reagierte auf Truth Social, Leo sei „schwach bei Kriminalität“ und „schrecklich in der Außenpolitik“. Am selben Abend postete er ein KI-generiertes Bild, das ihn in weißem Gewand mit roter Schärpe zeigt, wie er einem Kranken die Hände auflegt. Wenig später ein zweites Bild: Trump, von Jesus umarmt. Beide Posts wurden gelöscht, Trump behauptete, es habe sich um eine Darstellung als Arzt gehandelt.
Paul Coakley, Vorsitzender der US-Bischofskonferenz, nannte Trumps Worte „entmutigend“. Vizepräsident Vance forderte den Papst auf, sich „aus der Politik herauszuhalten“. Leo antwortete auf dem Flug nach Afrika: „Ich habe keine Angst vor der Trump-Regierung.“ Sogar Irans Präsident Pezeshkian verurteilte die „Entweihung“ der Christusfigur.
In Barcelona griff Tim Walz den Strang direkt auf: „Anders als unser derzeitiger Vizepräsident bin ich nicht hier, um arrogant zu belehren. Ich bin nicht hier, um einen Streit mit dem Papst anzufangen oder eine Kundgebung für Möchtegern-Autokraten abzuhalten.“ Senator Murphy wurde noch deutlicher: „Donald Trump will unsere Demokratie beenden. Wir stehen nicht am Rand einer totalitären Übernahme. Wir stecken mitten drin.“
Trumps Umfragewerte stützen diese Lageeinschätzung. Sein Netto-Zustimmungswert lag laut Nate Silvers Aggregator Silver Bulletin Mitte April bei minus 16,6 Punkten. Die Zustimmung zur Wirtschaftspolitik erreichte laut CNN mit 31 Prozent einen Karriere-Tiefstand. Die Zustimmung zu seiner Inflationspolitik lag bei minus 34. Selbst unter Republikanern sank die „starke Zustimmung“ von 69 auf 58 Prozent seit Amtsantritt.
Die rechte Gegenveranstaltung in Mailand
Am gleichen Samstag versammelten sich vor dem Mailander Dom tausende Anhänger der „Patriots for Europe“, der drittgrößten Fraktion im EU-Parlament. Matteo Salvini, Chef der italienischen Lega, hatte die Kundgebung unter dem Titel „Ohne Furcht. In Europa Herren im eigenen Haus“ organisiert.
Frankreichs Jordan Bardella und der Niederländer Geert Wilders sprachen, das Thema war die sogenannte „Remigration“ von Ausländern. Gegendemonstranten antifaschistischer Gruppen versammelten sich in anderen Teilen der Stadt.
Viktor Orbán fehlte. Sechs Tage zuvor hatte er die ungarische Parlamentswahl gegen Péter Magyars pro-europäische Tisza-Partei verloren, nach 16 Jahren im Amt. Vance war kurz vor der Wahl nach Budapest gereist, Trump hatte Orbán per Telefonschalte als „fantastischen Mann“ gelobt. Geholfen hat es nicht. Damit fehlt den Patriots ihr Gründungsvater.
Senator Murphy verwies in Barcelona ausdrücklich auf den Sturz: „Die Amerikaner beobachten, was in der Welt passiert, und der Sieg in Ungarn hat unsere Segel aufgezogen.“
Die Lage in Mailand ist politisch komplizierter, als es das Bild „links gegen rechts“ vermuten lässt. Salvinis Lega kommt in aktuellen Umfragen auf sechs bis acht Prozent, Tendenz fallend. Gleichzeitig distanziert sich seine Koalitionspartnerin Giorgia Meloni, Italiens rechtskonservative Regierungschefin, vom Trump-Kurs.
Meloni hatte Trumps Attacken auf den Papst als „inakzeptabel“ bezeichnet. Trump schlug zurück: „Ich bin schockiert über sie. Ich dachte, sie hätte Mut, aber ich habe mich geirrt.“ Er warf Meloni vor, es hinzunehmen, dass Iran Atomwaffen entwickle, und nannte sie ihrerseits „inakzeptabel“. Italien suspendierte daraufhin sein Verteidigungsabkommen mit Israel. In Mailand stand also Salvini vor dem Dom und beschwor die rechte Internationale, während die eigene Regierungschefin gerade die Brücke nach Washington anzog. Die „Patriots for Europe“ verlieren ihren Gründervater in Budapest, und ihr stärkstes Regierungsgesicht in Rom driftet ab.
Was Barcelona für 2027 bedeutet
Wer die Tragweite des Wochenendes einordnen will, muss auf den Wahlkalender schauen. Frankreich, Italien, Spanien und Polen wählen bis 2027 neu. Marine Le Pen nannte diesen Zyklus „absolut grundlegend“ für die Rechte. In Madrid regiert Sánchez mit dünner Mehrheit, seine Legislaturperiode endet spätestens 2027.
Barcelona markiert eine neue Position Spaniens in der internationalen Politik. Seit dem Ende der Franco-Diktatur hat das Land keine vergleichbare Rolle als Sammelpunkt einer internationalen Gegenbewegung eingenommen. Bloomberg beschrieb Barcelona als Drehscheibe für den Widerstand gegen Trumps Politik. Die Achse verläuft bewusst am klassischen transatlantischen Bündnis vorbei: Sánchez kehrte eine Woche zuvor von seinem vierten China-Besuch in drei Jahren zurück. Am Vortag des Gipfels unterzeichnete er mit Lula 15 bilaterale Abkommen zu Rohstoffen, Telekommunikation und Künstlicher Intelligenz.
Die Risiken dieser Rolle liegen auf der Hand. Trumps Handelsdrohungen sind nicht rhetorisch: Olivenöl, Wein, Autoteile und Agrarprodukte würden einen US-Handelskonflikt als Erste spüren. Die Marinebasis Rota bei Cádiz, auf der die US-Navy eine permanente Präsenz unterhält, bleibt ein Druckmittel. Gleichzeitig wächst Spaniens Gewicht als Vermittler zu Lateinamerika und als wirtschaftliches Zugpferd Europas.
Kanada: Ein Kontinent sucht den Notausgang
Der Barcelona-Gipfel war kein isoliertes Ereignis, sondern Teil einer tektonischen Verschiebung, die weit über Europa und Lateinamerika hinausgeht. Das deutlichste Signal kommt aus einem Land, das traditionell als verlässlichster US-Partner galt: Kanada.
Premierminister Mark Carney, der sein Amt im März 2025 auf einer dezidiert anti-Trump-Plattform angetreten hatte, nannte sein Land beim EU-Gipfel in Brüssel „das europäischste Land außerhalb Europas“. Auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos im Januar 2026 prägte er den Begriff der Middle Powers, der Mittelmächte, die sich gemeinsam gegen aggressive Großmächte behaupten müssten. Pol Morillas, Direktor des Barceloner Think Tanks CIDOB, sah genau diese Davos-Rede als intellektuellen Vorläufer des Barcelona-Gipfels.
Die Zahlen dazu sind bemerkenswert. Eine Nanos-Umfrage für den Globe and Mail ergab im April 2026, dass 57 Prozent der Kanadier einen EU-Beitritt ihres Landes befürworten oder „eher befürworten“ würden. Eine Abacus-Erhebung vom Februar kam auf 48 Prozent Zustimmung.
Zwei Drittel der Befragten hielten den Brexit für einen Fehler. Das Europäische Parlament verabschiedete im März einen Bericht, der die EU auffordert, die Beziehungen zu Kanada zu vertiefen. Frankreichs Außenminister Barrot scherzte auf der Europe-2026-Konferenz in Berlin: „Vielleicht Kanada irgendwann.“ Das Publikum applaudierte.
Carney selbst lehnte die Vollmitgliedschaft bislang ab. Aber Kanada hat ein Sicherheits- und Verteidigungsabkommen mit der EU unterzeichnet, sich dem europäischen Waffenkreditprogramm angeschlossen und Handelsabkommen mit Japan und mehreren europäischen Partnern ausgebaut.
Dass ein nordamerikanisches Land ernsthaft über die Mitgliedschaft in einem europäischen Bündnis diskutiert, wäre vor zwei Jahren undenkbar gewesen. Es zeigt, wie fundamental Trumps Politik die geopolitische Landkarte verändert hat.
Die NATO und die Frage der Bündnistreue
Die Spannungen innerhalb der NATO sind keine Neuigkeit, aber der Iran-Krieg hat sie in eine andere Dimension gehoben. Trump bezeichnete die NATO als „Papiertiger“ und drohte offen mit einem Austritt. NATO-Generalsekretär Rutte stellte klar: Die NATO ist am Iran-Krieg nicht beteiligt. Aber die Realität ist differenzierter. Die USA nutzen Basen in Deutschland und Großbritannien für Operationen gegen den Iran. Spanien hat den Zugang gesperrt, Frankreich lässt Überflüge zu, verurteilte aber die Angriffe als völkerrechtswidrig. Italien versuchte direkte Beteiligung zu vermeiden und setzte Raketenabwehrsysteme für Golfpartner ein. Deutschland genehmigte die Nutzung amerikanischer Stützpunkte auf seinem Territorium für die Koordination von Drohnen- und Raketenangriffen.
Das Bündnis zerbricht nicht, aber es verliert seine gemeinsame Sprache. Die alte Formel „ein Angriff auf einen ist ein Angriff auf alle“ setzt voraus, dass alle dasselbe unter einem Angriff verstehen. Wenn ein Bündnismitglied selbst einen Angriffskrieg führt und die anderen auffordert mitzumachen, funktioniert diese Logik nicht mehr. Was sich herauszubilden beginnt, ist eine NATO der zwei Geschwindigkeiten: eine östliche Flanke, die aus Angst vor Russland eng an Washington gebunden bleibt, und ein westliches und südliches Europa, das die Distanz sucht.
Der deutsche Sonderweg
In diesem Bild nimmt Deutschland eine besonders ungemütliche Position ein. Kanzler Friedrich Merz war der erste europäische Regierungschef, der nach Beginn des Iran-Kriegs ins Weiße Haus reiste. Er verurteilte die Angriffe nicht, sondern erklärte seine „Erleichterung, dass das Mullah-Regime zu Ende geht“. Deutschland teile das Ziel der USA und Israels, Irans nukleare Bewaffnung zu stoppen, sagte er.
Als ein deutscher Journalist ihn neben Trump im Oval Office fragte, ob er Spaniens Haltung verteidige, wich Merz aus.
Der Hintergrund ist vielschichtig. Deutschland trägt aus der Shoah eine besondere Verantwortung gegenüber Israel, die die politische Klasse tief verinnerlicht hat. Diese Verantwortung macht es schwerer, Israels Militäraktionen öffentlich zu kritisieren, selbst wenn sie im Völkerrecht umstritten sind. 58 Prozent der Deutschen halten laut einer ARD-Umfrage den Iran-Krieg für ungerechtfertigt, drei Viertel befürchten eine regionale Ausweitung. Aber Merz kalkuliert anders: Das transatlantische Bündnis zu gefährden ist für Berlin existenzieller als für Madrid, weil Deutschland für den Schutz vor Russland auf die US-Sicherheitsgarantie angewiesen bleibt.
Gleichzeitig fällt es Deutschland schwerer als Spanien, sich vom Trump-Kurs zu lösen, weil die wirtschaftliche Lage schlechter ist. Spanien wächst mit fast drei Prozent, Deutschland kämpft mit einer Rezession in der Industrie, steigenden Energiekosten nach dem Wegfall des russischen Gases und der Abwicklung der Kernenergie. Sánchez kann sich die Konfrontation mit Washington leisten, weil seine Wirtschaft läuft. Merz kann es nicht.
Die Konsequenz lässt sich in den Umfragen ablesen. Die AfD liegt landesweit bei 24 bis 27 Prozent, vor oder gleichauf mit der CDU. In Sachsen-Anhalt, wo im September gewählt wird, steht sie bei rund 40 Prozent und könnte erstmals eine absolute Mehrheit in einem Landesparlament erreichen. 79 Prozent der Deutschen sind mit der Arbeit der Bundesregierung unzufrieden. In Baden-Württemberg verdoppelte die AfD im März ihren Stimmenanteil auf 18,8 Prozent, getragen von Facharbeitern und Meistern in der Automobilindustrie, die den ökologischen Umbau als Bedrohung ihrer Existenz wahrnehmen.
Migration spielt eine zentrale Rolle. Aber der Vergleich mit Spanien ist aufschlussreich. Auch Spanien ist ein Einwanderungsland, die Zuwanderung ist sogar ein wesentlicher Wirtschaftsfaktor: Sie stützt den Konsum, füllt Arbeitskräftelücken und trägt zum BIP-Wachstum bei. Die Europäische Kommission und Goldman Sachs nennen Immigration ausdrücklich als einen der Wachstumstreiber Spaniens.
Der Unterschied liegt weniger in den Zahlen als in der Erzählung: In Spanien wird Zuwanderung wirtschaftlich gerahmt, in Deutschland kulturell und sicherheitspolitisch. Wo Sánchez von Arbeitskräften spricht, spricht die AfD von „Remigration“. Die AfD nutzt Migration außerdem als Brückenthema: Sie verbindet Einwanderungskritik mit Energiepreisen, Deindustrialisierung und dem Gefühl, dass die politische Elite den Kontakt zur Lebensrealität verloren hat.
Bolsonaro, Milei und das Schicksal der Rechten
Der Barcelona-Gipfel fand in einem Moment statt, in dem die internationale Rechte an mehreren Stellen gleichzeitig unter Druck gerät. Orbán verlor Ungarn. In Brasilien steht Jair Bolsonaro unter Hausarrest, mit elektronischer Fußfessel und Kontaktverbot zu ausländischen Regierungsvertretern. Er wurde wegen eines Putschversuchs zu 27 Jahren Haft verurteilt, nachdem Ermittler auf seinem Telefon unter anderem einen 33-seitigen Entwurf eines Asylgesuchs an Argentiniens Präsident Milei gefunden hatten.
Sein Sohn Eduardo wurde ebenfalls angeklagt. Bolsonaro hat angekündigt, 2026 erneut für die Präsidentschaft kandidieren zu wollen, aber ein Wahlverbot macht das derzeit unmöglich. Stattdessen kandidiert sein Sohn Flávio als Stellvertreter.
In Argentinien zeigt das „Modell Milei“ Risse. Die Inflation fiel zwar von 211 Prozent bei Amtsantritt auf rund 31 Prozent, aber die Kosten waren enorm: 13 Millionen Argentinier leben in Armut, die Arbeitslosigkeit erreichte den höchsten Stand seit der Pandemie.
Mileis Glaubwürdigkeitsschaden durch den Kryptowährungs-Skandal um die Memecoin „$LIBRA“, bei der Anleger Millionen verloren, dämpfte den Enthusiasmus auch in den eigenen Reihen. Das Peterson Institute for International Economics warnte in einer Analyse vom April 2026, Orbáns Sturz sende ein Warnsignal an Milei: Wähler tolerieren Sparkurs und Korruption nur so lange, wie das Alltagsleben nicht spürbar schlechter wird. In Argentinien nähere sich dieser Punkt.
Gleichzeitig lässt sich die Lage nicht als linearer Rückgang der Rechten lesen. In Chile gewann der rechtskonservative José Antonio Kast die Präsidentschaft. In Ecuador regiert Daniel Noboa mit harter Hand. Le Pens Chancen in Frankreich 2027 bleiben real. Und in Deutschland wächst mit der AfD eine Kraft, die Orbán als Vorbild nennt, gerade dann am stärksten, wenn dessen Modell in Budapest scheitert. Die Lehre aus Ungarn ist weniger, dass Rechtspopulismus am Ende immer verliert, sondern dass er verliert, wenn die Wirtschaft zusammenbricht und die Korruption unerträglich wird. Wo diese Bedingungen nicht gegeben sind, bleibt er stark.
Die tiefere Frage
Barcelona hat eine Frage aufgeworfen, die über den Gipfel hinausreicht: Ob es so etwas wie eine progressive Internationale gibt, die mehr ist als eine Ansammlung bedrohter Regierungschefs. Die Teilnehmer kamen mit konkreten Vorschlägen: eine Superreichensteuer, ein UN-Panel gegen Ungleichheit, die Regulierung sozialer Medien, die Aufforstungsquote auf Militärbudgets.
Ob daraus bindende Politik wird, hängt davon ab, ob die Beteiligten zu Hause im Amt bleiben. Lula steht im Oktober 2026 vor einer Wahl, bei der seine Zustimmungswerte bei rund 40 Prozent liegen. Sánchez regiert mit dünner Mehrheit bis spätestens 2027. Sheinbaum kam mit einer Geste des Aufbruchs nach Barcelona, es war der erste Besuch eines mexikanischen Präsidenten in Spanien seit acht Jahren, nach dem diplomatischen Bruch unter ihrem Vorgänger López Obrador.
Die Schwäche der Progressiven ist ihre Abhängigkeit von einzelnen Führungsfiguren. Die Stärke der Rechten war lange, dass sie ein klar identifizierbares Feindbild hatte: Migration, Brüssel, die sogenannten Eliten. Was Barcelona zeigt: Auch die Progressiven haben jetzt ein klar identifizierbares Feindbild, und es heißt Donald Trump. Ob das reicht, um Wahlen zu gewinnen, wird sich zeigen. In Ungarn hat es gereicht. In Kanada verändert es die politische Geografie eines Kontinents. In Deutschland funktioniert es nicht, weil die wirtschaftlichen Voraussetzungen fehlen und die historische Last im Verhältnis zu Israel den politischen Spielraum verengt.
Die Welt sortiert sich gerade neu, und sie tut es nicht entlang der alten Achse links gegen rechts, sondern entlang der Frage: Wer profitiert von der US-geführten Ordnung und wer zahlt den Preis? Spanien hat sich entschieden, den Preis nicht mehr zu zahlen.
Deutschland zögert noch. Kanada sucht den Notausgang. Und in Barcelona haben sich jene, die dieselbe Entscheidung treffen wollen, in einer Breite und Deutlichkeit zusammengefunden, die es so bisher nicht gab, von US-Demokraten über lateinamerikanische Staatschefs bis zu afrikanischen Präsidenten. Ob sie sich den Bruch mit Washington leisten können, weiß noch keiner von ihnen.
Aber dass sich die Welt neu sortieren muss, dass die alte Ordnung nicht mehr trägt und die Spielregeln nicht länger von einer einzelnen Macht diktiert werden können, darüber herrscht in Barcelona Einigkeit.
Der Autor

Alexander Gresbek lebt seit vielen Jahren an der spanischen Mittelmeerküste. Der Journalist und Buchautor befasst sich mit spanischer Kultur und Traditionen. Zu seinem aktuellen Titel Die Costa Blanca Für Kluge Köpfe (erhältlich bei amazon) hier die Buchrezension.
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