Rabiater Richtungswechsel

Rezension zum Thriller „Versammlung der Toten“ von Tomás Bárbulo. Sein Krimi-Debut ist gleichzeitig sein erstes ins Deutsche übersetzte Buch. Thema sind nicht etwa marokkanische Flüchtlinge auf dem Weg nach Almería, sondern spanische Krisenopfer auf dem Weg nach Marrakesch. Dort wollen sie Juwelen klauen, um ihr kaputtes Leben wieder in den Griff zu kriegen.

Von Tobias Büscher

„Dieses Buch ist pure Action“ jubelt La Vanguardia. „Ein Spiegel dafür, wie es im ganzen Land aussieht“, findet El Progreso. Und El País meint: „Ein Abenteuer ungeahnter Ausmaße“. 

Was die spanischen Kollegen so lieben, ist der Mix aus Erzählstil, Krisenanalyse und Wissen. Der Thriller ist eine irre Reise. Hauptfigur ist Guapo, der mit seinen schrägen Freunden in Nordafrika Juwelen rauben will, um aus der beschissenen finanziellen Notlage herauszukommen.

Dazu muss man wissen: Bárbulo ist Sahara-Experte von El País und lebt heute in Madrid.

Schriftsteller zwischen den Kulturen

Der Autor kam 1958 in der spanischen Hafenstadt A Coruña zur Welt und lebte die ersten Jahre seiner Kindheit in der marokkanischen Stadt Sidi Ifni am Atlantik, die seinerzeit (wie heute noch  Ceuta, Melilla und Westsahara) spanische Kolonie war. Wie kaum ein anderer hat er Nordafrika durchreist und darüber berichtet.

Und so ist sein filmreifer Roman auch ein Querschnitt seiner eigenen Erfahrungen. Das Buch ist spannend, teils witzig, teils böse. Es ist eine Art Roadmovie vor dem Hintergrund der spanischen Wirtschaftskrise.

Außerdem lässt der Autor kaum ein Klischee über die Araber und den Koran aus, das wir im Kopf haben. Auch das macht es so wertvoll.

Platz der Hingerichteten

„Die Versammlung der Toten“ (La Assamblea de los Muertos) ist zunächst 2017 beim Verlag Salamandra erschienen und klingt eigentlich typisch galicisch. Schließlich gibt es rund um seine Geburtsstadt A Coruña viel Mysteriöses. Sogar die legendäre „Prozession der Untoten“, der sich jeder anschließen muss, der sie sieht. Was möglicherweise die Vorlage für The Walking Death gewesen ist, die galicische Emigranten im 19. Jahrhundert in die USA brachten.

Eine Vorlage für dieses Buch ist es aber nicht. „Versammlung der Toten“ ist die wörtliche Übersetzung eines Platzes mitten in Marrakesch. Sultane hatten dort früher Hinrichtungen organisiert.

So richtig gut passt der Titel zwar nicht zum Buchinhalt, aber was solls. Übrigens hat der Übersetzer Carsten Regling hervorragend gearbetet. Fluchende Spanier lupenrein ins Deutsch übertragen, das kann nicht jeder.

Galante Araber, tätowierte Spanier

Die Komik des Romandebüts liegt darin, dass der Autor die Realitäten einfach umdreht. Nordafrikas Flüchtlinge auf dem Weg nach Spanien sind in seinem Buch nicht das Thema. Sondern bankrotte spanische Fischhändler und Kleinkriminelle, die als Touristen verkleidet in Marokko nach Juwelen suchen. Das ist ungefähr so, als würden ausgebrannte Kölner in Aleppo eine Tankstelle überfallen.

In Galicien sind durchaus berühmtere Autoren zur Welt gekommen, die selbst bei uns so mancher kennt. Darunter Emilia Pardo Bazán, Rosalia de Castro und der Literaturnobelpreisträger Camilo José Cela. Ins Deutsche übertragen wurden Comics des Galiciers Miguelanxo Prado und Krimis von Domingo Villar.

Dass der Suhrkamp-Verlag diesen "No-Name" herausgebracht hat, ist mutig. Es verkauft sich wahrscheinlich nicht besonders gut. Aber es ist besonders gut. Ich selbst weiß jetzt jedenfalls mehr über Marokko. Und habe seit langem mal wieder einen Krimi ganz ausgelesen.

Preis: 14.95 Euro.

Der Autor

Tobias Büscher ist Journalist, Buchautor und Leiter dieses Portals. Tomás Bárbulo kannte er bislang nur als Kollegen von El País. Dass der Mann auch ein richtig guter Krimiautor ist, erfuhr er durch einen Kommentar auf facebook. Wörtlich: "Du willst Galicien kennen, kennst aber diesen Galicier nicht?"