„Der endlose Graben“: Wenn Liebe stärker ist als Francos Diktatur
Dreißig Jahre in einem Loch unter dem Fußboden. Für einige Hundert Spanier war das nach 1939 kein Albtraum, es war Alltag. Das baskische Regie-Trio hinter „Der endlose Graben“ macht daraus eine der eindringlichsten Liebesgeschichten des spanischen Kinos.
Von Alexander Gresbek (Text und Illustration)
30 Jahre im Verborgenen: Als Francos Truppen 1939 den Bürgerkrieg gewannen, verschwanden Tausende Republikaner in Gefängnissen, im Exil oder an Erschießungsmauern.
Einige wenige wählten eine vierte Option: Sie versteckten sich. Manchmal in einem Keller, manchmal hinter einer Wand, manchmal, wie im Fall von Higinio, unter dem Fußboden des eigenen Hauses. Die Spanier nannten diese Männer topos, Maulwürfe. Erst nach der Amnestie von 1969 kamen die letzten von ihnen ans Licht, manche nach mehr als drei Jahrzehnten.
„Der endlose Graben“ nimmt sich einen dieser Fälle vor und stellt eine einfache, schwere Frage: Was macht das mit einem Menschen? Und was macht es mit dem, der ihn schützt?

Das Loch als Gefängnis, das Haus als Käfig
Higinio (Antonio de la Torre) ist Kommunalpolitiker der Republik, als Francos Männer sein andalusisches Dorf übernehmen. Die erste Viertelstunde des Films ist pure Jagd, er rennt, springt, bricht zusammen. Dann zieht er sich unter den Fußboden zurück. Nur vorübergehend, denkt er. Wochen werden zu Monaten, Monate zu Jahren, Jahre zu Jahrzehnten.
Was folgt, ist kein Aktionsdrama. Die Regisseure Aitor Arregi, Jon Garaño und Jose Mari Goenaga, das baskische Trio hinter dem Goya-prämierten „Handia“, halten die Kamera nah an Higinios Körper, an die geduckten Schultern, die Augen, die durch einen Spalt die Welt beobachten, die ohne ihn weiterläuft. Die Enge ist physisch spürbar. Wer auf kleine Räume empfindlich reagiert, sitzt unruhig.
Er richtet sich ein, liest, improvisiert. Aber er bleibt Zuschauer im eigenen Zuhause. Er sieht, wie Rosa die Haustür öffnet, wie Nachbarn kommen und gehen, wie die Jahrzehnte ihr Gesicht verändern.
Zwei Gesichter einer unmöglichen Liebe
Rosa, gespielt von Belén Cuesta, ist die eigentliche Hauptfigur. Sie ist Näherin, Hüterin des Geheimnisses, Alleinverdienerin, emotionaler Anker. Cuesta gewann für diese Rolle den Goya als beste Hauptdarstellerin, und man versteht warum: Sie zeigt Erschöpfung nicht als Zusammenbruch, sondern als leises Weitermachen, eine Stärke, die sich in kleinen Gesten zeigt, nicht in Monologen.
Antonio de la Torre spielt den ruhigeren Pol. Sein Higinio trägt traditionelle Werte mit sich wie Ballast, was ihn menschlich macht und in bestimmten Momenten auch schwierig. Die Beziehung der beiden entwickelt sich unter dem Druck der Situation zu etwas, das gleichzeitig tiefer und spröder ist als am Anfang. Zuneigung und Misstrauen wachsen ineinander, ohne dass der Film das auflöst.
Die Filmemacher lassen dabei nichts aus. Eine Szene, in der ein Guardia-Beamter Rosa bedrängt und Higinio hinter seiner Wand festsitzt, ist kaum auszuhalten. Bewusst. Der Film sortiert seine Figuren nicht in Gut und Böse.
Spanien im Zeitraffer
Durch episodische Einschübe zeigt der Film, wie sich das Land verändert, ohne das breit auszustellen. Ein homosexuelles Paar, das heimlich Higinios Haus nutzt und dafür Zeitungen und Essen liefert; Gonzalo (Vicente Vergara), der Nachbar, der Higinio verraten hat und ihn weiter unter Druck setzt; der langsame Zerfall einer Diktatur.
Diese Seitenblicke sind manchmal etwas konstruiert, halten aber das Tempo einer 147-minütigen Laufzeit. Einige Längen gibt es im mittleren Drittel dennoch.
Das Licht der Kamera ist kein bloßes Stilmittel. Die grelle andalusische Sonne, die durch einen Türspalt fällt, während Higinio im Dunkeln wartet, sagt mehr als jeder Dialog.
Ein Film, der Fragen aufwirft
Beim San-Sebastián-Filmfestival 2019 gewann „Der endlose Graben“ die Preise für Regie und Drehbuch. Bei den Goya Awards war er 15 Mal nominiert und holte neben dem Preis für Belén Cuesta den für den besten Ton, ein technisches Detail, das hier dramaturgisch entscheidend ist. Die Stille unter dem Boden ist fast körperlich.
Wer Spanien kennt und verstehen will, welche Wunden Jahrzehnte nach Franco noch nicht verheilt sind, findet hier keine einfachen Antworten. Nur die Frage: Was kostet Überleben, wenn es das Leben des anderen mitbezahlt?
Der Autor
Als Kenner der Costa Blanca lebt Alexander Gresbek seit vielen Jahren in der spanischen Region am Mittelmeer. Der Journalist und Buchautor befasst sich mit spanischer Kultur und Traditionen. Zu seinem aktuellen Titel Die Costa Blanca Für Kluge Köpfe (erhältlich bei amazon) hier die Buchrezension.
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