Spaniens Generation 27
Die Generation 27 war eine Gruppe spanischer Dichter, Schriftsteller und Maler, die vor 100 Jahren in Madrid entstand und die Kunst des 20. Jahrhunderts prägte. Viele der weitgehend linksgerichteten Mitglieder verließen Spanien wegen des Bürgerkriegs, gingen nach Frankreich und Lateinamerika und kehrten erst nach dem Tod Francos wieder nach Spanien zurück.
von Tobias Büscher
Die einen wurden wie García Lorca im Spanischen Bürgerkrieg erschossen, die anderen über 90 Jahre alt. Was im Studentenmilieu entstand, wurde zur wichtigsten Künstlergeneration des 20. Jahrhunderts. Anlass war der 300. Todestag des andalusischen Lyrikers Luis de Gongóla am 27. Mai 1927.
Mit diesen Intellektuellen begründete sich auch die Tradition der sogenannten Tertulias. Das sind bis heute Treffen zu Gesprächsthemen rund um Kunst und Politik in den alten Cafés von Madrid, siehe Aufmacherbild oben.
Spanische Wissenschaftler beschäftigen sich gerade besonders mit dem Phänomen. Denn 2027 jährt sich die Gründung zum 100. Mal.
Die Universität von Sevilla organisiert dafür einen Internationalen Kongress namens recuerdalo a otros, zu dem sich Interessierte jetzt schon einschreiben können. Über die Webseite centenariodel27.
Für Fans der spanischen Literatur ist auch das Museum Ramón Gaya in der Stadt Murcia interessant, wo ein ganzes Archiv der Briefwechsel der Mitglieder existiert: zum Bildarchiv der Generation 27
Die berühmtesten Mitglieder der Generation 27
Ladys first: Die Galicierin Maruja Mallo (1902-1995) war die bekannteste weibliche Vertreterin der Generation 27.
Gemeinsam mit anderen Künstlerinnen wie María Teresa León, Concha Méndez, Rosa Chacel und María Zambrano trug sie aus Protest gegen die spießige Gesellschaft in der Öffentlichkeit keine Hüte, was ihnen den Spitznamen Sinsombreras einbrachte, die Hutlosen.
Maruja Mallo ging wie so viele Künstler ins Exil nach Buenos Aires, wo ihre surrealen Skulpturen und Bilder hohen Anklang fanden.
Federico García Lorca, geboren 1898 in Granada, war wiederum der bekannteste Vertreter der Generación 27. Der Dichter machte Andalusien berühmt mit Werken wie Die Bluthochzeiten (bodas de sangre).
Die Guardia Civil erschoss ihn 1936 zu Beginn des Bürgerkriegs mit dem Argument, er sei zu links und zu homosexuell.
Rafael Alberti: Alberti kam 1902 in El Puerto de Santa María nahe Cádiz zur Welt. Der Andalusier war ein waschechter Republikaner und schrieb Werke wie Matrose an Land (marinero en tierra).
Er floh nach dem Ende des Spanischen Bürgerkriegs erst nach Paris, um später lange in Argentinien zu leben.
Pedro Salinas, geboren 1891 in Madrid, ist für seine Liebesgedichte bekannt mit Titeln wie Grund zur Liebe (razón de amor). Der Poet hatte einige Zeit eine Affäre mit der Amerikanerin Katherine Whitemore, die später Literatur-Professorin für Spanische Sprache in Massachusetts wurde.
Salinas selbst schaffte den Durchbruch, als er 1925 den Premio Nacionál de Poesía erhielt. Er floh wegen des Bürgerkriegs in die USA und ging an die Uni von Baltimore. Da war die Affäre mit Whitemore aber längst Geschichte.
Jorge Guillén kam 1893 in Valladolid zur Welt. Als einer der berühmtesten Vertreter der Generation 27, auch weil er eine renommierte Literaturzeitschrift gründete. 1938 floh er wegen der Franco-Diktatur nach Kanada. Sein berühmtestes Werk heißt Cantico (Lobgesang) mit 332 Gedichten über das Leben und die Liebe, inspiriert von Juan de la Cruz.
Guillén gilt als eine Art poetischer Gegenspieler von Salinas, da er viel nüchterner schrieb, was Kritiker damals als „kalte Poesie“ definierten. 1977 erhielt er den Cervantes-Preis für Literatur.
Gerardo Diego, geboren 1896 in Santander, schrieb brillante Texte und war einer der wenigen der Generation 27, der nicht in das Ausland floh, da er mit Politik wenig am Hut hatte.
Er erhielt während der Franco-Diktatur mehrere Literaturpreise und gilt wegen seiner vermeintlichen Treue zur Diktatur als „Faschist der Generation 27“.
Vicente Aleixandre: Wegen seiner Bücher wie Destruktion der Liebe und Schatten des Paradieses erhielt der 1898 in Sevilla geborene Vicente Aleixandre den Literaturnobelpreis. Damit ist er einer von nur fünf spanischen Autoren, denen das gelang.
Zuletzt übrigens dem Galicier Camilo José Cela, der wiederum einer ganz anderen Generation der Dichter angehörte: Der Generación 36.
Luis Cernuda, 1902 in Sevilla geboren, ist einer der wichtigsten Exil-Literaten Spaniens. Seine ziemlich gefühlvollen Werke wie Die Realität und der Wunsch (La realidad y el deseo) gehören zu den besten Schriften zum Thema Identität und Ausgrenzung.
Er war Mitglied der Alianza de Intelectuales Antifascistas, die zu Beginn des Spanischen Bürgerkriegs entstand. Wenige Jahre vor seinem Tod in Mexiko-Stadt erklärte er öffentlich, dass er ebenso wie viele Frauen ziemlich auf Männer steht.
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