Spanien: Hauptziel für US-Bürger

Von Starbucks und Schulden zu Sangría und Seguro Social. Ist das jetzt schon das Ende des American Dreams? Seit Trumps Wiederwahl verlassen jedenfalls schon so viele US-Bürger ihr Land wie seit 1935 nicht mehr. Spanien ist ihr Ziel Nummer eins in Europa. Der Wunsch ist real, die Motive vielfältig. Doch wer den Umzug wagt, trifft auf eine Wohnungskrise, spanische Bürokratie und eine Gesellschaft, die nicht auf jeden Neuankömmling gewartet hat.

Von Alexander Gresbek (Text und Graphiken)

Im Café an der Madrider Glorieta de Bilbao schiebt eine junge Frau aus Portland ihren leeren Frühstücksteller zur Seite: Café con leche, Tostada con tomate, frisch gepresster Orangensaft. Kostenpunkt: 3,80 Euro. In Portland hätte sie dafür nicht einmal einen Kaffee bekommen. Sie arbeitet remote für ein Tech-Unternehmen in Oregon, zahlt 950 Euro Miete für eine Zweizimmerwohnung im Viertel Malasaña – und hat eine Krankenversicherung, die 80 Euro im Monat kostet statt 600 Dollar. Ihr Fall ist kein Einzelfall. Er ist eine Statistik.

Spanien hat sich zum europäischen Zielland Nummer eins für auswandernde Amerikaner entwickelt. 2024 erteilte das Land laut Eurostat 15.638 erstmalige Aufenthaltsgenehmigungen an US-Bürger – 22 Prozent mehr als im Vorjahr und ein historischer Rekord. 

Rund 50.000 Amerikaner leben inzwischen offiziell in Spanien, ein Zuwachs von 26 Prozent in nur zwei Jahren. Frankreich, Deutschland und die Niederlande liegen deutlich dahinter.

Günstiger, sicherer, gesünder

Die Gründe lassen sich in drei Worten zusammenfassen: Geld, Gesundheit, Sicherheit. Die Lebenshaltungskosten in Spanien liegen laut Numbeo rund 25 Prozent unter dem US-Niveau, Mieten sogar 41 Prozent. 

Das spanische Gesundheitssystem rangiert auf Platz 7 der WHO-Weltrangliste (die USA: Platz 37) und deckt 99,9 Prozent der Bevölkerung ab – bei einem Bruchteil der Kosten. Private Krankenversicherung gibt es für 50 bis 125 Euro im Monat; in den USA zahlen Versicherte im Schnitt das Fünffache. Die Mordrate in Spanien beträgt 0,6 pro 100.000 Einwohner. In den USA liegt sie zehnmal höher.

Dazu kommt das, was schwerer zu beziffern ist: eine Kultur, die das Leben nicht als Nebenprodukt der Arbeit behandelt. Die InterNations-Studie Expat Insider 2025 wählte Spanien zum vierten Mal in Folge auf Platz 1 für Lebensqualität. 

Valencia führt das weltweite Städteranking an, gefolgt von Málaga und Alicante. Die USA landeten auf Platz 36 von 46 – mit den schlechtesten Werten seit Jahren bei politischer Stabilität.

Wer verstehen will, warum Menschen ein Land verlassen, muss sehen, was sie zurücklassen. Die Liste ist lang geworden. Im Oktober 2025 schloss die US-Regierung für 43 Tage ihre Türen – der längste Government Shutdown der amerikanischen Geschichte.

US-Politik: Getöse statt Gewinn

670.000 Beamte wurden ohne Gehalt nach Hause geschickt, weitere 730.000 arbeiteten wochenlang unbezahlt. Das zuvor unter großem Getöse gegründete Department of Government Efficiency (DOGE) hatte über 260.000 Stellen im öffentlichen Dienst gestrichen, bevor es Ende November selbst aufgelöst wurde. 

Die versprochenen Einsparungen von zwei Billionen Dollar schrumpften auf 215 Milliarden – ein Bruchteil, für den Zehntausende ihren Arbeitsplatz verloren.
Parallel trieben Trumps Zölle die Preise. 

Die Tax Foundation beziffert die Belastung pro Haushalt auf 1.500 Dollar jährlich – die größte Steuererhöhung gemessen am BIP seit 1993. Unternehmen, die den Großteil der Zollkosten 2025 noch selbst trugen, begannen Anfang 2026, sie an Verbraucher weiterzugeben. Das Peterson Institute warnte vor einer Inflationsrate von über vier Prozent bis Jahresende. 

An den Börsen hinterließ die erratische Handelspolitik Spuren: Trumps wechselnde Zollsätze, von Ökonomen mit einer defekten Ampel an einer Kreuzung verglichen, ließen Investitionen stocken und Einstellungen einbrechen. 

Im März 2026 begann ein Militäreinsatz gegen den Iran, der die Ölpreise in die Höhe trieb und die ohnehin angespannte Lage weiter verschärfte. Trumps Zustimmungswerte fielen auf ein historisches Tief, Demonstrationen wie die No Kings-Proteste nahmen landesweit zu und machten den wachsenden Unmut in der Bevölkerung sichtbar.

Der „Donald Dash“: Hype oder Realität?

Inmitten dieses Klimas aus politischer Polarisierung, steigenden Lebenshaltungskosten und dem Gefühl, in einem Land zu leben, das sich vor allem mit sich selbst beschäftigt, gewann ein Gedanke an Kraft, der zuvor nur Abenteurer und Wohlhabende bewegt hatte: Vielleicht geht es woanders besser. Die Medien gaben dem Phänomen einen Namen - den „Donald Dash“.

Der Begriff stammt aus einer britischen Umfrage vom November 2024: Ein Viertel der befragten Amerikaner gab an, nach Trumps Wiederwahl über Auswanderung „nachzudenken“. Google-Suchen nach „move to Canada“ stiegen innerhalb von 24 Stunden um 1.270 Prozent. Relocation-Startups meldeten den Webtraffic eines ganzen Monats an einem einzigen Tag.

Die Begeisterung verdient Einordnung. In einer Folgebefragung vom Februar 2025 sagten nur vier Prozent, sie planten „definitiv“ einen Umzug ins Ausland. Migrationsforscher sprechen von einer enormen Kluft zwischen Wunsch und Handlung.

American Exodus

Doch die harten Zahlen – Eurostat-Genehmigungen, Melderegister, Immobilienkäufe – zeigen: Der Trend ist weder Einbildung noch Massenexodus. Er bewegt sich dazwischen, in der Größenordnung von Zehntausenden jährlich. Das Wall Street Journal berichtete im Februar 2026, dass die USA 2025 erstmals seit 1935 einen negativen Wanderungssaldo verzeichneten – wobei dieser vor allem auf einbrechende Einwanderungszahlen zurückgeht und weniger auf einen amerikanischen Exodus.

Aufschlussreich ist die Demografie. Das Klischee des wohlhabenden Rentners an der Costa del Sol stimmt längst nicht mehr. Von den rund 50.000 Amerikanern in Spanien fallen 18.400 in die Altersgruppe 20 bis 39. Die größte Einzelgruppe bilden amerikanische Frauen Anfang 20, viele davon als Englisch-Assistentinnen oder Au-pairs. 

Eine Gallup-Umfrage ergab, dass 40 Prozent der US-Amerikanerinnen zwischen 15 und 44 gerne dauerhaft im Ausland leben würden – der größte je gemessene Geschlechterunterschied in Gallups globalem Datensatz.

Visa, NIE und die Steuerfalle

Wer den Schritt tatsächlich wagt, braucht Geduld und gute Nerven. Das Digital Nomad Visa, eingeführt Anfang 2023, ist der häufigste Weg für berufstätige Amerikaner: Es verlangt einen Nachweis über Fernarbeit für ein ausländisches Unternehmen, ein Bruttoeinkommen von mindestens 2.400 bis 2.800 Euro monatlich, eine private Krankenversicherung ohne Selbstbeteiligung und ein polizeiliches Führungszeugnis des FBI mit Apostille. 

Dafür profitieren Inhaber vom sogenannten Beckham Law – einem pauschalen Steuersatz von 24 Prozent auf spanisches Einkommen statt der sonst üblichen progressiven Besteuerung bis 47 Prozent.

Für Ruheständler gibt es das Non-Lucrative Visa, das jede Erwerbstätigkeit untersagt und ein passives Jahreseinkommen von rund 28.800 Euro voraussetzt. Spaniens Golden Visa – Aufenthalt gegen 500.000 Euro Immobilieninvestition – wurde im April 2025 abgeschafft, nachdem die Regierung feststellte, dass 94 Prozent der Anträge auf Immobilienspekulation in ohnehin angespannten Märkten entfielen.

Die eigentliche Herausforderung beginnt nach der Visumserteilung. Die NIE, Spaniens Steueridentifikationsnummer, verlangt einen Behördentermin, auf den man in Madrid oder Barcelona wochenlang warten kann. Die Anmeldung beim Einwohnermeldeamt (Empadronamiento) setzt einen Mietvertrag voraus – den nicht jeder Vermieter ausstellt. 

Und dann die Steuerfalle: Die USA besteuern ihre Bürger weltweit, unabhängig vom Wohnsitz. Amerikaner in Spanien müssen Steuererklärungen doppelt einreichen. Das FATCA-Abkommen zwingt ausländische Banken, US-Kontoinhaber an den IRS zu melden – weshalb etliche spanische Banken Amerikanern schlicht kein Konto eröffnen wollen.

Wohnungskrise trifft auf Kaufkraft

Die Amerikaner treffen in Spanien auf ein Land, das selbst unter Druck steht. Die Mieten haben sich landesweit im vergangenen Jahrzehnt fast verdoppelt. In Madrid stiegen sie allein 2024 um 18,6 Prozent, in Málaga um 70 Prozent in fünf Jahren.

Die Bank von Spanien schätzt ein Defizit von rund 500.000 Wohnungen. Im April 2025 gingen in über 40 spanischen Städten Hunderttausende auf die Straße – die vermutlich größte Wohnungsprotestwelle in der Geschichte des Landes.

Die Demonstranten richteten sich gegen explodierende Mieten, Airbnb-Spekulation und politische Untätigkeit. Nicht gegen Amerikaner im Speziellen – eher gegen ein System, das ausländische Kaufkraft belohnt und einheimische Mieter verdrängt. 

Barcelona will bis 2028 alle touristischen Ferienwohnungen abschaffen. Málaga hat ein dreijähriges Moratorium für neue Kurzzeit-Mietlizenzen verhängt. Ministerpräsident Sánchez brachte eine 100-Prozent-Steuer auf Immobilienkäufe durch Nicht-EU-Bürger ins Gespräch.

Ein US-Remote-Worker mit 100.000 Dollar Jahresgehalt kann in Madrid entspannt 1.200 Euro Miete zahlen. Für einen Spanier mit Durchschnittslohn verschlingt dieselbe Wohnung mehr als 70 Prozent des Einkommens.

DIe Ironie liegt im Timing

Diese Asymmetrie erzeugt Spannungen, die selten laut werden, aber in Vierteln wie Malasaña oder dem Eixample spürbar sind – wenn etwa TikTok-Videos aus Expat-WGs durch spanische Kommentarspalten wandern.

Die amerikanische Auswanderung nach Spanien ist weder der Massenexodus der sozialen Medien noch eine statistische Fußnote. Sie ist ein realer, wachsender Trend, angetrieben von Kräften, die weit über eine einzelne Präsidentschaft hinausreichen: Fernarbeit, unbezahlbare Gesundheitskosten, ein Sicherheitsgefälle, das sich in Schulen am deutlichsten zeigt. Trumps Wiederwahl hat diesen Trend beschleunigt, nicht erfunden.

Die Ironie liegt im Timing. Im März 2026 drohte Trump, den gesamten Handel mit Spanien einzustellen – wegen eines Streits über NATO-Ausgaben und die Nutzung spanischer Militärbasen. Gleichzeitig stimmten so viele seiner Landsleute wie nie zuvor mit den Füßen ab: für Tapas statt Tarifstreit, für Seguro Social statt Selbstbeteiligung, für ein Land, in dem ein Arztbesuch weniger kostet als ein Parkplatz in Manhattan.

Manchmal schließt sich ein Kreis in 100 Jahren, sagte ein amerikanischer Auswanderer über die Reise seiner Familie – von Europa in die USA und wieder zurück. Die Frage ist nur, ob Spanien genug Wohnungen hat, wenn der Kreis sich weiter schließt.

Der Autor

Alexander Gresbek lebt seit vielen Jahren an der spanischen Mittelmeerküste. Der Journalist und Buchautor befasst sich mit spanischer Kultur und Traditionen. Zu seinem aktuellen Titel Die Costa Blanca Für Kluge Köpfe (erhältlich bei amazon) hier die Buchrezension.

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