Überschwemmungen in Andalusien, Oriana in Valencia

Seit Jahresbeginn haben neun Sturmfronten Spanien getroffen – von Francis bis Oriana. Am härtesten traf es Andalusien: Die schlimmsten Überschwemmungen seit drei Jahrzehnten verwüsteten eine Region, die zuvor drei Jahre unter extremer Dürre gelitten hatte. Jetzt peitscht Oriana über Valencia. Die Schäden gehen in die Milliarden, während die USA unter Präsident Trump den Klimaschutz demontieren.

von Alexander Gresbek (Text, Fotos und Grafiken)

Neun Sturmfronten seit Januar: Francis, Goretti, Harry, Ingrid, Josef, Leonardo, Kristin, Marta, Oriana. Die Serie begann mit abgesagten Dreikönigsumzügen und hält Mitte Februar noch an. Nachzügler „Nils“ bringt vor allem Katalonien bis Mitte Februar Regen und Sturm. 

Spanische Medien haben einen Begriff für das Phänomen geprägt: Tren de borrascas, Zug der Sturmfronten. Ein Windkanal aus der Karibik transportierte extrem feuchte Luft mit hoher Geschwindigkeit Richtung Mittelmeer. Die ungewöhnlich hohen Wassertemperaturen im westlichen Mittelmeer und im Ostatlantik lieferten zusätzliche Energie. Experten gehen davon aus, dass der Klimawandel Häufigkeit und Intensität solcher Ereignisse weiter verstärken wird.

Betroffen ist nicht nur der Süden. Auch in der Mancha, Extremadura, Galicien und Madrid traten Flüsse über die Ufer. Die Schneeschmelze steht noch bevor.

Oriana trifft Valencia mit 172 km/h

Noch während Andalusien aufräumt, peitscht am 14. Februar die nächste Sturmfront über den Osten des Landes. Borrasca Oriana bringt der Valencianischen Gemeinschaft Windböen von bis zu 172 Stundenkilometern, gemessen in der Provinz Castellón. In Valencia und Alicante liegen die Spitzen verbreitet über 100 km/h.

Die Wetterbehörde AEMET gibt für Castellón die höchste Warnstufe Rot aus, für weite Teile Valencias und Alicantes gelten Orange- und Gelbwarnungen. An der Küste kommt erhöhter Wellengang hinzu.

Der Zugverkehr zwischen Castellón und Valencia wird eingestellt, Straßen gesperrt, Geschwindigkeiten begrenzt. Feuerwehr und Notdienste melden Hunderte Einsätze wegen umgestürzter Bäume und herabgefallener Schilder. Parks bleiben geschlossen, Veranstaltungen werden abgesagt. Schwere Verletzungen oder größere Katastrophen sind bislang nicht bekannt.

Grazalema: 2.000 Liter in zwei Wochen

Das Epizentrum der Überschwemmungen in Andalusien liegt in Grazalema, einem Bergdorf in der gleichnamigen Sierra zwischen Cádiz und Málaga – ohnehin als regenreichster Ort Spaniens bekannt., einem Bergdorf in der gleichnamigen Sierra zwischen Cádiz und Málaga, ohnehin als regenreichster Ort Spaniens bekannt. Innerhalb von zwei Wochen fielen dort rund 2.000 Liter Niederschlag pro Quadratmeter, davon 1.150 Liter in nur drei Tagen. Die etwa 1.500 Einwohner wurden evakuiert und bleiben laut Landesregierung mindestens bis Mitte der kommenden Woche in Ausweichquartieren in Ronda.

Die Wassermassen zerstörten nicht nur Häuser. Seit dem Sturm Leonardo registrierten Messgeräte über 100 sogenannte Hydrobeben – Erschütterungen, die entstehen, wenn unterirdische Hohlräume mit Wasser gefüllt werden und Erdschichten unter Druck geraten. Ob Grazalema dauerhaft bewohnbar bleibt, müssen Gutachter erst noch klären.

12.000 Menschen evakuiert

In ganz Andalusien mussten bis zu 12.000 Menschen ihre Häuser verlassen. Bäche verwandelten sich in Flüsse, Ebenen in Seen. Die meisten Evakuierungen erfolgten präventiv, was die Zahl der Todesopfer unter den schlimmsten Befürchtungen hielt.

Einzelne Tragödien gab es dennoch. Auf Lanzarote ertrank ein US-Student. In Málaga sprang eine Frau in einen reißenden Fluss, um ihren Hund zu retten. In Ávila stürzte ein Schneepflugfahrer 20 Meter in die Tiefe. In Jerez kollabierte eine Nationalpolizistin am Steuer nach tagelangem Rettungseinsatz.

Portugal verliert 16 Menschen, Marokko evakuiert 160.000

Die Sturmfronten trafen auch die Nachbarländer. Portugal verzeichnete seit Ende Januar 16 Tote, zigtausende Menschen waren zeitweise isoliert. Am Dienstag hatten mindestens 35.000 Haushalte noch keinen Strom, weitere 3.000 Bewohner mussten evakuiert werden. Die Koordination zwischen Rettungskräften und Behörden verlief chaotisch – die Innenministerin trat zurück.

In Marokko mussten rund 160.000 Menschen südlich von Rabat ihre Häuser verlassen. In der Kleinstadt Chefchaouen stürzten 50 Gebäude ein, vier Menschen starben. Die Rückkehr wird für viele bitter: Staatliche Hilfe erreicht dort nicht das europäische Niveau.

Zugverkehr steht, 120 Straßen beschädigt

Seit dem Sturm Leonardo fährt in Andalusien kaum noch ein Zug. Das Hochgeschwindigkeitsnetz stand bereits seit dem Zugunglück in Adamuz am 18. Januar still, Regional- und Nahverkehr folgten. Am Mittwoch galten noch 120 Straßen als beeinträchtigt, rund die Hälfte davon gesperrt – wegen Hangrutschungen, umgestürzter Felsen oder zerstörter Fahrbahndecken. In allen andalusischen Provinzen außer Almería blieben die Schulen geschlossen.

Die andalusische Landesregierung unter Präsident Juanma Moreno koordinierte die Rettungseinsätze ohne öffentliche Schuldzuweisungen Richtung Madrid. Sowohl Regierungschef Sánchez als auch Moreno traten sachlich auf. Die Bevölkerung hielt zusammen.

Milliardenschäden in Landwirtschaft und Infrastruktur

Am Dienstag erklärte die Regierung zahlreiche Gemeinden offiziell zum Katastrophengebiet: Grazalema, das Vorland von Jerez de la Frontera, Los Barrios und San Roque im Campo de Gibraltar, Bergdörfer in Málaga, Granada und Jaén sowie Gebiete entlang des Guadalquivir von Córdoba bis Sevilla. Insgesamt sind 13 autonome Gemeinschaften betroffen.

Die vorläufige Schadensbilanz: Allein die Straßenschäden in Andalusien beziffern Experten auf 600 bis 750 Millionen Euro. Noch schwerer wiegt der Agrarsektor, neben dem Tourismus Andalusiens wichtigste Einnahmequelle. Dort liegen die geschätzten Schäden bei rund 4,5 Milliarden Euro. Olivenbäume fielen zum Höhepunkt der Ernte um, in Jerez und Umgebung stand landwirtschaftlicher Boden wochenlang unter Wasser.

Volle Stauseen und eine neue Gefahr

Eine gute Nachricht inmitten der Verwüstung: Andalusiens Stauseen sind so voll wie seit 15 Jahren nicht mehr. Die Region muss sich nach Einschätzung der Behörden bis zu drei Jahre keine Sorgen um ihr Trinkwasser machen.

Doch die Gefahr ist noch nicht gebannt. Nach dem sintflutartigen Regen wird die Vegetation explosionsartig sprießen und in der kommenden Sommerhitze ein erhöhtes Brandrisiko darstellen. Die Infoca-Feuerwehr, eigentlich auf Waldbrände spezialisiert, bleibt deshalb weiterhin in den Überschwemmungsgebieten im Dauereinsatz, um Schäden und neue Katastrophen zu verhindern.

Klimawandel als Treiber und eine ignorante Supermacht

Für Klimaforscher ist die Sturmfront-Serie kein Zufall. Die ungewöhnlich hohen Meerestemperaturen im westlichen Mittelmeer und im Ostatlantik, die den Stürmen ihre zerstörerische Energie liefern, sind eine direkte Folge der globalen Erderwärmung. Je wärmer das Wasser, desto mehr Feuchtigkeit nimmt die Atmosphäre auf – und desto heftiger fallen die Niederschläge aus. Was früher ein Jahrhundertereignis war, könnte nach Einschätzung von Experten in den kommenden Jahrzehnten zur Regelmäßigkeit werden.

Spanien gehört zu den Ländern, die den Klimaschutz mit Nachdruck vorantreiben. Das Land hat sich ambitionierte Reduktionsziele gesetzt, investiert massiv in erneuerbare Energien und trägt das Pariser Klimaabkommen offensiv mit. Umso bitterer ist die Ironie: Während spanische Gemeinden in den Fluten versinken, demontiert die größte Volkswirtschaft der Welt ihren Klimaschutz.

Die USA unter Präsident Donald Trump sind erneut aus dem Pariser Klimaabkommen ausgetreten – jenem Vertrag, in dem sich nahezu alle Staaten der Erde verpflichtet hatten, den globalen CO₂-Ausstoß zu senken und die Erderwärmung unter 1,5 Grad zu halten. Bereits während Trumps erster Amtszeit hatten die USA das Abkommen verlassen; Präsident Biden führte das Land zurück. Jetzt ist der Austritt erneut vollzogen.

Treibhaus was? Ich heiße Trump

Doch Trump geht diesmal weiter. Die Umweltbehörde EPA hat die sogenannte Endangerment Finding von 2009 aufgehoben – jene wissenschaftliche Feststellung, dass Treibhausgase wie CO₂ gesundheitsschädlich sind und deshalb reguliert werden dürfen. Mit einem Federstrich entfallen damit zentrale gesetzliche Grundlagen für Fahrzeug-Emissionsgrenzwerte, Kraftwerksregulierungen und andere Klimaschutzmaßnahmen im Inland. Die USA – historisch einer der größten CO₂-Emittenten überhaupt – sind damit weder international noch innenpolitisch an wirksame Reduktionsziele gebunden.

Die Konsequenzen reichen weit über Washington hinaus. Klimaschutz funktioniert nur global: Wenn der zweitgrößte Emittent der Welt aussteigt, sinkt der Druck auf andere Staaten, ihre eigenen Ziele einzuhalten. Experten warnen vor einem Dominoeffekt – Schwellenländer, die ohnehin mit den Kosten der Energiewende kämpfen, könnten den amerikanischen Rückzug als Vorwand nutzen, eigene Ambitionen zurückzufahren.

Für Länder wie Spanien bedeutet das: Sie tragen die Kosten des Klimawandels – die Milliarden für zerstörte Infrastruktur, die verlorenen Ernten, die evakuierten Familien –, während ein Land, das wesentlich zur Ursache beigetragen hat, sich seiner Verantwortung entzieht. Die Sturmfront-Serie über der Iberischen Halbinsel ist kein Einzelfall. Sie ist ein Vorbote dessen, was kommt, wenn diejenigen, die am meisten emittieren, am wenigsten dagegen tun.

Der Autor

Alexander Gresbek lebt seit vielen Jahren an der spanischen Mittelmeerküste. Der Journalist und Buchautor befasst sich mit spanischer Kultur und Traditionen. Zu seinem aktuellen Titel Die Costa Blanca Für Kluge Köpfe (erhältlich bei amazon) hier die Buchrezension.