Spanien hat 17 Regionen. Vier davon machen Lärm

Spanien besteht offiziell aus 17 autonomen Gemeinschaften. Vier davon liefern 80 Prozent der nationalen Diskussion, sämtliche Talkshows der Woche und die meisten Familienstreitigkeiten ab dem zweiten Glas Wein. Ein Porträt von Baskenland, Katalonien, Andalusien und der Region Madrid und der Frage, warum sich vier so unterschiedliche Regionen seit Jahrhunderten gegenseitig brauchen.

von Alexander Gresbek

Wer Spanien sagt, meint vier davon: 1479 beschlossen Ferdinand von Aragón und Isabella von Kastilien, dass es günstiger sei, ihre Königreiche zu vereinen, als sich weiter gegenseitig zu bekriegen. Über fünfhundert Jahre später ist die Frage, ob Spanien ein Land sei oder vier, immer noch nicht zufriedenstellend beantwortet. 

Sie wird heute allerdings nicht mehr mit Lanzen geklärt, sondern in Talkshows, vor dem Verfassungsgericht und an Familientischen, an denen alle so tun, als sei das Thema längst durch.

Die Verfassung von 1978 schuf 17 autonome Gemeinschaften mit eigenen Parlamenten, Präsidenten, Fahnen und einer ausgeprägten Auffassung darüber, warum die anderen sechzehn alles falsch machen. Vier dieser Regionen prägen die nationale Erzählung überproportional: Baskenland, Katalonien, Andalusien und die Region Madrid.

 Was den Streit antreibt, sieht von außen folkloristisch aus. In Wahrheit geht es ums Geld. Die Regionen kassieren Steuern, schicken den Großteil nach Madrid, und Madrid verteilt zurück, nach einer Formel, die niemand für fair hält, am wenigsten der jeweils Empfangende. Baskenland und Navarra haben sich diesem System entzogen: Sie ziehen ihre Steuern selbst ein und überweisen Madrid nur eine ausgehandelte Pauschale. 

Die übrigen fünfzehn Regionen halten das für himmelschreiend ungerecht. Baskenland und Navarra finden es einleuchtend.

Baskenland: schweigt, kocht, gewinnt

Im Norden regnet es gefühlt an dreihundert Tagen im Jahr, die Bevölkerung ist im Durchschnitt etwas größer als der Rest des Landes, und es existiert eine Sprache, die sich keiner bekannten Sprachfamilie zuordnen lässt. Euskara ist mit nichts verwandt.

Linguisten vermuten seit Jahrzehnten Verbindungen zu vorindoeuropäischen Sprachen und ähnlich präzisen Kategorien, der einzige Konsens lautet, dass niemand weiß, woher sie kommt. Die Basken nehmen das mit der Gelassenheit von Menschen, die nichts beweisen müssen.

Wirtschaftlich liegt das Baskenland regelmäßig an der Spitze. 2022 erreichte das BIP pro Kopf laut spanischer Regionalrechnung rund 35.800 Euro, der Landesdurchschnitt lag bei 28.200 Euro. Bilbao hat sich seit den Neunzigern vom grauen Hafen zur Designstadt umorganisiert, San Sebastián gilt kulinarisch als eine der dichtbesterntesten Städte der Welt. 

Die Basken erwähnen das nicht mit Stolz, sondern mit dem Tonfall, mit dem man eine Wettervorhersage vorliest.

Ein Kapitel bleibt: ETA. Die separatistische Untergrundorganisation tötete laut Wikipedia rund 830 Menschen, andere Quellen sprechen von 853. Am 2. Mai 2018 löste sie sich offiziell auf. Die Aufarbeitung läuft, die Wunden sitzen tief, und das Stereotyp des durchschnittlichen Basken hat sich in der Außenwahrnehmung wieder zurückbewegt vom Terrorverdacht zum Mann mit Baskenmütze, der Steine hebt und sich für Kabeljau interessiert.

Katalonien: liefert die Schlagzeilen

Katalonien stellt etwa 16 Prozent der spanischen Bevölkerung und erwirtschaftet rund 19 bis 20 Prozent des nationalen BIP. Es hat eine eigene Amtssprache, eine eigene Polizei (Mossos d'Esquadra), ein katalanischsprachiges Bildungssystem, ein eigenes Fernsehen und eine institutionelle Dichte, die ausreicht, um wahlweise als Region oder als kleines Königreich durchzugehen.

Diese Spannung ist Programm. Ein nicht unerheblicher Teil der katalanischen Bevölkerung betrachtet Katalonien als eigenständige Nation, die durch ein historisches Missverständnis in einem Staat namens Spanien gelandet ist.

Das Unabhängigkeitsreferendum vom 1. Oktober 2017 endete in einer Unabhängigkeitserklärung, die nach wenigen Sekunden wieder ausgesetzt wurde, gefolgt von der Absetzung der katalanischen Regionalregierung und einigen Jahren spanischer Verfassungslyrik. 

Mehrere große Unternehmen verlegten ihren Sitz aus Katalonien weg, was die einen für eine Katastrophe halten und die anderen für eine Buchhaltungsfrage.

Innerhalb Kataloniens gibt es eigene Bruchlinien. Barcelona dominiert wirtschaftlich, kulturell und tourismustechnisch und kämpft mit Übertourismus und Gentrifizierung. Lleida ist landwirtschaftlich, konservativ und hat den Eindruck, dass nie jemand an es denkt, wenn von Katalonien die Rede ist. 

Tarragona hat Chemieindustrie und Castellers, Girona die Costa Brava und die Erinnerung an Carles Puigdemont, der nach Belgien floh und seither in der katalanischen Vorstellungswelt zwischen Held und Internetwitz pendelt.

Andalusien: Spanien fürs Tourismusplakat

Wer im Ausland an Spanien denkt, denkt zu siebzig Prozent an Andalusien. Flamenco, weiße Dörfer, Tapas, Sevilla, Granada, die Alhambra, lange Mittagspausen, lautes Reden auf der Straße um halb drei nachts. Mit knapp 8,5 Millionen Einwohnern ist Andalusien die bevölkerungsreichste autonome Gemeinschaft. Es hat zugleich die höchste Arbeitslosenquote des Landes, und das ist keine kulturelle Eigenheit, sondern Folge struktureller Entscheidungen.

Das überkommene Latifundio-System konzentrierte Landbesitz über Jahrhunderte in wenigen Händen. Die Industrialisierung unter Franco fand vor allem in Madrid, Barcelona und Bilbao statt, nicht im Süden. Was blieb, ist eine Wirtschaft mit großem Tourismus-, Landwirtschafts- und öffentlichem Sektor und chronischer Saisonabhängigkeit.

Hier eine bemerkenswerte Pointe: Ein erheblicher Teil der heutigen Madrider Bevölkerung sind Kinder oder Enkel von Andalusiern, die in den sechziger und siebziger Jahren nach Madrid auswanderten, weil es im Süden keine Arbeit gab. 

Einige dieser zweiten oder dritten Generationen reproduzieren heute exakt die Klischees über Andalusien, die einst gegen ihre eigenen Großeltern verwendet wurden. Die Ironie ist so deutlich, dass sie kaum kommentiert werden muss, was sie nicht davon abhält, trotzdem ständig zu passieren.

Die acht Provinzen funktionieren fast wie eigene Welten. Sevilla pflegt seinen Hauptstadtkomplex, Málaga modernisiert sich technologisch und kostenmäßig, Cádiz hat den bissigsten Karneval Spaniens, Granada hat die Alhambra und ein leichtes Sevilla-Problem, Córdoba erinnert sich an das Kalifat, Jaén an Olivenöl und institutionelle Vernachlässigung, Almería an Treibhäuser und Westernfilme, Huelva an die portugiesische Grenze, die selten jemand absichtlich besucht.

Madrid: Hauptstadt der Großeltern aus dem Süden

Madrid ist die einzige der vier Regionen ohne klassische vorbestehende Identität. Keine eigene Sprache, keine alte Küstentradition, kein Meer, keine baskischen Bauernsportarten. Was Madrid hat, ist Akkumulation. Sitz von Regierung, Verfassungsgericht, großen Banken, Konzernzentralen, Medien.

Dazu der Prado, das Reina Sofía und das Thyssen-Bornemisza in 15 Minuten Fußweg voneinander, ein Nachtleben, das nicht aufhört, und Leitungswasser, auf das Madrileños mit einer Überzeugung verweisen, als handle es sich um identitätsstiftendes Mineralwasser.

Die Madrider Identität ist die einer Stadt, in der die meisten von woanders herkommen. Wer madrileño ist, hat oft andalusische, extremadurische, kastilische oder galicische Großeltern. Die Frage „Und wo seid ihr ursprünglich her?" gilt nicht als unhöflich, sondern fast als Smalltalk-Standard.

Genau deshalb konstruiert Madrid seine Identität über Anhäufung und Abgrenzung. Madrileños betonen gern, kosmopolitisch und weltoffen zu sein, was vom Rest des Landes regelmäßig als zentralistische Selbstgewissheit gelesen wird. 

Der Satz, mit dem Spanien die Hauptstadt zusammenfasst, lautet: Madrid hält Madrid für Spanien.

Vier Regionen, eine Bar, ein Endspiel

Das Erstaunliche an dieser Konstellation ist, dass sie funktioniert, beziehungsweise sich davor drückt, nicht zu funktionieren. Katalonien braucht Madrid, um das fiskalische Opfer zu sein. Madrid braucht Katalonien, um Verteidiger der Einheit zu sein. Andalusien braucht die anderen drei, um sich unterschätzt zu fühlen, und das Baskenland braucht die anderen drei, damit sie sich streiten, während es selbst in Ruhe pinchos isst.

Für Reisende ist das alles weniger anstrengend, als es klingt. Wer das Land mehrere Wochen bereist, merkt schnell, dass jeder spanische Ort über die anderen redet, sobald die ersten beiden Getränke serviert sind. Praktisch heißt das: Im Baskenland lohnt sich ein gelegentliches „Kaixo", in Katalonien ein „Bon dia", in Andalusien Geduld mit den Öffnungszeiten und in Madrid die Bereitschaft, sich am Tresen anstoßen zu lassen, weil alle gleichzeitig sprechen wollen.

Eine Beobachtung zum Schluss: Bei einem Länderspiel der spanischen Nationalmannschaft brüllen alle vier Regionen in derselben Bar. Bis zum Abpfiff. Dann sortieren sich die Fronten wieder.

Der Autor

Alexander Gresbek lebt seit vielen Jahren an der spanischen Mittelmeerküste. Der Journalist und Buchautor befasst sich mit spanischer Kultur und Traditionen. Zu seinem aktuellen Titel Die Costa Blanca Für Kluge Köpfe (erhältlich bei amazon) hier die Buchrezension.

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