Maurische Feste an der Costa Blanca
An der Costa Blanca donnern jedes Jahr die Gewehrsalven, wenn bei den Fiestas de Moros y Cristianos maurische Krieger auf christliche Ritter treffen. Diese spektakulären Volksfeste verwandeln verschlafene Küstenorte und Bergdörfer in lebendige Geschichtsbücher – mit prächtigen Kostümen, ohrenbetäubendem Pulverdampf und einer Leidenschaft, die Besucher aus aller Welt in ihren Bann zieht.
von Alexander Gresbek
Alcoy – Gewehrsalven und Halbmond-Fahnen: Wer im Sommer durch diese malerische Küstenstadt schlendert, ahnt kaum, welch dramatische Vergangenheit hier Wurzeln schlug. Doch wenn die Fiestas de Moros y Cristianos beginnen, erwacht die Geschichte der maurischen Eroberung zum Leben.
Plötzlich füllen sich die Gassen mit Kriegern in glitzernden Rüstungen und maurischen Kämpfern in bunten Gewändern. Der Geruch von Schießpulver liegt in der Luft, während Tausende Zuschauer das Spektakel verfolgen.
Diese einzigartigen Feste an der Costa Blanca sind weit mehr als folkloristische Unterhaltung. Sie erzählen von jener Zeit zwischen 711 und 1614, als Mauren und Christen um die Vorherrschaft an dieser sonnenverwöhnten Küste kämpften. Überall zwischen Dénia und Villena, zwischen Küste und Hinterland, feiern die Menschen diese komplexe Geschichte – jeder Ort auf seine eigene Art.
Besonders beeindruckend: Die Bewohner stecken ihr Herzblut in diese Fiesta. In Alcoy nehmen 15 Prozent der Einwohner aktiv teil, in Villena sogar über 33 Prozent. Jahr für Jahr werden neue, prächtige Kostüme gefertigt, die anschließend im Museum landen. Die besten werden prämiert – ein Wettbewerb, der die ganze Stadt in Atem hält.
Alcoy im April: Wenn Sant Jordi über der Schlacht erscheint
Alcoy gilt als die Hauptstadt der Moros y Cristianos Feste. Vom 22. bis 24. April verwandelt sich diese Bergstadt in ein einziges großes Schlachtfeld. Der Grund: Hier soll am 23. April 1276 der legendäre maurische Anführer Al-Azraq bei seinem letzten Angriff gefallen sein. Der Legende nach erschien Sant Jordi, der heilige Georg, hoch zu Ross über der Burg und verhalf den Verteidigern zum Sieg.
Die drei Festtage folgen einem strengen Ritual: Am ersten Tag marschieren erst die christlichen, dann die maurischen Gruppen durch die Stadt – die sogenannten Entradas. Das Dröhnen der Trommeln, das Schmettern der Trompeten und die Pracht der Gewänder versetzen jeden Besucher in Staunen. Wer einmal das Meer aus weißen Kreuzfahnen und grünen Halbmond-Wimpeln gesehen hat, vergisst diesen Anblick nie wieder.
Am zweiten Tag steht die religiöse Andacht im Mittelpunkt, während am dritten Tag, dem Dia del Alardo, die eigentliche Schlacht nachgestellt wird. Gewehrsalven donnern, Pulverdampf vernebelt die Gassen, und am Ende siegen – wie seit 1276 – die Christen. Das Fest wurde 1980 als Event von internationalem touristischem Interesse anerkannt.
Küste und Berge: Wo Mauren und Christen noch heute kämpfen
Doch Alcoy ist längst nicht der einzige Ort, der diese maurische Tradition pflegt. Entlang der gesamten Costa Blanca finden sich spektakuläre Moros y Cristianos Fiestas, jede mit eigenem Charakter:
Villena feiert Anfang September und lockt mit der höchsten Beteiligungsquote – über ein Drittel der Bevölkerung schlüpft in historische Kostüme. Die Stadt im Hinterland besitzt zudem eine beeindruckende Burg, deren unterer Teil noch maurisch ist, während der obere Teil christliche Architektur zeigt.
Jávea zelebriert seine Fiesta im Juli mit besonderem Küstenflair. Hier spürt man deutlich, wie wichtig die strategische Lage dieses Hafenstädtchens einst war. Die Mauren eroberten Jávea 714 auf ihrem Weg nach Dénia und erkannten schnell den Wert des natürlichen Hafens.
Dénia selbst feiert im August. Über der Stadt thront noch heute das imposante Castillo de Dénia, einst Hauptstadt eines maurischen Taifa-Königreichs. Die arabische Zitadelle mit ihren zwei konzentrischen Mauerringen zeugt von der Blütezeit im 11. Jahrhundert, als Daniya ein bedeutendes Handelszentrum war.
Villajoyosa, das farbenfrohe Küstenstädtchen südlich von Benidorm, verwandelt sich Ende Juli in eine Filmkulisse. Hier wird nicht nur an Land gekämpft: Bei der spektakulären Desembarco findet eine Seeschlacht statt, bei der maurische Schiffe anlanden – eine Erinnerung an die ursprüngliche Eroberung übers Meer.
Weitere Orte wie Elche (August), Crevillent, Bocairent, Ontinyent und Banyeres de Mariola haben ihre eigenen Termine und Traditionen entwickelt. Zusammen ergeben sie einen regelrechten Festkalender, der sich über das ganze Jahr erstreckt.
Blutige Geschichte: Was hinter den Festen steckt
Warum aber wird diese kriegerische Vergangenheit so ausgelassen gefeiert? Die Geschichte dahinter ist ebenso faszinierend wie tragisch. Als 711 der berberische Heerführer Tariq Ibn Ziyad mit nur 7.000 Mann in Gibraltar landete, stand ihm ein westgotisches Heer gegenüber, das zahlenmäßig weit überlegen war. Doch das Gotenreich war innerlich zerrüttet, und binnen weniger Jahre kontrollierten die Mauren große Teile der Iberischen Halbinsel.
An der Costa Blanca verlief die Eroberung erstaunlich friedlich. 713 schloss der maurische Heerführer Abd Al-Aziz einen bemerkenswerten Pakt mit dem Gotenfürsten Teodomiro: Der christliche Fürst durfte seine Region weiter verwalten. Pragmatismus siegte über religiösen Eifer – zunächst jedenfalls.
Die maurischen Herrscher brachten revolutionäres Wissen mit: ausgeklügelte Bewässerungssysteme, terrassierte Bergfelder, Zitrusfrüchte, Reis und Baumwolle. Die Acequias, jene kunstvollen Kanäle, die bis heute Felder bewässern, sind ihr sichtbarstes Erbe. In Anna sprudelt noch immer Wasser durch die Fuente de los 20 Caños zu den Feldern. Die Séquia Reial de Montcada bei Valencia erstreckt sich über 32,8 Kilometer und versorgt über 6.300 Hektar.
Jahrhundertelang lebten Christen, Muslime und Juden erstaunlich friedlich zusammen. Die Mozárabes, Christen unter maurischer Herrschaft, und später die Mudejares, Muslime unter christlicher Herrschaft, arbeiteten Hand in Hand. Das 15. Jahrhundert gilt als goldenes Zeitalter: Horchata und Turrón, bis heute beliebte Spezialitäten, sind maurische Erfindungen aus dieser Zeit.
Der tragische Schluss: Als die Täler leer wurden
Doch nach dem Fall Granadas 1492 drehte sich der Wind. Die katholischen Könige verlangten die Zwangstaufe aller Muslime. Wer sich weigerte, wurde vertrieben. Die zwangsbekehrten Morisken praktizierten ihren Glauben im Geheimen weiter – unter drakonischen Strafen. Soldaten kontrollierten, ob sie freitags die rituellen Waschungen vornahmen. Wer beim Koranstudium erwischt wurde, konnte sofort getötet werden.
1609 kam das endgültige Aus: König Philipp III. unterzeichnete das Dekret zur Ausweisung aller Morisken. Innerhalb von drei Tagen mussten sie ihre Habseligkeiten ordnen, ohne Gold oder Schmuck mitnehmen zu dürfen. Zwischen 1609 und 1614 wurden rund 300.000 Menschen vertrieben – allein aus Valencia waren es 135.000, ein Drittel der damaligen Bevölkerung.
Das Vall de Gallinera verlor praktisch alle Bewohner. Geschlagen und ausgeraubt zogen sie nach Dénia, wo Schiffe sie nach Nordafrika brachten. Mindestens 10.000 starben bei der Vertreibung.
Die Folgen waren katastrophal: Die Wirtschaft kollabierte, Bewässerungsanlagen verfielen, ganze Landstriche entvölkerten sich. Moderne DNA-Analysen zeigen, dass die Vertreibung in Valencia besonders radikal war – im Erbgut finden sich kaum Spuren der einst zahlreichen maurischen Bevölkerung.
Zwischen Erinnerung und Zukunft: Was die Feste heute bedeuten
Heute leben wieder 163.000 Muslime in der Region Valencia, 3,2 Prozent der Bevölkerung. In der Provinz Alicante bekennen sich über 52.000 Menschen zum Islam. Spanien ist wieder multikulturell geworden – auch wenn die Geschichte mahnt, wie fragil solche Koexistenz sein kann.
Wenn in Alcoy, Jávea oder Villena die Gewehre donnern und maurische sowie christliche Kämpfer symbolisch aufeinandertreffen, ist das deshalb mehr als bloße Folklore. Es ist die Erinnerung an eine komplexe Vergangenheit aus Kulturaustausch und Vertreibung, aus wissenschaftlicher Blüte und religiösem Fanatismus. Die Fiestas de Moros y Cristianos zeigen, was möglich ist, wenn verschiedene Kulturen zusammenarbeiten – und was verloren geht, wenn Intoleranz siegt.
Für Besucher der Costa Blanca sind diese Feste ein unvergessliches Erlebnis. Die Pracht der Kostüme, der ohrenbetäubende Lärm, der Pulverdampf in den Gassen, die ausgelassene Stimmung – all das macht diese Tradition lebendig. Wer einmal dabei war, versteht, warum ganze Familien Jahr für Jahr in die Rolle ihrer Vorfahren schlüpfen und mit Leidenschaft kämpfen.
Die maurischen Burgruinen, die über vielen Städten thronen, die jahrhundertealten Bewässerungskanäle in den Tälern und die farbenprächtigen Feste sind stumme Zeugen einer Epoche, die Spaniens Gesicht für immer veränderte. Eine Vergangenheit, aus der zu lernen heute wichtiger ist denn je.
Festkalender: Moros y Cristianos an der Costa Blanca
Alcoy – Die Mutter aller Moros y Cristianos Feste
Datum: 22.-24. April (Sant Jordi) Besonderheit: Das größte und bekannteste Fest, seit 1980 von internationalem touristischem Interesse Höhepunkte: Zwei Entradas (Einzüge) am 22. April, Schlacht am 24. April (Dia del Alardo) Zu beachten: Hotels Monate im Voraus ausgebucht! Anreise am besten mit dem Auto, Parken schwierig. Ohrenschutz empfehlenswert wegen der Gewehrsalven. Die Stadt ist überfüllt – Geduld mitbringen. Tipp: Museo Alcoyano de la Fiesta besuchen, um prämierte Kostüme zu sehen.
Villena – Das Spektakel im Hinterland
Datum: Anfang September (5.-9. September, Datum variiert jährlich) Besonderheit: Höchste Beteiligungsquote (über 33% der Bevölkerung), beeindruckende maurisch-christliche Burg Höhepunkte: Capitanías (Empfänge der Hauptleute), große Umzüge, Batalla Zu beachten: Heiße Temperaturen im September! Sonnenschutz nicht vergessen. Kombinierbar mit Besichtigung der Burg und des Schatzmuseums (Tesoro de Villena) Tipp: Weniger überlaufen als Alcoy, authentischer.
Dénia – Fiesta am Meer
Datum: Mitte August (meist um den 16. August) Besonderheit: Spektakuläre Kulisse unter dem Castillo de Dénia Höhepunkte: Umzüge durch die Altstadt, Batalla, maurische Burg als Kulisse Zu beachten: Hochsaison! Unterkünfte früh buchen. Sehr heiß – leichte Kleidung, viel trinken Tipp: Burg vor oder nach dem Fest in Ruhe besichtigen, toller Blick über die Stadt und das Meer.
Jávea (Xàbia) – Küstenstadt-Flair
Datum: Juli (meist 2. Juliwoche, bei der Fiesta Patronal Mare de Déu dels Àngels) Besonderheit: Kleineres, familiäres Fest mit Strandnähe Höhepunkte: Desfiles (Umzüge), Batalla in der Altstadt Zu beachten: Sommerhitze, kombinierbar mit Strandurlaub Tipp: Authentisches Erlebnis abseits der Massen.
Villajoyosa (La Vila Joiosa) – Schlacht zu Wasser und zu Land
Datum: Ende Juli (um den 28.-31. Juli) Besonderheit: Spektakulärer Desembarco Moro (maurische Landung vom Meer), seit 1996 von nationalem touristischem Interesse Höhepunkte: Seeschlacht am Strand, maurische Schiffe landen an, Straßenschlachten Zu beachten: Das Desembarco findet am Strand statt – früh kommen für gute Plätze! Wasserfest, Badekleidung darunter nicht verkehrt Tipp: Einzigartiges Spektakel, nirgendwo sonst gibt es die Seeschlacht.
Elche (Elx) – UNESCO-Welterbe trifft Mauren
Datum: Anfang August (meist 1.-3. August, Fest zu Ehren der Virgen de la Asunción) Besonderheit: Kleinere Fiesta in der Stadt Elche/Elx des berühmten Palmenhains Höhepunkte: Umzüge, Batalla Zu beachten: Kombinierbar mit Besuch des Palmenhains (UNESCO-Welterbe) und der Dama de Elche im Archäologischen Museum.
Tipp: Weniger bekannt, daher entspannter.
Weitere erwähnenswerte Feste:
• Ontinyent: Ende August/Anfang September – eines der ältesten Feste (seit 1511 dokumentiert)
• Bocairent: Anfang Februar – Winter-Variante, weniger heiß!
• Banyeres de Mariola: April/Mai – malerisches Bergdorf
• Crevillent: Zweite Septemberhälfte
• Petrer: Anfang Mai – Fest zu Ehren San Bonifacio
Tipps für Besucher der Costa Blanca
Unterkunft: Bei großen Festen wie Alcoy und Villena Monate im Voraus buchen! Alternativ in Nachbarorten übernachten und anreisen.
Anreise: Auto empfehlenswert für Flexibilität, aber Parkplätze rar. Öffentliche Verkehrsmittel oft überlastet während der Feste.
Was mitbringen:
• Ohrenschutz (die Gewehrsalven sind ohrenbetäubend!)
• Sonnenschutz und Kopfbedeckung (Sommerfeste!)
• Bequeme Schuhe (viel Stehen und Laufen)
• Wasser
• Kamera mit vollem Akku
Verhalten:
• Respekt vor den Teilnehmern – für viele ist dies eine ernste Tradition
• Nicht in die Umzüge laufen
• Kinder beaufsichtigen, vor allem bei den Salven
• Wertsachen sichern (viele Menschenmassen)
Kosten: Eintritt zu den Umzügen und Batallas ist in der Regel frei. Nur für besondere Tribünenplätze muss manchmal bezahlt werden.
Dauer: Rechnen Sie mindestens einen vollen Tag ein, besser drei Tage für das komplette Programm.
Sprache: Valencianisch und Spanisch. In Touristenorten wird teilweise Englisch verstanden, Deutsch selten.
Beste Fotozeit: Die Entradas (Einzüge) am helllichten Tag für farbenfrohe Kostüme. Die Schlacht für Action und Atmosphäre.
Der Autor
Alexander Gresbek lebt seit vielen Jahren an der spanischen Mittelmeerküste. Der Journalist und Buchautor befasst sich mit spanischer Kultur und Traditionen. Zu seinem aktuellen Titel Die Costa Blanca Für Kluge Köpfe (erhältlich bei amazon) hier die Buchrezension.
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