Spaniens Antwort auf die Abhängigkeit von US-Technologie

Das stärkste öffentlich zugängliche KI-System der Welt ist am Abend des 12. Juni 2026 aus dem Netz verschwunden. Nicht wegen eines Stromausfalls, nicht wegen eines Hackerangriffs. Die US-Regierung hatte die kalifornische Firma Anthropic per Anordnung gezwungen, ihre beiden modernsten Modelle abzuschalten. Weltweit. Für jeden Nutzer. Wer wenige Stunden zuvor noch einen Geschäftsbrief, eine Marktanalyse oder eine Übersetzung durch das System geschickt hatte, bekam plötzlich Fehlermeldungen.

von Michelle Gresbek

Madrid. Für die meisten Leser klingt das nach einer fernen Branchenmeldung aus dem Silicon Valley. Tatsächlich ist es ein Schlüsselereignis, das auch Spanien direkt betrifft. Was ist da passiert? Künstliche Intelligenz steckt heute in vielem, was wir täglich nutzen. In Übersetzungs-Apps, in der Buchhaltungssoftware kleiner Betriebe, in den Werkzeugen, mit denen Tourismusunternehmen ihre Buchungen verwalten, in den Programmen für Ärzte, Anwälte und Journalisten. 

Ein großer Teil dieser Technologie kommt aus den USA. Wenige amerikanische Konzerne beherrschen den Markt.

Am 12. Juni hat die US-Regierung gezeigt, dass sie diesen Markt steuern kann. Sie verbot Anthropic, die fortschrittlichsten Modelle an Nicht-Amerikaner auszuliefern. Weil das Unternehmen seine Nutzer technisch nicht nach Staatsangehörigkeit trennen kann, blieb nur die globale Notabschaltung. Die offizielle Begründung: nationale Sicherheit. Anthropic selbst hält die Anordnung für falsch und sagt das öffentlich.

Heikel ist daran weniger der einzelne Fall als das Muster. Zum ersten Mal hat eine Regierung ein bereits weltweit eingesetztes Sprachmodell per Verfügung vom Markt genommen. Was an einem Freitagabend in Washington beschlossen wird, kann am Samstagmorgen jeden Betrieb in Europa beeinträchtigen, der seine Arbeit darauf gestützt hat.

Warum das auch Spanien angeht

Die Hotelkette an der Costa Blanca, die ihre Gästekommunikation automatisiert. Die Anwaltskanzlei in Valencia, die Verträge per KI prüft. Der freie Journalist in Madrid, der seine Recherchen damit beschleunigt. Sie alle haben sich daran gewöhnt, dass ihre digitalen Werkzeuge einfach funktionieren. Diese Selbstverständlichkeit gilt nicht mehr.

Wer seine Arbeit auf amerikanische Anwendungen stützt, hat keinen Plan B, wenn Washington den Hebel umlegt. Dieselbe Erkenntnis hat in den vergangenen Jahren bereits viele Verwaltungen umdenken lassen. Schleswig-Holstein migriert seine Behörden weg von Microsoft, Frankreich baut eigene Cloud-Strukturen auf, das dänische Digitalministerium hat Microsoft 365 gekündigt.

Was Spanien anders macht

Während Berlin und Paris noch über digitale Souveränität reden, hat Madrid langsam begonnen, sie aufzubauen. Das Zentrum dieser Anstrengung steht in Barcelona, an einem der ungewöhnlichsten Computerstandorte Europas: einer ehemaligen Kapelle der Polytechnischen Universität. Dort summt MareNostrum 5, einer der drei stärksten Rechner des Kontinents.

Anfang 2025 stellte Pedro Sánchez auf dieser Anlage das Projekt ALIA vor, die erste vollständig öffentliche und mehrsprachige KI-Infrastruktur Europas. Anders als bei US-Anbietern sind sämtliche Bauteile einsehbar. Wer wissen möchte, mit welchen Daten das System trainiert wurde, kann nachschauen. Ein wesentlicher Anteil des Trainings findet auf Spanisch, Katalanisch, Galicisch und Baskisch statt, also genau in jenen Sprachen, die amerikanische Modelle oft stiefmütterlich behandeln. Eine spanische Aufsichtsbehörde prüft, ob das System den Regeln der europäischen KI-Verordnung folgt.

Im Januar 2026 haben Spanien, Portugal und die Türkei zusammen mit der EU 129 Millionen Euro freigegeben, um MareNostrum 5 gezielt für KI-Aufgaben aufzurüsten. Barcelona betreibt zudem eine der sieben offiziellen KI-Fabriken der Europäischen Union, also Rechenzentren, die spanischen und europäischen Firmen Zugang zu Hochleistungs-KI verschaffen, ohne dass diese auf amerikanische Anbieter zurückgreifen müssen.

Eine eigene Startup-Szene

Allein 2025 sammelten spanische KI-Unternehmen 717 Millionen Euro frisches Kapital ein. Das Land liegt damit auf Platz sechs in Europa und wächst schneller als die meisten Nachbarn.

Das prominenteste Beispiel kommt aus San Sebastián. Multiverse Computing hat sich auf einen scheinbar paradoxen Trick spezialisiert: das Schrumpfen von KI-Modellen. Riesige Systeme, die normalerweise nur in gigantischen Rechenzentren laufen, werden so klein, dass sie auf einem normalen Firmenserver Platz finden. 

Kunden wie der spanische Energieriese Iberdrola, der deutsche Konzern Bosch oder die Bank of Canada nutzen das bereits. Das Unternehmen meldet rund 100 Millionen Euro Jahresumsatz und beschäftigt knapp 500 Menschen.

Im Baskenland arbeitet Sherpa AI an einer Idee, die für Krankenhäuser, Banken und Versicherer besonders interessant ist. Mehrere Häuser können gemeinsam eine KI trainieren, ohne dass auch nur ein einziger Patienten- oder Kundendatensatz das eigene Haus verlässt.

In Barcelona entwickelt das Unternehmen OpenChip eigene Halbleiter, weil Spanien auch in der Hardware nicht ewig auf Lieferungen aus Taiwan oder den USA angewiesen sein will. Tucuvi aus Madrid wiederum baut Sprachassistenten für das Gesundheitswesen und expandiert in andere europäische Länder.

Im März 2026 hat die Regierung neun dieser Firmen für ein gesamteuropäisches Investitionsprogramm nominiert und 100 Millionen Euro zugesagt, um genau jene Eigenständigkeit zu fördern, an der es am 12. Juni so sichtbar fehlte.

Reicht das für echte Unabhängigkeit?

So beeindruckend die spanische Aufholjagd ist, sie ändert die Größenverhältnisse nicht. Spanien gab 2024 nach Schätzung des Beobachtungszentrums ONTSI rund 1,85 Milliarden Euro für KI aus. Allein der US-Konzern Amazon hat in Anthropic 13 Milliarden Dollar investiert. Die gesamte spanische Startup-Szene sammelte 2025 etwa 717 Millionen Euro neues Kapital ein. OpenAI und Anthropic machen damit kaum mehr als einen einzigen Monatsumsatz.

Auch bei der Nutzung in der Breite liegt Spanien nicht vorn. Laut Eurostat verwendeten 2025 rund 21 Prozent der spanischen Unternehmen mit mindestens zehn Beschäftigten mindestens ein KI-Werkzeug. In Deutschland waren es 26 Prozent, in Dänemark mehr als 40. Spanien liegt knapp unter dem EU-Schnitt. Bemerkenswert ist allerdings die Dynamik. Innerhalb eines Jahres hat sich der Anteil fast verdoppelt, der größte Sprung in einer großen EU-Volkswirtschaft.

Bei genauerem Hinsehen zeigt sich ein typisches Muster der spanischen Wirtschaft. Große Unternehmen mit mehr als 250 Mitarbeitern setzen KI zu rund 49 Prozent ein, ähnlich wie in Deutschland und Frankreich. Bei kleinen Firmen liegt der Wert dagegen unter 9 Prozent. Da die spanische Wirtschaft stark von Kleinunternehmen getragen wird, bleibt die Gesamtstatistik hinter den großen Nachbarländern zurück.

Madrids Strategie folgt einer anderen Logik. Statt mit Silicon Valley zu konkurrieren, baut das Land eine Lebensversicherung auf. Eine eigene Sprachversion, eine eigene Rechenanlage, eine Handvoll Firmen, die einspringen können, wenn die nächste Verfügung aus Washington kommt. Weniger eine Revolution als eine Vorkehrung.

Eine Versicherung gegen den Aus-Knopf

Was Spanien gerade aufbaut, ist im Kern ein Sicherheitsnetz. Das Land hat begriffen, dass digitale Souveränität nicht erst dann zum Thema wird, wenn der Strom abgestellt ist, sondern lange davor. 

Eine eigene Sprachversion auf einem eigenen Computer ist mehr als ein technisches Spielzeug. Sie ist die Voraussetzung dafür, dass katalanische Kulturinstitutionen, andalusische Verwaltungen oder die Tourismusbüros der Costa Blanca auch dann arbeitsfähig bleiben, wenn in Washington jemand einen Brief unterzeichnet.

Die KI-Branche redet gern davon, sie verändere die Welt. Am 12. Juni 2026 hat sich gezeigt, dass diese Veränderung nicht in den Händen der Programmierer liegt, sondern in den Händen jener Regierungen, die sie regulieren.

Spanien hat begonnen zu lernen, bevor das eigene Werkzeug abgeschaltet wurde. Das ist die eigentliche Geschichte hinter dem Wochenende, das in der breiteren Presse kaum Wellen schlug, hinter den Kulissen aber eine ganze Branche neu sortiert. In Barcelona summt ein Rechner in einer Kapelle. Was dort entsteht, soll dafür sorgen, dass auch in zehn Jahren noch jemand die Schalter in der Hand hält, der in der Nähe wohnt.

Die Autorin

Michelle Gresbek ist Journalistin, Gesundheitswissenschaftlerin und Sachbuchautorin. In ihren Artikeln beschäftigt sie sich mit moderner Medizin und der Frage, wie digitale Innovationen – etwa KI – das Gesundheitswesen verändern. Für unser Magazin ist sie seit 2026 im Einsatz und hat u.a. folgende Beiträge veröffentlicht:

Ist es gesünder, in Spanien zu leben?

Vergleich Spanien/Deutschland:
Die Gesundheitssysteme

Tierschutz in Spanien

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