Doch kein Rekordsommer? Warum Spaniens Tourismus 2026 ins Stocken gerät

Die spanische Tourismusbranche hatte diesen Sommer schon abgehakt: erstmals 100 Millionen ausländische Besucher, Rückenwind durch den Iran-Konflikt, Rekordeinnahmen. Doch die Buchungszahlen erzählen eine andere Geschichte. Airlines senken die Ticketpreise, Barcelonas Hotels sind halb leer, und Kreditkartendaten aus dem April zeigen einen spürbaren Rückgang der Tourismusausgaben. Was steckt dahinter — und was bedeutet das für alle, die jetzt noch buchen wollen?

von Alexander Gresbek (Text und Illustrationen)

Barcelona - 2025 war ein gutes Jahr für Spanien. Fast 96,8 Millionen internationale Besucher reisten ins Land — so viele wie nie zuvor, ein Anstieg von 3,2 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Die Einnahmen lagen bei 134,7 Milliarden Euro, was rund 13 Prozent des spanischen Bruttoinlandsprodukts entspricht. 

Der Tourismus ist Spaniens wichtigste Wirtschaftsbranche, wichtiger als Industrie oder Landwirtschaft.

Trotzdem blieb ein Wermutstropfen: Die angestrebte Marke von 100 Millionen Besuchern wurde verfehlt. Zu hoch waren die Hotelpreise, zu schwach die Nachfrage aus Frankreich, dem zweitwichtigsten Herkunftsmarkt. 2026 sollte das anders werden.

Die geopolitischen Verwerfungen durch den Iran-Krieg, so die Erwartung, würden Urlauber aus Krisenregionen nach Westeuropa umlenken — Dénia statt Dubai, die Costa Blanca statt Thailand. Tourismusminister Jordi Hereu schrieb sich 15 Millionen ausländische Besucher allein für März und April auf seine Hochrechnung, eine Steigerung von drei Prozent gegenüber dem Vorjahr.

Zu Ostern schien die Rechnung aufzugehen. Die Buchungsplattform Destinia meldete 50 Prozent mehr Reservierungen für die Karwoche 2026 im Vergleich zu 2025. Ausland-Urlauber stuften Spanien als sicheres Ziel ein, das kam dem Land zugute, sagte Destinia-Kommunikationsdirektorin Beatriz Oficialdegui.

Eine BBVA-Research-Studie schätzte den sogenannten Safe-Haven-Effekt auf 30 bis 36 Prozent des Anstiegs bei den Übernachtungszahlen. Der Schwung aus dem Frühjahr schien auf den Sommer übertragbar. Vielleicht zu früh gerechnet.

Ryanair senkt Preise, andere streichen Sitze

Der Erste, der die veränderte Lage offen aussprach, war Michael O’Leary. Der Ryanair-Chef erklärte auf einer Pressekonferenz in Dublin, ein Teil der Kunden zeige sich zurückhaltend bei Urlaubsbuchungen. 

Die Konsequenz: Ryanair vollzog Preissenkungen für Flüge im Juni, Juli und August. Nicht dramatisch, aber spürbar. Einen offenen Preiskampf der Branche schloss O’Leary aus. Die Konkurrenten, sagte er, würden lieber Kapazitäten kappen als Dumpingpreise anbieten.

Das Ergebnis lässt sich auf der wichtigsten Strecke Europas ablesen: Flüge von Großbritannien nach Spanien, die am stärksten frequentierte Verbindung auf dem Kontinent, kosteten im Juli zehn Prozent weniger als im Vorjahr — trotz gestiegener Kerosinpreise

Für August galt das noch nicht, was Deirdre Fulton, Analystin der Beratungsgesellschaft OAG, als taktischen Schachzug zur Nachfragebelebung wertet. Iberia, Vueling, Air Europa und EasyJet folgen dem gleichen Muster. Ihre ständigen Ankündigungen, keine Spritpreisaufschläge zu verlangen und Streichungen zu vermeiden, dienen demselben Zweck: unsichere Kunden zu einem Buchungsabschluss zu bewegen.

Gleichzeitig halten alle großen Airlines noch immer mehr Flüge nach Spanien, Italien und Griechenland geplant als im Vorjahr. Der Optimismus ist nicht verschwunden, er hat sich nur in die Zukunft verschoben. Die Hoffnung lautet: Wenn die Nachfrage irgendwann reagiert, ist genug Kapazität vorhanden, um den Sommer zu retten.

Barcelonas Hotels warten auf Buchungen

Was für die Flugbranche gilt, gilt auch für den Hotelsektor. Bruno Hallé, Vize-Direktor von Cushman & Wakefield Hospitality, fasst die Lage in einem Wort zusammen: Last-Minute. Reiseentscheidungen werden aufgeschoben, manche wochenlang. Für die operativen Abteilungen der Hotels bedeutet das echten Stress: Personalplanung, Einkauf, Auslastungsprognosen - alles hängt in der Luft.

Die Zahlen aus Barcelona machen das greifbar. Üblicherweise liegt das Reservierungsniveau für Juli in der katalanischen Hauptstadt bei 85 Prozent. Im Mai 2026 bewegten sich die Buchungen bei 55 bis 60 Prozent, sagte Hallé. Das ist keine kleine Abweichung, das ist ein struktureller Einbruch. 

Auch die Preise entwickeln sich schwach: moderate Steigerungen, weit entfernt vom zweistelligen Plus der vergangenen drei Jahre.

Dabei war Barcelona in den letzten Jahren das Aushängeschild für den Boom des spanischen Städtetourismus. 2025 zählte Katalonien als meistbesuchte Region des Landes rund 20,1 Millionen Touristen. Wenn dort jetzt die Hälfte der Sommerbuchungen fehlt, ist das kein lokales Phänomen, sondern ein Signal für den Gesamtmarkt.

Was Kreditkartendaten verraten

Zahlen, die nicht lügen: Der Konsum-Monitor von CaixaBank Research zeigt, dass die Kreditkartenzahlungen in spanischen Hotels im April gegenüber dem Vorjahresmonat um sechs Prozent zurückgingen. In der ersten Maiwoche betrug der Rückgang noch 1,2 Prozent — ein leichtes Entspannen, aber kein Trendwechsel. 

Parallel sanken die Ausgaben gegenüber Reiseagenturen: minus 6,3 Prozent im April, minus 0,8 Prozent in der ersten Maiwoche.

Juan Molas, Präsident des spanischen Lobbyverbands Mesa del Turismo, bringt es auf den Punkt: Der Tourismus aus dem Ausland ist betroffen. Der Verkauf läuft nur schleppend. Das ist bemerkenswert, weil dieselbe Branche noch Anfang 2026 von einem starken Buchungsplus profitiert hatte. 

Der Deutsche Reiseverband (DRV) meldete Ende Januar mit Blick auf die Sommersaison sieben Prozent höhere Umsätze und vier Prozent mehr gebuchte Reisende als im Vorjahr. Binnen weniger Monate hat sich das Bild verändert.

Unsicherheit als eigentlicher Reisebremser

Hinter dem Zurückhalten steckt mehr als Urlaubsmüdigkeit. Deirdre Fulton von OAG beschreibt eine veränderte Buchungsstruktur: Entscheidungen werden zunehmend sehr nah am Reisedatum getroffen. 

Das ist kein Trend, der sich in ein paar Wochen umkehrt. Es ist ein Verhalten, das sich nach der Pandemie langsam eingespielt hat und das nun, unter dem Druck wirtschaftlicher Unsicherheit und höherer Preise, verstärkt zurückkommt.

Die Kerosinpreise spielen ebenfalls eine Rolle. Die Unsicherheit über Verfügbarkeit und Preis des Treibstoffs macht es für Airlines schwerer zu kalkulieren, und für Kunden schwerer zu planen. Dazu kommt die allgemeine Wirtschaftslage: In Deutschland etwa zeigt der DRV-Bericht eine wachsende Zurückhaltung bei Individualreisen, während Pauschalreisen stabiler nachgefragt werden. Reisende wollen weniger Risiko.

Turespaña, das staatliche spanische Tourismusamt, bestätigt den Trend in seinem Marktbericht für den Sommer 2026: Alle befragten Analysten sowie Vertreter von Reiseveranstaltern und Online-Plattformen erwarten für die ersten Sommermonate einen Rückgang der Verkaufszahlen. 

Bemerkenswert ist die Begründung: Nicht mehr der Preis ist das vorrangige Buchungskriterium, sondern Sicherheit und Verlässlichkeit des Angebots.

Was das für Reisende jetzt bedeutet

Wer für diesen Sommer noch nichts gebucht hat, trifft auf einen ungewohnt nachgiebigen Markt. Auf der Strecke Großbritannien nach Spanien sind die Julipreise zehn Prozent unter Vorjahresniveau, und ähnliche Bewegungen sind auf anderen Strecken zu beobachten. Hotels in Barcelona und anderen Städten verfügen über Kapazitäten, die sie sonst im Mai längst vergeben hätten.

Das heißt nicht, dass Spanien leer sein wird. Hallé bleibt für den ausländischen Urlauberzustrom optimistisch: Das westliche Mittelmeer werde vom Konflikt in der Golfregion profitieren — auch wenn die Buchungen spät kommen. Der Safe-Haven-Effekt ist real. Turespaña verzeichnete für die Balearen einen Nachfrageanstieg von 15 Prozent, für Festlandziele sogar 32 Prozent, verglichen mit Rückgangs-Regionen im östlichen Mittelmeer.

Die Frage ist, ob diese Nachfrage rechtzeitig anspringt. Wer spontan buchen kann, hat 2026 gute Karten: niedrigere Flugpreise, verfügbare Zimmer und ein Zielland, das seine Attraktivität nicht verloren hat. Wer auf Planungssicherheit angewiesen ist, bucht besser jetzt — denn sobald die Nachfrage anzieht, dürften die Preise folgen.

Praktische Infos

Beste Reisezeit: Juni und September bieten in den meisten Küstenregionen gute Temperaturen bei deutlich weniger Andrang als im August. Für Städtereisen (Madrid, Barcelona, Sevilla) empfehlen sich Mai oder Oktober.

Buchung 2026: Wer flexibel ist, profitiert von einem ungewohnt hohen Angebot an verfügbaren Flügen und Hotelzimmern besonders im Juli. Direktbuchungen über Airline-Websites oder Hotel-Homepages lohnen sich, da viele Anbieter Vermittlerkosten sparen und weitergeben.

Anreise: Direktflüge aus deutschen Großstädten nach Málaga, Alicante, Barcelona oder Palma de Mallorca sind auf Preisvergleichsportalen aktuell in Teilen deutlich günstiger als im Vorjahr. Wer die Juli-Flüge mit Großbritannien als Vergleichsmarkt nimmt: zehn Prozent unter Vorjahr sind auch hier realistisch.

Visa: Keine Einschränkungen für EU-Bürger. Für aktuelle Einreisebestimmungen empfiehlt sich ein Blick auf die Website des Auswärtigen Amtes (auswaertiges-amt.de).

Der Autor

Alexander Gresbek lebt seit vielen Jahren an der spanischen Mittelmeerküste. Der Journalist und Buchautor befasst sich mit spanischer Kultur und Traditionen. Zu seinem aktuellen Titel Die Costa Blanca Für Kluge Köpfe (erhältlich bei amazon) hier die Buchrezension.

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