
Ceuta: In Spanien droht ein Rechtsruck
Ende Juli überrannten zehntausende Menschen die Grenze zur spanischen Exklave Ceuta. Sechs Wochen später gehen 50.000 Menschen allein in Madrid gegen Pedro Sánchez auf die Straße. Seine Migrationspolitik gilt als sein schwächster Punkt, und rechts von der PSOE formiert sich eine parlamentarische Mehrheit. Was ist Innenpolitik, was Geopolitik, und stehen auch die Spanier vor einem Rechtsruck?
Von Alexander Gresbek (Text und Illustration)
Ceuta - Zwischen dem 30. und 31. Juli haben nach Angaben spanischer Behörden rund 72.000 Menschen die Grenze zwischen Marokko und Ceuta überquert, teils zu Fuß, teils schwimmend um den Wellenbrecher von Tarajal.
Die Aufnahmezentren der 84.000-Einwohner-Stadt waren laut El País zeitweise zu über 2.000 Prozent überbelegt. Die spanische Regierung nennt offiziell 88 Todesopfer, marokkanische Menschenrechtsorganisationen sprechen von mindestens 141 Toten.
Es ist die höchste je registrierte Opferzahl an dieser Grenze.
Die meisten Erwachsenen sind inzwischen nach Marokko zurückgekehrt. Etwa 2.000 unbegleitete Minderjährige verbleiben in Ceuta. Die Stadtregierung fordert deren Verteilung aufs Festland.
Frankreich reaktivierte vorübergehend Grenzkontrollen, Italien drohte mit Konsequenzen für Schengen. Kein einziger der irregulär Eingereisten hat nach Angaben von EU-Migrationskommissar Magnus Brunner das europäische Festland erreicht.
Vier Erklärungen für die Ceuta-Krise
Vier Deutungen zirkulieren parallel, keine davon ist ganz ohne Grundlage. Die erste ist innenpolitisch.
Die konservative Partido Popular und Vox werfen Pedro Sánchez „Kontrollverlust" vor und verknüpfen den Ansturm mit der Regularisierung von knapp einer Million bereits im Land lebender Migranten.
PP-Vize Miguel Tellado formulierte auf X, es überrasche niemanden, dass Menschen in ein Land wollten, das „über Nacht mehr als eine Million irreguläre Einwanderer legalisiert" habe. Sánchez konterte im Kongress, Feijóo habe „keine bessere Alternative" und nutze die Krise „parteitaktisch".
Die zweite Deutung zeigt Richtung Rabat. Sánchez besuchte am 20. Juli Algerien, Marokkos regionalen Erzrivalen. Zehn Tage später kollabierte die marokkanische Grenzkontrolle bei Fnideq.
Das Muster erinnert an 2021, als Marokko nach der Aufnahme des Polisario-Führers Brahim Ghali in einem spanischen Krankenhaus die Kontrollen lockerte.
Damals sprach das Barcelona Centre for International Affairs offen von „Migration als Waffe".
Ein interner CENIF-Polizeibericht soll ähnliches für 2026 nahegelegt haben. Das spanische Innenministerium dementierte dessen Existenz umgehend. Der Vorwurf steht damit im Raum, ohne belegt zu sein.
Die dritte Deutung stammt von der Regierung selbst. Sánchez beschuldigte soziale Netzwerke „mit Verbindungen zu Russland und Israel", den Ansturm mit gezielten Falschmeldungen angeheizt zu haben, etwa der Behauptung, wer Ceuta schwimmend erreiche, dürfe nicht abgeschoben werden.
Als Motiv nannte er Spaniens harte Kritik an Israels Vorgehen in Gaza, die Anerkennung Palästinas als Staat und Sanktionen gegen die Regierung Netanyahu.
Belegen lässt sich, dass Yair Netanyahu, der Sohn des israelischen Ministerpräsidenten, öffentlich eine Karte der spanischen Nordafrika-Territorien mit dem Aufruf „Wollt ihr besetzte arabisch-islamische Länder befreien? Hier ist ein guter Anfang" verbreitete. Ob soziale Kampagnen den tatsächlichen Ansturm ausgelöst haben, ist damit allerdings nicht bewiesen.
Die vierte Deutung ist die weitreichendste: Ceuta als Kollateralschaden eines strategischen Dreiecks Washington, Jerusalem, Rabat. Sie wird vor allem in deutschsprachigen Kommentarmedien vertreten und stützt sich auf drei Bausteine: die US-Anerkennung der marokkanischen Souveränität über die Westsahara durch Trump 2020, die Aufnahme Marokkos in die Abraham-Abkommen und Trumps offene Feindschaft gegen Sánchez.
Nach dessen Weigerung, spanische Militärbasen für die Angriffe auf den Iran zu öffnen, wies Trump Finanzminister Bessent an, „alle Deals" mit Madrid einzustellen. Als Kausalkette für die Krise in Ceuta bleibt das dennoch Interpretation. Gesicherte Beweise gibt es nicht.
Was sich seriös sagen lässt
Nüchtern betrachtet enthalten alle vier Erklärungen Wahres. Die Regularisierung hat vermutlich eine gewisse Signalwirkung entfaltet.
Marokko besitzt zweifellos die operative Fähigkeit, seine Grenze zu steuern, wie die schnelle Wiederherstellung der Kontrolle zeigt. Desinformation in sozialen Netzwerken war nachweisbar Teil der Dynamik. Die EU-Kommissarin für digitale Grenztechnologien Henna Virkkunen benannte Meta und TikTok mit. Und dass Spanien außenpolitisch derzeit mit den USA, Israel und Marokko gleichzeitig überkreuz liegt, ist keine Verschwörungstheorie, sondern Faktenlage.
Was fehlt, ist ein Beleg, dass diese Faktoren koordiniert wirkten. Wer aus der Gleichzeitigkeit auf einen gemeinsamen Plan schließt, argumentiert plausibel, aber ohne Belege. Wer die geopolitische Dimension komplett ausklammert und nur auf Sánchez zeigt, ignoriert das Umfeld.
Europas ungelöste Migrationsfrage
Zum Umfeld gehört, dass Spanien mit diesem Problem nicht allein ist. Die Bilder von Ceuta sind neu, das Muster nicht. Die zentrale Mittelmeerroute nach Italien, die Balkanroute, der Ärmelkanal: Europa steht seit einem Jahrzehnt vor derselben Grundfrage, wie eine alternde Gesellschaft mit Zuwanderung umgeht, die weder rein humanitär noch rein ökonomisch zu erklären ist.
Die Zahlen an der spanischen Südgrenze wären bei anderer politischer Wetterlage ein Fall für Brüssel gewesen. Diesmal traf die Krise auf einen Kontinent, dessen neuer Migrations- und Asyl-Pakt erst seit Juni in Anwendung ist, beschlossen nach jahrelangem Streit über Verteilung und Zuständigkeit. An Ceuta drohte der frische Kompromiss zu zerbrechen. Frankreich reaktivierte Grenzkontrollen, Italiens Regierung sprach von einem Systembruch, Polen und Ungarn nutzten die Bilder für ihre bekannten Positionen. Am Ende hielt der Konsens, mehr aus Erschöpfung denn aus Überzeugung.
In Spanien selbst überlagert die Migrationsdebatte eine ohnehin gereizte Innenlage. Die Mieten haben Rekordstände erreicht: Barcelona liegt bei 23,8 Euro pro Quadratmeter, Madrid bei 22,7 Euro, landesweit stiegen die Preise 2025 um 8,5 Prozent, in Madrid um fast zehn.
In den vergangenen zwei Jahren gingen in Madrid, Barcelona, Palma und auf den Kanaren wiederholt zehntausende gegen Wohnungsnot und Massentourismus auf die Straße.
Bislang galt der ausländische Käufer, der Airbnb-Vermieter, das Kreuzfahrtschiff als Feindbild. Nach den Bildern aus dem Hafen von Tarajal verschiebt sich das Ressentiment. Wer keine bezahlbare Wohnung findet, sucht ein Ziel für den Ärger, und die Zelte in Ceuta sind greifbarer als das Immobilienportfolio eines internationalen Fonds.
Ob dieser Vergleich sachlich trägt, spielt für seine politische Wirkung kaum eine Rolle.
Die Frage, die daraus für die Gemeinschaft folgt, hat keine bequeme Antwort. Ein Land, das jährlich zehntausende Fachkräfte für Pflege, Bau und Landwirtschaft braucht, kann seine Grenzen nicht schließen, ohne sich ökonomisch selbst zu schaden.
Ein Land, dessen Kommunen an Kapazitätsgrenzen stoßen, kann Zuwanderung nicht ohne Steuerung tolerieren. Zwischen diesen beiden Sätzen bewegt sich europäische Migrationspolitik seit Jahren, ohne die Spannung wirklich aufzulösen. Ceuta hat sie sichtbar gemacht.
Vox und der Rechtsruck
Die politischen Folgen sind messbar. Der aktuelle PolitPro-Trend vom 28. August 2026 sieht die PP bei 32,5 Prozent, die PSOE bei 26,6 Prozent, Vox bei 17,4 Prozent. Eine Koalition aus PP und Vox hätte damit eine parlamentarische Mehrheit.
Vox verzeichnet seit Monaten Zuwächse; die Partei fordert eine Betonmauer um Ceuta und Melilla, die Ausweisung der aus Marokko stammenden Spanier aus Ceuta und die Schließung „fundamentalistischer Moscheen".
Spanien war lange die Ausnahme in Westeuropa. Nach dem Ende der Franco-Diktatur galt eine starke Rechtsaußen-Partei als undenkbar. Diese Sonderrolle bröckelt.
Die Muster ähneln denen in Italien, Frankreich und den Niederlanden: eine sozialdemokratische Regierung, die außenpolitisch progressive Positionen bezieht, innenpolitisch mit einer Migrationsrealität konfrontiert wird, die sie kommunikativ nicht auffängt, und eine Opposition, die diese Lücke besetzt.
Ob Sánchez „gescheitert" ist, hängt vom Maßstab ab. Seine Migrationsabkommen mit Mauretanien, Senegal und Gambia haben die atlantische Route zeitweise stabilisiert.
Die Regularisierung folgte einer arbeitsmarktökonomischen Logik in einem alternden Land. Gleichzeitig ist die Kommunikation gegenüber überforderten Kommunen defizitär, und der außenpolitische Konfrontationskurs gegen Washington und Jerusalem hat Spanien Verbündete gekostet, ohne dass klar wäre, was er einbringt.
Was den aktuellen Rechtsruck von früheren Wellen unterscheidet, ist die transnationale Verstärkung. Donald Trump verwendet Migration als Kernthema seiner Kampagnen; Marine Le Pen, Giorgia Meloni, Geert Wilders und Viktor Orbán haben das Muster in eigenen Varianten ausdifferenziert. Die Versprechen ähneln sich: Grenzen dicht, Rückführungen konsequent, Sozialleistungen begrenzt, Kultur bewahrt.
Was in der Praxis daraus wird, fällt komplizierter aus. Giorgia Melonis Regierung hat die Ankunftszahlen in Italien tatsächlich gesenkt. Allerdings mit einem Abkommen, das Tunesien für das Zurückhalten von Migranten bezahlt, unter Bedingungen, die Menschenrechtsorganisationen scharf kritisieren.
Das Problem verschwindet dabei nicht, es verschiebt sich an die Wüstengrenze eines autoritären Staates. Donald Trumps Mauer zu Mexiko wiederum blieb Stückwerk und hielt die Migration nicht auf.
Was dieser Kurs an Menschenleben kostet, führt derzeit die US-Einwanderungsbehörde ICE vor. Seit Donald Trumps zweitem Amtsantritt starben mehr als 50 Menschen in ihrer Haft, so viele wie seit 20 Jahren nicht, mindestens 11 weitere erschossen Beamte, unter ihnen US-Bürger.
Migration im Wahlkampf zuzuspitzen ist einfach, sie dauerhaft und human zu regulieren ist es nicht. Wer das Problem populistisch verkürzt, gewinnt Wahlen. Wer es tatsächlich bearbeiten will, muss mit weniger einfachen Instrumenten arbeiten: Rückführungsabkommen, Arbeitsmarktintegration, Verhandlungen mit Transitländern, europäische Verteilungsmechanismen. Nichts davon liefert das Bild, das der Wahlkampfabend braucht.
Was in Ceuta bleibt
Die Zelte an der Küste stehen weiter. Rund 2.000 Jugendliche warten auf eine Entscheidung, die zwischen Ceuta, Madrid und den Autonomen Gemeinschaften zerredet wird.
Marokkanische Sicherheitskräfte kontrollieren die Zufahrtsstraßen bei Fnideq schärfer als seit Jahren, ein Hinweis darauf, wie schnell politischer Wille aus Rabat operative Realität werden lässt.
Genau das ist der wunde Punkt der spanischen Position: Sicherheit an der Südgrenze der EU hängt an einer Kooperation, deren Bedingungen nicht in Madrid gesetzt werden.
Sánchez unter Druck
Am 3. September, dem traditionellen Ceuta-Tag, gingen laut Behördenangaben rund 50.000 Menschen in Madrid und weitere 20.000 in Ceuta selbst auf die Straße.
Kundgebungen fanden auch in Sevilla, Málaga, Zaragoza, Barcelona und Valencia statt. Vor dem Madrider Rathaus an der Plaza de Cibeles standen PP-Chef Alberto Núñez Feijóo und Vox-Chef Santiago Abascal Seite an Seite und forderten den Rücktritt der Regierung.
In der Nacht kam es nahe dem Kongress zu Zusammenstößen zwischen Demonstranten und Polizei, vier Personen wurden festgenommen. Sánchez blieb der Feierlichkeit in Ceuta fern und ließ eine Videobotschaft senden, ein Vorgang, den selbst wohlmeinende Kommentatoren als politisches Fehlsignal einordneten.
In dieser Woche traf Sánchez im Kongress erstmals direkt auf Feijóo. Er warf dem Oppositionsführer vor, aus der Krise „parteitaktisch und niederträchtig" Kapital zu schlagen und den Diskurs zu verhärten, um Wähler von Vox zurückzugewinnen.
Feijóo forderte im Gegenzug die Einberufung der Kommission für Amtsgeheimnisse, nachdem sich Innenminister Fernando Grande-Marlaska und Verteidigungsministerin Margarita Robles über die Rolle des Nachrichtendienstes CNI vor Ceuta öffentlich widersprochen hatten. Die formelle Anhörung von Sánchez zur Krisenbewältigung ist für den 9. September angesetzt. Bis dahin dürfte sich der Streit weiter zuspitzen.
Ob Sánchez die Krise politisch übersteht, entscheidet sich weder in Ceuta noch in Rabat, sondern im spanischen Kongress und in Umfragen, die für die PSOE seit Monaten in eine Richtung zeigen. Die Frage, die den kommenden Wahlkampf prägen wird, ist nicht mehr, ob Migration ein politisches Thema wird, sondern wer die glaubwürdigere Antwort darauf gibt.
Der Autor
Als Kenner der Costa Blanca lebt Alexander Gresbek seit vielen Jahren in der spanischen Region am Mittelmeer. Der Journalist und Buchautor befasst sich mit spanischer Kultur, Politik, Umwelt und Traditionen. Zu seinem aktuellen Titel Die Costa Blanca Für Kluge Köpfe (erhältlich bei amazon) hier die Buchrezension.
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