
Ramón Pérez Carrió: Der Symbolist aus Pedreguer
Ramón Pérrez Carrió ist ein Ausnahmekünstler an der Costa Blanca. Er hat einen Faible für Simbolismus, Literatur und Rockmusik. Und zeichnet das Bild der Dulcinea aus dem Roman Don Quijote so würdevoll, dass so manche Spanierin jubelt. Wir haben ihn in seinem Atelier interviewt.
von Paula Dólera und Alexander Gresbek
In seinem Atelier in Pedreguer, von ihm „Kloster" genannt, arbeitet Ramón Pérez Carrió seit über 40 Jahren an einem Werk, das sich jeder schnellen Einordnung entzieht.
Geboren 1960 im selben Ort, in dem er heute malt, studierte er zunächst Biologie und Philosophie an der Uni Valencia, bevor er sich der Kunst zuwandte. Später promovierte er in Bellas Artes an der Universitat Politècnica de València.
Seine Malerei bezeichnet er als symbolistisch. Sie speist sich aus klassischer Mythologie, biblischen Motiven, hebräischer Mystik und den Denkern der platonischen Tradition, von Ramon Llull bis Giambattista Vico.
Die Materie seiner frühen Werke hat er über die Jahre in Texturen verwandelt und ihr das Gewicht genommen. Übrig bleiben vielschichtige Bildräume, in denen sich Figuren und Hintergründe zu eigenständigen Erzählungen verbinden.
Seit 1982 zeigt er seine Arbeiten in Spanien, Frankreich, Holland, Schweiz, in Mexiko und Chile. 2005 zeichnete das spanische Kulturministerium seine illustrierte Ausgabe des Don Quijote mit dem zweiten Nationalpreis für das am besten gestaltete Buch aus.
In der Marina Alta kennt man ihn auch durch seine sakralen Werke: die Wandmalerei Bautismo de Jesús in der Catedral de la Marina in Benissa und den Salvador Eucarístico am Retabel der Kirche von Pedreguer. In diesem Jahr präsentierte er im Palacio Provincial de Alicante 25 Werke seiner Serie Alquimia.
Wir haben Ramón in Pedreguer getroffen, um mit ihm über seine aktuelle Werkgruppe Los enigmas de meroscopea zu sprechen, über die Rolle von Literatur und Philosophie in seiner Arbeit, über sein Verhältnis zur mediterranen Maltradition und darüber, warum er sich bewusst für die Unabhängigkeit vom Kunstmarkt entschieden hat.
Das Interview
Frage: Wie würden Sie jemandem, der noch nie ein Bild von Ihnen gesehen hat, erklären, was Sie tun?
Ramón: Meine Malerei ist symbolistisch, da der Symbolismus abstrakter ist als die rein figurative Malerei.
Ich komme ursprünglich aus der materischen Malerei, aber nach und nach habe ich diese Materie in Texturen verwandelt und der materiellen Dichte das Gewicht entzogen.
Das ist es, was meinen Pinselstrich, die Texturen und die Hintergründe in Kombination mit den Figuren charakterisiert. Oftmals verwende ich Zitate aus der Klassik, der Mythologie, biblischen Themen oder zeitgenössischen Ansätzen. Es ist eine sehr eklektische Malerei.
Frage: Sie haben Biologie und Philosophie studiert. Wie kam es zum Schritt zur Malerei?
Ramón: Mein erstes Interesse galt der Geologie. Ich habe in Valencia Biologie studiert, weil es dort keine geologische Fakultät gab und ich mich für das Fach entschied, das ihr am nächsten kam.
Nach einigen Studienjahren, unterbrochen vom Militärdienst, studierte ich Philosophie ein. Mich haben die Ästhetik-Vorlesungen fasziniert.
Dadurch fand ich den Zugang zur Kunstwelt und beschloss, diesen Weg weiterzugehen. Ich habe schon immer unabhängig gemalt. Als Beruf kam die Malerei für mich jedoch erst nach dem Philosophiestudium infrage.

"Räder der Erinnerung"
Frage: Ihre Serie Alchemie umfasst 50 Werke, von denen 25 im Palacio Provincial de Alicante zu sehen waren. Was hat die Alchemie mit Ihrer Malerei zu tun?
Ramón: Ich arbeite an einer philosophischen Kollektion mit dem Titel Las ruedas de la memoria (Die Räder der Erinnerung). Sie befasst sich mit Denkern des platonischen Geistesguts ab dem 11. Jahrhundert, wie Ramon Llull, Giordano Bruno, Pico della Mirandola oder Giambattista Vico, ausgehend von Platon selbst und dem Höhlengleichnis.
Jedes Werk ist eine bildnerische Herausforderung, um die Philosophie dieser Autoren plastisch zu erklären, ähnlich wie früher in den Kirchen die Evangelien veranschaulicht wurden. Für diese Serie habe ich mich von dem Werk Atalanta Fugiens des deutschen Philosophen Michael Maier inspirieren lassen, das aus 50 alchemistischen Emblemen mit dazugehörigen Musikstücken und Epigrammen besteht.
Ich habe dieses Werk in die Gegenwart übertragen, indem ich die Alchemie auf unsere Zeit bezogen und Konzepte der Psychoanalyse sowie der modernen Metaphysik eingebracht habe.
Diese Arbeit knüpft auch an ein Buch an, das ich gemeinsam mit dem mystischen Dichter José Ángel Valente gestaltet habe (Tres lecciones de tinieblas). Darin verbinde ich meine Radierungen mit seinen Gedichten über das hebräische Alphabet, kabbalistische Interpretationen und deren Verbindung zur Musik und kreativen Sprachprozessen.
Als Neuigkeit kann ich verraten, dass ich den Titel des Projekts geändert habe, da es sich so weit von der ursprünglichen Idee Michael Maiers entfernt hat, dass es eine eigene Identität besitzt. Es wird nun 57 statt 50 Embleme umfassen und trägt den Titel Los enigmas de meroscopea.
Die Würde der Dulcinea
Frage: Sie arbeiten viel mit Literatur, insbesondere mit Cervantes' Don Quijote. Im Jahr 2005 erhielt Ihre illustrierte Ausgabe den zweiten Nationalpreis für das am besten gestaltete Buch. Was fasziniert Sie an diesem Dialog zwischen Bild und Text?
Ramón: Als ich mit dem Erstellen von Radierungen begann, dachte ich an die alten Bücher, die mit Originalgrafiken illustriert wurden. Ich wollte der Technik der Druckgrafik ihre ursprüngliche Funktion zurückgeben.
Aus diesem Grund habe ich zahlreiche illustrierte Bücher und Kartenspiele gestaltet. In meiner Arbeit gibt es eine beständige Leidenschaft für Literatur, Poesie und Philosophie. Dabei versuche ich immer, einen parallelen Diskurs zu schaffen, statt den Text bloß eins zu eins zu illustrieren.
Frage: Für die Figur der Dulcinea haben Sie eine eigene Bildsprache entwickelt, die sich stark von der üblichen Karikatur als einfache Bäuerin unterscheidet. Wie nähert man sich einer Figur, die nur in der Vorstellung eines anderen existiert?
Ramón: Die Neuinterpretation der Dulcinea war herausfordernd. Wir waren alle an das Bild der Dulcinea als einfache Bäuerin gewöhnt, und mein Anliegen war es, dieser Figur zu würdigen und ihr Würde zu verleihen. Wann immer ich mich mit dem Don Quijote befasst habe, wollte ich der rein burlesken und komischen Darstellung entfliehen. Ich wollte die Figuren aufwerten, denn Cervantes' Botschaft ist eigentlich sehr tiefgründig und anspruchsvoll.
Wir haben das Buch in El Toboso vorgestellt. Die dortige Stadtverwaltung bestand damals ausschließlich aus Frauen, der Bürgermeisterin und ihren Stadträtinnen. Sie fühlten sich durch diese Darstellung sehr geehrt.
Das inspirierte sie für die historischen Aufführungen, die sie im Ort veranstalten: Sie beschlossen, sich bei diesen Festen nicht mehr als einfache Bäuerinnen zu kleiden, sondern die Figuren fortan so darzustellen, wie wir sie im Buch interpretiert hatten.
"Das Malen ist eine Reise für den Künstler"
Frage: Sie malen auch für Kirchen, wie das Wandgemälde für die Catedral de la Marina in Benissa. Wie religiös muss man dafür sein?
Ramón: Ich habe Arbeiten für die Catedral de la Marina in Benissa und die Kirche in Pedreguer geschaffen, darunter ein Bild des Heiligen Kelches, das in Valencia bei einer Ausstellung über den Gral zu sehen war. Bilder für Kirchen sind in der Regel Auftragsarbeiten, aber mich hat die religiöse Malerei schon immer fasziniert.
In meinem Werk finden sich viele Bezüge zur sakralen Kunst, nicht nur zur katholischen, sondern auch zur klassischen Mythologie, zum Buddhismus und zu anderen spirituellen Traditionen.
Frage: Ihre Werke wurden in diversen Ländern gezeigt. Spürt man darin den Einfluss der Costa Blanca, oder wäre dieselbe Malerei auch in Berlin oder Buenos Aires entstanden?
Ramón: Wenn ich im Ausland ausgestellt habe, hieß es oft, meine Malerei sei stark von der spanischen Maltradition geprägt. Es wurde jedoch nie behauptet, sie sei typisch „mediterran". Diesem Begriff widerspreche ich auch meistens, da man unter mediterraner Malerei fast immer die Malerei des Lichts von Sorolla versteht. Dabei haben wir hier mit Künstlern wie Ribera oder Juan de Juanes eine Barocktradition von höchstem Niveau, die keineswegs nur bunt oder rein dekorativ ist.
Meine Malerei ist sowohl in ihren Techniken als auch in ihren Inspirationen sehr eklektisch. Früher, besonders in der Romantik, war das Malen eine Art des Reisens: Deutsche malten italienische Landschaften, ohne je in Italien gewesen zu sein, und Spanier malten Athen oder Griechenland.
Das Malen ist eine Reise für den Künstler und bietet dem Betrachter die Möglichkeit, ebenfalls auf Reisen zu gehen. Ich fühle mich stark mit Symbolisten verbunden, die intensiv mit Texturen arbeiteten, wie dem Franzosen Gustave Moreau oder dem Norweger August Strindberg, dessen materische Malerei sich im Grenzbereich zwischen Symbolismus und Literatur bewegte.
Faible für Rockmusik
Frage: Welches Ihrer Werke würden Sie jemandem empfehlen, der Sie zum ersten Mal entdeckt und Ihre künstlerische Ausrichtung in einem einzigen Bild verstehen möchte?
Ramón: Das ist eine sehr schwierige Frage. Ich würde der Person immer empfehlen, das letzte Bild zu betrachten, das ich gemalt habe. Von diesem Werk ausgehend können wir ein Gespräch beginnen. Von dort aus können wir dann schrittweise zurückgehen und es mit meinen früheren, grundlegenderen Arbeiten vergleichen.
Frage: Kann man an der Costa Blanca als ernsthafter Künstler leben, oder muss man nach Madrid oder ins Ausland gehen?
Ramón: Es gibt zwei Wege, als Künstler zu leben: Entweder man widmet sich ganz der Kunst oder den PR-Beziehungen. Man muss von beidem etwas tun, aber die Entscheidung, wohin man das Gewicht verlagert, beeinflusst das Werk positiv oder negativ.
Wenn man von Galerien und Verträgen abhängig ist, verliert man seine Unabhängigkeit. Ich habe mich für die Unabhängigkeit entschieden und dafür, hier in meinem „Kloster", in meiner Klausur, zu arbeiten. Für mich persönlich oder meine Karriere im kommerziellen Sinne mag es nicht der beste Weg sein, aber für die Kunst ist er es.
Frage: Welche Projekte stehen für die nächsten Jahre auf Ihrer Liste?
Ramón: Viele. Mein aktuelles Vorhaben Las ruedas de la memoria öffnet immer neue Türen. Momentan konzentriere ich mich auf Los enigmas de meroscopea, das neben den Bildern auch als Buch erscheinen soll. Zu jedem Bild verfasse ich begleitende Reflexionen, die ich zu einem Buch zusammenfüge.
Darüber hinaus suche ich nach jemandem, der zeitgenössische Kompositionen zu diesem Werk schafft. Ich selbst habe keine musikalische Ausbildung, besitze aber theoretische Kenntnisse der zeitgenössischen und experimentellen Musik, um theoretische Impulse zu geben, ähnlich wie es José Ángel Valente tat. Der Philosoph Michael Maier, ein echter Universalgelehrter, komponierte seine Fugen selbst, entwarf die Embleme und schrieb die Epigramme.
Ich möchte hier die Tür für die Zusammenarbeit mit anderen Musikern öffnen. Zudem plane ich ein großes, mehrteiliges Wandbild (Polyptychon) aus vier großen Gemälden zu einem sehr ursprünglichen Thema aus der Genesis, das an die Schöpfungskonzepte von Jakob Böhme anknüpft und als Cover für das Buch dienen soll.
Frage: Was bedeutet Ihnen Musik?
Ramón: Meine Beziehung zur Musik reicht weit zurück. Meine beiden Großväter verstanden sich auf Musik und wollten, dass ich sie lerne, aber ich habe sie nie formal studiert. In dem Jahr, als ich mit dem Biologiestudium begann, wollte ich mich am Konservatorium einschreiben, aber man sagte mir, ich sei bereits zu alt dafür.
Dennoch hat mich zeitgenössische, experimentelle Musik sowie Rockmusik schon immer fasziniert. Tatsächlich habe ich viele Jahre als DJ gearbeitet, was mir die Gelegenheit gab, eine tiefe Beziehung zu Musik verschiedenster Epochen aufzubauen. Ich kenne zwar die klassische Musik, aber mein Schwerpunkt liegt auf der zeitgenössischen und experimentellen Musik.
In meiner Doktorarbeit, die sich mit Reflexionen über den Abgrund befasste, habe ich Anhänge zu Film, Kunst und Architektur verfasst, den zur Musik jedoch offengelassen. Das ist ein Versäumnis, das ich nun in diesem Projekt nachholen möchte, um den engen Dialog zwischen Klang und Malerei zu vertiefen.
Zur Person
Ramón Pérez Carrió, geboren 1960 in Pedreguer (Alicante), Doktor der Bellas Artes an der Universitat Politècnica de València. Mitgründer der Künstlergruppe Grupo De Reüll (1991). Seine Werke wurden seit 1982 in Spanien, Frankreich, Italien, den Niederlanden, der Schweiz, in Mexiko und Chile gezeigt. Aktuelle Werkgruppe: Los enigmas de meroscopea.
Die Autoren


Die Autoren Paula Dólera und Alexander Gresbek leben an der Costa Blanca und sind Mitarbeiter von Spanien Reisemagazin, siehe Team
Journalist Gresbek ist Kenner der spanischen Kultur, Wirtschaft und Politik, Tierschützerin Dólera kmpft seit Jahren für die Rechte vernachlässigter Tiere.
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