
Interview zum Buch "Paella gegen Liebeskummer"

Die Autorin Andrea Micus hat einen Roman veröffentlicht mit dem Titel “Paella gegen Liebeskummer”. Sie erzählt uns von Valencia als ihrem “Seelenort”, vom Lesen als Entspannung und von einer Nachbarin, die auffällig oft am Herd stand. So oft, dass das Buch seinen Namen bekam.
von Tobias Büscher
Es ist ein verregneter Tag. In unserer Redaktion debattieren wir gerade den Rechtsruck in Europa und bereiten Themen zu Galicien, der Costa Blanca und Madrid vor. Barcelona sollten wir mal ausführlicher bringen? Mal beschreiben, wie Spaniens Regisseurin Isabel Coixet so tickt, die inzwischen sogar ein Star auf Arte Mediathek ist?
Und dann passiert es. Mitten beim Brainstorming kontaktiert uns die Autorin eines Liebesromans.
Das ist nicht nur Premiere, es ist auch eine Provokation. Kochen wir in unserer Redaktionsküche etwa deshalb so viel Paella, weil wir emotional im Ausnahmezustand sind?
Die Entscheidung fiel innerhalb von Sekunden: Mit der Frau müssen wir reden.
Mit der Autorin im Gespräch
Paella gegen Liebeskummer: Wie kommt man denn auf so etwas?
Andrea: Es gibt Gerichte, die satt machen. Und es gibt Gerichte, die mehr können: Sie trösten, wecken Erinnerungen und bringen Menschen an einen Tisch. In Valencia heißt ein solches Gericht Paella und ist hier weit mehr als eine Reispfanne.
Traditionell kommt sie am Sonntagmittag auf den Tisch. Familie und Freunde treffen sich und bereiten sie häufig schon zusammen zu. Auch das Kochen ist Gemeinschaft.
Die Idee entstand aber nicht am Schreibtisch, sondern ganz nebenbei im spanischen Alltag. Eine Nachbarin bereitete auffallend häufig Paella zu. Als ich sie fragte, warum bei ihr ständig die große Pfanne auf dem Herd brutzelte, gestand sie, unglücklich verliebt zu sein. Ihr Lieblingsgericht war das Trostpflaster, das ihr guttat.
Wikipaella empfiehlt Paella ohne Meeresfrüchte. Wie sehen Sie das?
Andrea: Wer bei Paella automatisch an Meeresfrüchte denkt, liegt nicht richtig. Die klassische valencianische Paella wird traditionell mit Bomba-Reis, Kaninchen, Huhn und Bohnen zubereitet. Aber es gibt viele Varianten mit anderen Fleischsorten und Meeresfrüchten.
Ich bin seit 40 Jahren überzeugte Vegetarierin und für mich kommt das alles nicht in Frage. Ich esse nur eine Paella con verduras, eine Gemüsepaella, aber die sehr gern.
Haben Sie selbst eine Paellapfanne in der Küche?
Andrea: Kochen gehört, das muss ich einräumen, nicht zu meinen größten Talenten. Eine klassische Paellapfanne besitze ich nicht. Dafür habe ich eine Pfanne für Tortilla Española und bekomme sie damit auch recht gut hin.
Übrigens sind in der Region Wettbewerbe für Paella und Tortilla populär. Bei Festen, Nachbarschaftsveranstaltungen und Gemeindefeiern treten jede Menge Hobbyköche gegeneinander an. Ich habe schon mehrmals mitgemacht, aber niemals gewonnen.
Die Valencianer kochen mit so viel Liebe und Hingabe, da habe ich keine Chance. Aber es geht sowieso weniger um Perfektion als um Genuss, Begegnung und Lebensfreude.
Warum sind Paella und Valencia gut für die Seele?
Andrea: Eine große Rolle spielt eben die Gemeinsamkeit. Man isst gern in großer Runde, üblich sind Gerichte zum Teilen. Und man nimmt sich sehr viel Zeit, zum Genießen, zum Reden, zum Miteinander. Das tut schon mal gut.
Aber zum offenen, geselligen Miteinander kommt in Valencia auch noch die viele Sonne, die mediterrane Natur, die Nähe zum Meer. Der Alltag fühlt sich dadurch leichter an. Die Seele atmet durch, entspannt.
Diese Atmosphäre ist eng mit dem verbunden, was die Heldinnen meiner Romane suchen. Es sind Frauen in der Lebensmitte, die schon viel erlebt haben und plötzlich feststellen, dass das vermeintlich sichere Leben nicht für immer sicher sein muss. Eine Trennung, ein beruflicher Bruch, eine Enttäuschung und auf einmal steht vieles infrage.
Das Thema Neustart war schon immer der Schwerpunkt meiner Arbeit, meiner Artikel und Bücher. Mich fasziniert der Mut von Frauen, die sich von Krisen nicht unterkriegen lassen, sondern aufstehen, oft aufbrechen, manchmal sogar in ein anderes Land. Aber sie sehnen sich gerade in diesen Krisen nach Ruhe, Entspannung, Durchatmen, nach Wärme, einfach nach Streicheleinheiten für die Seele.
Spanien ist deshalb in meinen Geschichten mehr als eine sonnige Kulisse. Es steht für Mut und Abenteuer, aber auch Wohlbefinden und Lebensfreude und die Möglichkeit, sich selbst neu zu begegnen.
Kriege, Krisen weltweit. Warum sollen da Liebesromane helfen?
Andrea: Lesen allein hilft. Studien haben gezeigt, dass wenige Minuten konzentriertes Lesen Stress reduziert. Ein Roman potenziert das. Das Eintauchen in die Geschichte lenkt vom Grübeln ab und wirkt ganz schnell richtig entspannend. Liebesromane sind ein Gegenpol zur Nachrichtenflut, zu Ängsten und Sorgen.
Sie versprechen uns, ein paar Stunden abzuschalten und in eine Welt einzutauchen, in der es um etwas Schönes geht: unsere Gefühle. Und in der es immer ein Happy End gibt. Wir fiebern mit, lachen, bangen und steuern verlässlich dem romantischen Ende entgegen.
Wer liest, sitzt vielleicht mit einer Tasse Tee auf dem Sofa, hört draußen den Regen prasseln oder liegt am Strand und genießt das Meeresrauschen. Für einige Zeit treten Nachrichten, Termine, Ängste und Sorgen in den Hintergrund.
Das Buch öffnet einen anderen Raum. Eine meiner Leserinnen sprach von einem Kurzurlaub für die Seele. Treffender kann man es nicht sagen!
Doch dieser Kurzurlaub bedeutet nicht, Probleme zu verdrängen. Meine Geschichten erzählen von Verlusten, Unsicherheiten und Brüchen. Der Unterschied zum täglichen Strom schlechter Nachrichten liegt woanders: Sie lassen Hoffnung zu.
Am Ende einer schwierigen Strecke steht etwas Neues. Eine andere Beziehung, eine unerwartete Chance, eine Entscheidung, die vorher unmöglich schien.
Das ist für mich die eigentliche Kraft des Liebesromans. Er verspricht nicht, dass das Leben immer leicht ist. Aber er vermittelt, dass nach einer Enttäuschung ein Neuanfang beginnt. Und er schenkt uns Kraft und Mut. Wir begleiten eine Figur durch Krisen, erkennen uns vielleicht in ihren Ängsten oder Entscheidungen wieder und stellen uns eigene Fragen: Was würde ich tun? Wo lasse ich mir vielleicht zu viel gefallen? Was hält mich davon ab, noch einmal etwas zu wagen?
Gerade für Frauen mit Lebenserfahrung können solche Geschichten besonders nah sein. Wer bereits Beziehungen, Familie, Beruf und Veränderungen erlebt hat, weiß, dass Neustarts selten romantisch beginnen. Sie entstehen oft aus einer Krise.
Genau deshalb können Romane Mut machen: Sie zeigen Menschen, die zweifeln, welche Entscheidungen man treffen und wie es weitergehen kann.
Valencia liegt am Mittelmeer. Ist nicht auch die Atlantikküste für neue Horizonte gut?
Andrea: Aber ja, natürlich kann ein Neuanfang auch an der wunderschönen Atlantikküste gelingen. Ich habe mutige Neustart-Frauen im kühlen Lappland besucht, die sich dort rundherum wohlgefühlt haben.
"Es gibt Seelenorte rund um den Erdball"
Was mögen Sie an Valencia besonders?
Andrea: Neue Lebenskonzepte müssen auch nicht immer mit einem Flugticket beginnen. Doch die Sonne des Mittelmeers hat für mich eben eine besondere Anziehungskraft und ich habe das geschrieben, was mich selbst begeistert, mir Freude macht und mir Leichtigkeit gibt. Ich denke, meine Leserinnen mögen Authentizität. Valencia ist mein Seelenort, aber es gibt rund um den Erdball unzählige mehr. Ein Roman führt einen dorthin.
Über die Autorin
Autorin Andrea Micus pendelt seit Jahren zwischen Westfalen und der Region Valencia. In ihrem Roman „Paella gegen Liebeskummer“ geht es um Neustart, Mut und Abenteuerlust, aber auch um Spanien. Weitere Bücher von ihr heißen u.a. “Himmelblaue Sommerträume” und “Tapas statt Traumprinz”. Mehr zu ihr auf www.andreamicus.de



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