AfD-Triumph in Deutschland: Gegenwind für Sánchez?

Am 6. September hat die AfD in Sachsen-Anhalt 43,8 Prozent geholt, mehr als das Doppelte der CDU. Einen Tag später drehte Pedro Sánchez das Ergebnis in Madrid zum eigenen Argument und erklärte Spanien zur Speerspitze gegen die europäische Rechte, obwohl dieselbe Welle zu Hause Vox stärkt. Was verbindet die AfD mit Vox, was trennt sie, und was bedeutet der deutsche Rechtsruck für Spanien und die EU?

von Alexander Gresbek (Text und Illustration

Die AfD hat die Landtagswahl mit 43,8 Prozent und ihrem Spitzenkandidaten Ulrich Siegmund gewonnen. Sie holte 38 der 41 Wahlkreise direkt. Die CDU des amtierenden Ministerpräsidenten Sven Schulze stürzte auf 17,2 Prozent. Damit steht erstmals seit Jahrzehnten wieder eine rechtsextreme Partei vor der Möglichkeit, die Regierungsbildung maßgeblich zu bestimmen.

Vox und die AfD: verwandt, nicht gleich

Für Spaniens Regierung stellt sich sofort die Frage, was Magdeburg mit Madrid zu tun hat. Die Antwort führt über Vox. Auf den ersten Blick ähneln sich beide Parteien: nationalistisch, gegen irreguläre Migration, gegen das, was sie „Gender-Ideologie" nennen, misstrauisch gegenüber Brüssel und getragen von einem Milieu, das sich nicht mehr vertreten fühlt. 

Beide gehören zur selben europäischen Welle, die in Italien, Frankreich und Ungarn längst regiert oder mitregiert. Doch die Welle hat verschiedene Typen hervorgebracht. Giorgia Meloni entgiftete ihre Partei und regiert im System, Marine Le Pen arbeitet seit Jahrzehnten an ihrer Salonfähigkeit, das Trump-Modell setzt auf lauten Bruch. 

Vox steht dem Lager Meloni und Le Pen näher, die AfD ist der entschlossene Störer.

Die Unterschiede wiegen schwerer, als die gemeinsame Etikettierung vermuten lässt. Der deutsche Verfassungsschutz führt die AfD als gesichert rechtsextremistisch, für Vox gibt es in Spanien keine vergleichbare staatliche Einstufung.

In Deutschland hält eine Brandmauer die AfD von jeder Regierung fern, in Spanien sitzt Vox seit Frühjahr 2026 wieder mit der PP am Kabinettstisch, in Aragón und der Extremadura.

Auch im Europaparlament trennen sich die Wege: Vox gehört zu den „Patrioten für Europa" um Viktor Orbán und Marine Le Pen, die AfD zur radikaleren Fraktion „Europa Souveräner Nationen", von der sich Vox 2024 ausdrücklich distanzierte.

Und die Herkunft unterscheidet sich. Die AfD wuchs im Osten aus der Nachwendeerfahrung und der Fluchtbewegung von 2015, Vox spaltete sich 2013 von der PP ab, im Kampf gegen die katalanische Unabhängigkeit und für einen spanischen Zentralstaat.

Die Brandmauer und der spanische Kontrast

In Deutschland stellt sich damit die Frage, die Spanien sich erspart hat. Wenn eine Partei fast die Hälfte der Stimmen holt, mit welcher Legitimität behandelt man sie weiter als Aussätzige, die niemals regieren darf? Wird die Brandmauer an diesem Punkt selbst zum demokratischen Problem?

In Sachsen-Anhalt schließen alle anderen Parteien eine Koalition mit der AfD aus, doch die Rechnung ist heikel: Die Partei könnte Überläufer werben oder darauf setzen, dass nach zwei gescheiterten Wahlgängen eine einfache Mehrheit genügt. Wer sich ohnehin abgehängt fühlt, liest im Ausschluss die Bestätigung, dass die da oben ihn kleinhalten.

Das Dilemma reicht bis nach Berlin. Friedrich Merz beschädigte die Brandmauer schon im Januar 2025, als die Union bei einem Migrationsgesetz mit der AfD stimmte. In einer Erhebung nach der Wahl lag seine Zustimmung bei neun Prozent, 86 Prozent warfen der CDU gebrochene Versprechen vor.

Je breiter und zerstrittener die Koalitionen, die der AfD-Ausschluss erzwingt, desto größer das Gefühl, der Wählerwille werde übergangen, und desto stärker der Zulauf zur radikalen Alternative. 

Spanien hat nie eine solche Mauer gebaut, sondern Vox früh in Verantwortung geholt. Ob das eine Rechtspartei mäßigt oder nur stärkt, ist südlich der Pyrenäen so wenig entschieden wie nördlich.

Sánchez macht Deutschland zum Argument

So wurde das deutsche Ergebnis in Madrid binnen eines Tages zum Politikum. Noch am Montag nach der Wahl trat Sánchez vor die PSOE-Fraktion und verwandelte Magdeburg in spanische Innenpolitik. 

Das Ergebnis sei „ein Warnschuss" und zugleich eine „Bestätigung", dass die progressive Koalition nötiger sei denn je. Spanien nannte er die „Speerspitze der progressiven Politik" und die „Vorhut gegen die Reaktionäre".

Den Aufstieg der Rechten führte er auf die „Kapitulation der traditionellen Rechten" zurück, die sich den Radikalen sprachlich angepasst und die erste Schlacht bereits verloren habe. Die ganze rechtsextreme Internationale, in Europa wie jenseits des Atlantiks, ziele auf Spanien. „Das hat seinen Grund", fügte er hinzu.

Die Choreografie ist durchsichtig und wirksam zugleich. Sánchez macht aus dem internationalen Umfeld ein heimisches Argument, wenige Tage nach der Ceuta-Krise und mit einer PSOE, die in Umfragen seit Monaten hinter PP und Vox zurückfällt. 

Ob Spanien das progressive Gegenmodell ist oder ob der Regierungschef von eigenen Problemen ablenkt, bleibt umstritten.

Für Spanien ist Magdeburg ohnehin weniger Triumphbild als Vorschau: Vox liegt bei gut 17 Prozent, eine Mehrheit aus PP und Vox ist in Reichweite. Der Rechtsruck ist auch Sánchez' Gegenwind, seine Rede der Versuch, ihn in Rückenwind umzudeuten.

Villa gegen Hochhaus

Und die EU? Ihr Grundproblem lässt sich an einem Bild festmachen. Die USA sind eine Villa. Von außen wirkt das eindrucksvoll, ein großes Haus, ein Eigentümer, ein Wille. Wer dort einzieht, kann das ganze Anwesen in eine Richtung drehen, auch in eine Trump-Richtung, und das schnell.

Nur ist die Villa in die Jahre gekommen, und ihr derzeitiger Bewohner lässt einen Flügel abreißen, um einen vergoldeten Ballsaal hochzuziehen. Den Ostflügel des Weißen Hauses, ließ niederreißen; ein Richter musste den Präsidenten daran erinnern, dass ihm das Haus gar nicht gehört. So sieht eine Stärke aus, die sich gegen das eigene Fundament richtet.

Die EU dagegen ist ein Hochhaus. 27 Wohnungen, 27 Mietverträge, 27 Wohnungstüren. Manche Mieter wollen renovieren, andere verkaufen, wieder andere laden Gäste ein, die den Nachbarn nicht geheuer sind. Kein Hausherr kann anordnen, dass sich der ganze Bau nach einer Seite neigt.

Das erklärt zweierlei. Erstens, warum der Machtvergleich mit den USA in die Irre führt: Auf dem Papier hat die EU die Wirtschaftskraft und, zusammengenommen, das militärische Gewicht einer Großmacht, doch sie ist nicht aus einem Guss.

Das Hochhaus kann nicht marschieren. Zweitens, warum ein einzelner Mieterwechsel die Statik des ganzen Baus gefährdet.

Zieht in eine der großen Wohnungen eine EU-feindliche Partei ein, bleibt es nicht bei frischer Farbe an den eigenen Wänden. Frankreich ist die einzige Atommacht der Union und könnte schon im nächsten Jahr kippen. 

Deutschland rüstet auf und will Europas Sicherheit führen. Das birgt ein eigenes Risiko: Die Aufrüstung erzwingt Sozialkürzungen, und die könnten der AfD weiter Zulauf verschaffen.

Was auf dem Spiel steht

Die Welt ist unsicherer geworden. Die USA wollen unter Trump nicht länger Anführer der freien Welt sein, sondern das stärkste Raubtier im Raum, das Tribut einfordert, statt Bündnisse zu pflegen, und die eigenen Verbündeten wahlweise beschimpft oder erpresst.

In dieser Lage entscheidet, ob die Störer in Europa möglichst wenig Gelegenheit bekommen, zum inneren Feind zu werden und Moskau die Türen zu öffnen. Sánchez' Wette lautet, dass ein progressives Gegenmodell, das kompetent regiert, den Populisten den Wind nimmt.

Das deutsche Ergebnis zeigt den Preis der anderen Möglichkeit, nämlich einer Mitte, die abwehrt, ohne zu erneuern. Die Brandmauer kauft Zeit. Sie beantwortet den Unmut darunter so wenig wie eine Rede von der Speerspitze.

Der Autor

Alexander Gresbek lebt seit vielen Jahren an der spanischen Mittelmeerküste. Der Journalist und Buchautor befasst sich mit spanischer Kultur und Traditionen. Zu seinem aktuellen Titel Die Costa Blanca Für Kluge Köpfe (erhältlich bei amazon) hier die Buchrezension.

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