Spaniens galicische Nordküste

Die raue Küste nördlich von Santiago de Compostela heißt wörtlich Hohe Buchten: Rías Altas. Sie sind geprägt von Steilküsten, kleinen Sandstränden, Fischerhäfen und Hügeln, auf denen Marder und Wildpferde leben. Ein Highlight ist die Mode-Metropole A Coruña.

von Tobias Büscher

Von Ribadeo an der Grenze zu Asturien bis nach Finisterre zieht sich eine fjordartige, naturbelassene Gegend, in der die Anwohner bis auf den Hochsommer zumeist unter sich sind. Sie arbeiten als Fischer in den Häfen von Ortigueira und Malpica, als Designer in A Coruña und als Spitzenklöppler in Camariñas

Ría Ortigueira

Verwunschen liegt der Leuchtturm von Ortigueira und wacht über die raue Küste. Die Bucht zwischen dem Kap Ortegal und dem Fischernest Estaca de Bares mit seiner ovalen Badebucht ist geprägt von der bis zu 620 Meter hohen Serra de Capelada, wo kleine Wildpferde zwischen Distelbüschen grasen.

Ortigueira selbst ist ein leicht verbauter Fischerort mit der Statue eines Dudelsacks. Hier an der nördlichsten Ecke Galiciens steigt im Juli das berühmte Keltenfest Festival Internacionál del Mundo Celta. Und 30 km westlich von Ortigueira liegt der wohl kurioseste Wallfahrtsort Nordspaniens: San Andrés de Teixido. Wer dort nicht als Lebender hinkommt, heißt es, muss nach dem Ablegen in Tierform hinkriechen.

Anreise
Von Santiagos Busbahnhof aus steuert die Busgesellschaft Arriva die Nordküste an. Schneller, also in knapp 2 Stunden, erreicht man den Küstenort Ortigueira mit dem Auto über die AP 9. 
Info: Oficina de Turismo de Ortigeuira, Av. de la Escolta de Gaitas s/n, Tel. 981 97 41 03

Übernachten
Casa Rural Soutomoro
Das steinerne Landhaus mit Garten und Frühstücksraum liegt an der wunderschönen Klippenlandschaft Acantilados de Loiba, Lugar Soutomoro 1, Loiba, 15339 Ortigueira, Tel. 647 53 63 05,, soutomoro.com / €€

Kathedralen-Strand
Kurz vor Ribadeo östlich von Ortigueira erstreckt sich der legendäre Kathedralenstrand. Bei Ebbe sehen die Felsen aus wie die Pfeiler eines Gotteshauses. Bis zu 20.000 Besucher kamen einst hierher, doch damit ist Schluss. Wer das Naturspektakel besuchen möchte, muss sich registrieren unter ascatedrais.xunta.gal. Der Besuch der Keramikfabrik Sargadelos auf halbem Weg dorthin ist da wesentlich leichter: sargadelos.com

Fragas de Eume
Nahe der Kleinstadt Pontedeume erstreckt sich einer der schönsten Naturschutzgebiete Spaniens. In Fragas de Eume leben Dachse, Marder und der Iberische Wasserfrosch rund um den Fluss Eume, umgeben von Steineichen, Kastanien und Birken. Das kleine Caaveiro-Kloster lohnt genauso einen Besuch wie die Anlaufstelle weiter östlich für Kajak-Fans. Wer Lust hat, die Gegend mit dem Boot zu erkunden.

Buchtipp: Noch mehr Infos, Fotos und Kartenmaterial findet Ihr in meinem Buch "Galicien & Jakobsweg", erschienen 2020 in erster Auflage bei DuMont:

Betanzos

Das Filmfestival von Betanzos feiert gerne spanische Regisseure wie die Katalanin Isabel Coixet, die 2019 mit dem Film „Elisa und Marcela“ über zwei Lehrerinnen für Furore sorgte. Die beiden hatten am 8. Juni 1901 heimlich in der nahen Stadt A Coruña geheiratet, eine verkleidet als Mann.

Betanzos ist mit seinen Glasveranden so etwas wie die kleine Schwester von A Coruña. Und filmreif ist die Altstadt des kleinen Orts im damaligen Besitz eines Grafen namens Fernán Pérez de Andrade.

Unter den Arkaden und rund um die romanische Kirche San Francisco servieren die Kellner die angeblich flüssigsten Tortillas des Landes. Gerne auch zum Mittelalterfest Mitte Juli, wenn die 13.000 Einwohner einen riesigen Globus in den Himmel schicken.

Der berühmteste Anwohner war der Emigrant und Händler Juan García Naveira (1849-1933). Er ließ 1901 einen surrealen Freizeitpark vor den Toren der Stadt errichten, den Parque do Pasatempo: mit Fabelfiguren, nachgebauten Tropfsteinhöhlen und einem Zeppelin. Alles a reinem Zement. Der ist zwar viel unbekannter als der Güell-Park in Barcelona. Aber gerade das macht ihn aus.

A Coruña

Wegen der Glasveranden heißt A Coruña auch Die Gläserne. Sie ist luftig im Vergleich zu Santiago, die Leute tragen statt Mönchskutten kunterbunte Kleider vom Modeschneiders Zara, statt Klöster im Dutzend gibt es Designerläden in der gußeisernen Markthalle, statt einem Pilgermuseum das schönste Meeresmuseum weit und breit und statt einem Erzbischof haben sie hier den Chef des Fußballclubs Deportivo La Coruña mit Stadion direkt am Atlantik. 

Im Jahr 2000 stand die ganze Stadt Kopf: Die brillanten brasilianischen Abwehr- und Mittelfeldspieler Mauro Silva, Donato und Flávio Conceição hatten beim Club angeheuert, weil sie die Lokalsprache Galicisch gut verstanden.

Sie spielten Real und Barca in Grund und Boden und bescherten der Stadt die Teilnahme an der Champions League. Ein schönes Jubiläum war das, denn genau 2000 Jahre zuvor hatten die Römer hier den Herkulesturm gebaut: Der Leuchtturm funktioniert immer noch, die Defensivarbeit von Depor dagegen hat nach Abgang der Latino-Stars sichtbar nachgelassen.

Rund um den Platz María Pita
Der Herkulesturm ist das Vorzeigestück der Altstadt, die auf einer Halbinsel gebaut ist. Den Riazor-Strand und den alten Hafen trennen an der engsten Stelle daher nur 500 Meter.

Zentrum der Ciudad Vieja ist der quadratische Platz María Pita mit dem neoklassizistischen Rathaus. Benannt ist er (und das Sommerfest) nach einer damals 24jährigen Fleischersfrau, unter deren Regie die Anwohner einst mit viel Schießpulver Francis Drakes Schiffe in die Flucht schlugen.

In der Umgebung liegen die kleinen Kirchen San Francisco und Santa María del Campo, ein ruhiger Garten namens San Carlos vor der Verteidiungsanlage und weiter westlich Richtung Herkulesturm zwei Museen der Extraklasse. Eines zur Menschheitsgeschichte, das zweite zur Unterwasserwelt. 

Im Domus ist ein überdimensionales Herz hörbar und das Porträt der Mona Lisa besteht aus 10 062 Porträtbildern aus aller Welt.

Im Aquarium Finisterrae lassen sich lokale Rochen anzoomen, Seehunde aus Norwegen bestaunen, Karibik-Fische im Humbodt-Saal beobachten und Schwertfische, die bis zu 95 km/h schnell sind. Auch die Filmplakate zu Jules Vernes „20 000 Meilen unter dem Meer sind klasse“. Auf der Außenterrasse gibt es zu Tapas und einem kühlen Bier Estrella de Galicia gratis den Blick auf den Herkulesturm.

Panorama-Aufzug
In der Glaskugel Ascensor Panorámico an der westlichen Meerespromenade geht es in gut drei Minuten 100 Meter hoch zum 37.339 Quadratmeter großen Park San Pedro.

Die Aussicht auf die Stadt super. Und für die Kleinen gibt es Spielplätze zum Toben. Einige Kanonen und Bunker zeugen noch davon, dass hier einst das Militär über die Stadt wachte.

Anreise

Züge brauchen vom Hauptbahnhof in Santiago zu dem in A Coruña nur eine halbe Stunde und die Fahrt ist etwas günstiger als die Maut auf der Autobahn (knapp 15 €). Busse (monbus.es, 5 €) fahren stündlich und brauchen 1.5 Stunde pro Strecke.

Übernachten
Alborán
Kleines, familiäres Hostal nahe dem Hauptplatz María Pita (Parkhaus), Zimmer mit winzigen Glasbalkonen, Aufzug, behindertengerecht.
Riego de Agua 14, Tel. 981 22 65 79, hostalalboran.es, €

Essen & Trinken
Viele kleine Tavernen liegen in der Fußgänger-Gasse Franja und Umgebung, spezialisiert auf Schinken, Seekraken und Langusten.

El 10
Die Anwohner sitzen hier gerne auch draußen auf der Terrasse und genießen die leckeren Tapas und Meeresfrüchte. Spezialität ist Seeteufel (rape).
Plaza de España 8, Tel. 981 20 71 53, So geschl. €-€€

Einkaufen
Die Markthalle an der Plaza de Lugo eignet sich besonders zum Shoppen. Dort gibt es neben Lebensmittel auch die bekannten Modeketten der Stadt, darunter Schuhe und Klamotten der von Bershka, das zur Inditex-Gruppe (Zara) gehört.

Aktivitäten
Surfschule Bastiagueiro: Am nahen gleichnamigen Strand bilden die Lehrer auch Surf-Anfänger aus. Siehe Webseite 

Feste
Den August über steigt das Kulturfest María Pita mit vielen Konzerten, auch live auf dem gleichnamigen Platz.

Costa da Morte: Todesküste

An der Todesküste liegen authentische Fischerorte mit vorgelagerten kleinen Inseln, wo Trottellummen und Gelbfußmöwen ungestört brüten. An den schroffen Felsen wachsen die wertvollen Entenmuscheln (percebes). Nur in sehr geschützten Buchten lässt sich Baden, denn die Riffe sind nicht ganz ungefährlich.

Weißgetünchte Kreuze zeugen von den vielen toten Fischern, die im Atlantik geblieben sind. Da die Boote untergingen und das Meer die Männer schluckte, fuhren einst weise Frauen mit einem Mantel des Toten hinaus und sammelten seine Seele darin ein. Danach begruben sie den Mantel an der Küste, damit die Witwen einen Platz zum trauern hatte.

Auch die vielen alten Leuchttürme zeugen von der stürmischen Welt der einstigen Hochsee- und Walfischfänger. Hier die schönsten Orte der Costa da Morte im Überblick:

Weg der Leuchttürme
Ein 200 km langer Wanderweg mit acht Etappen führt von Malpica die landschaftlich fantastische Welt der Todesküste entlang bis Finisterre, vorbei an Dolmen und alten Keltensiedlungen. Ein El Dorado für Fans von Seevögeln, Küstenstrecken und frischer Meeresbrise. Die Strecke haben die lokalen Bürgermeister der Fischerorte mit Hilfe von Historikern und Naturforschern entwickeln. Laufen lässt er sich allein oder auch geführt, siehe Caminos dos Faros

Malpica

Kleine Fischerbootmodelle in der Kirche, Entenmuscheln in der Taverne am Hafen, ein paar schöne Strände. Läge dieser Ort auf Mallorca, hätte er längst seinen Charme verloren. Stattdessen liegt er am östlichen Rand der Costa da Morte.

Die kastenförmige Architektur der kleinen Häuser hat nie einen Preis gewonnen, die Bars der Fischer auch nicht. Die 8500 Anwohner lieben ihr vorgelagertes Kap Adrián, die frischen Meeresfrüchte und ab und zu auch mal einen Orujo-Tresterschnaps.

Statt Museen gibt es hier Kühlhäuser, statt einem beschaulichen Markt megalaute Fischversteigerungen am Hafen. Und beim Schulunterricht gehen die Kinder schon mal an den Hausstrand, um etwas über Schildkröten zu lernen.

Als die Tageszeitung La Voz de Galicia mich mal zu ihrer Heimat interviewte, ist mir rausgerutscht: „Wenn ich Malpica zwei Jahre nicht sehe, werde ich unruhig“. Ein weiteres Interview führten die Journalisten mit mir zum Thema Lalín etwas weiter in Galiciens Landesinneren.

Corme, Laxe, Traba

Die süßen kleinen Fischerorte sind einen ganzen Tagesbesuch wert. Von Laxe nach Traba führt ein schöner, ausgeschilderter, 8 km-länger Küstenweg mit Bademöglichkeiten am Strand von Traba.

Corme wiederum ist die Hauptstadt der Entenmuscheln, entsprechend steigt hier an einem möglichst regenlosen Samstag im Juli die Fiesta del Percebe. Dann gibt es zum Weißwein einen Teller der mit Lorbeerblättern und Meersalz gekochten Köstlichkeit für nur 25 Euro. Günstig, denn die Entenmuscheln haben auf dem Markt einen Kilopreis von 300 Euro.

Grund ist auch, dass die Percebeiros die Meeresfrüchte an Seilen gekettet von den scharfen Riffen ernten, was extrem gefährlich ist.

Camariñas

Ende der 1970er Jahre hatten die Marineros und Spitzenklöpplerinnen von Camariñas einen kleinen Skandal: Regisseur Amando de Ossorio aus A Coruña, sonst bekannt für Filme wie „Das Blutgericht der reitenden Leichen“, drehte dort den Streifen „Verbote Leidenschaft“. Über eine Stripperin, die in ihr Dorf zurückkehrt.

Die Empörung war riesig. Doch die Wogen haben sich längst geglättet. Nur auf dem Atlantik toben sie weiter. Anders als Corme, Laxe und Malpica hatte Camarinas allerdings mit dem Gewerbe der Spitzenklöppelei noch ein relativ ungefährliches Einkommen, das die Galicier übrigens von eingeheirateten Holländerinnen gelernt hatten.

Vor allem im 19. Jahrhundert boomte der Export nach Lateinamerika. Das örtliche Museum Museo de Encaixe erinnert mit über 900 Stickmustern und Stoffen noch daran.

Ein anderes Museum ist einem deutschen Einsiedler gewidmet. Manfred Gnädiger lebte im nahen Camelle ohne Strom und Wasser. Seine Behausung, heute bekannt als Museo del Alemán, überschwemmte 2002 beim Tankerunglück der Prestige das auslaufende Öl. Kurz darauf wurde Gnädiger leblos aufgefunden. Seine Zeichnungen und Skulpturen sind auch im Internet sichtbar: mandecamelle.com

Muxía

Muxia ist berühmt für das Steinsegel des Schiffs, mit dem der Apostel Jakob hier gelandet sein soll. Der flache, 9 m breite und 30 cm dicke Granitstein liegt ganz in der Nähe des Heiligtums Santuario de Nosa Señora da Barca. Wer es schafft ihn zu bewegen, hat Glück im Leben. Allerdings wiegt er 1000 Kilo. Am 1. Wochenende nach dem 8. September steigt hier eine Dudelsackparty zu Ehren des Steinschiffs.

Übernachten
Parador de Muxía
Es ist der neueste Parador der staatlichen Hotelkette, 2020 eröffnet und ein Meisterwerk des Ökostroms mit Spa und Restaurant. Flach in die Landschaft gebaut und mit 62 Zimmern. Die Bauphase zog sich so lange hin, dass die Anwohner ihn „Prestige-Parador“ nennen.
Lugar de Lourido s/n, 15125 Muxia, Tel. 881 16 11 11, parador.es, €€€

Fisterra

Warum tragen die Pilger die Jakobsmuschel? Santiago, das Ziel, ist weit weg vom Meer. Aber die rund 90 km zum Meer wollten die Pilger schon immer wandern, wenn sie durch die staubigen Ebenen Kastiliens nach Galicien immer nur im Inland gelaufen waren. So entwickelte sich die Jakobsmuschel, die sie am Atlantik fanden, zum Symbol der Pilger und auch des weltweit größten Mineralölkonzerns Shell. 

Fisterra (Finisterre, wörtlich Ende der Welt) war schon im Mittelalter das finalen Ziel des Caminos, auch wenn die Katholische Kirche das offiziell nie abgesegnet hat.

Damals glaubten die Pilger, hier sei das westliche Ende der Erdscheibe. Im Hochsommer (außer zu Covid-Zeiten) sind die Tavernen hier überfüllt und entsprechend teuer.

Da geht das winzig kleine Fischereimuseum (Mo geschl.) fast unter. Darin sind alte Pässe von Fischern zu sehen, Angelgeräte und Netze. Und auch Fotos in Schwarzweiß.

Die Anwohner haben die vielen Schiffsunglücke da draußen auf dem Atlantik oft mit verfolgt. Einmal bargen sie in einem der Unglücksschiffe viele kleine Farbdosen und malten damit ihre Hauswände an. Beim nächsten Regen war die Farbe aber wieder weg. Es war in Wirklichkeit Kondensmilch. 

Anreise
Wanderer laufen den Weg von Santiago nach Fisterra in drei Etappen. Zunächst von Santiago nach Negreira (21 km), dann von dort nach Olveiroa (34 km) und schließlich von Olveiroa nach Fisterra (34) km).

Per Bus: Monbus steuert Fisterra von Santiago aus an und braucht rund 3 Stunden. Doppelt so schnell geht es mit dem Auto.