O Carballiño: Spaniens Kleinstadt der Krake

Die spanische Kleinstadt O Carballiño liegt im Landesinneren und damit weit entfernt vom Lebensraum der Seekraken des Atlantiks. Das hindert den Bürgermeister aber nicht daran, jedes Jahr mit viel Olé Galiciens legendäres Pulpo-Fest zu eröffnen. Manche an Galiciens Küste raufen sich die Haare, doch dem Kulturministerium im fernen Madrid ist das egal. Es bescheinigt den Anwohnern sogar, ein “Fest von nationalem Interesse” zu haben. Wohl auch deshalb, weil dort niemand nachgefragt hat, was etliche Galicier unter einer Nation verstehen.

von Tobias Büscher

2010 war das große Jahr für O Carballiño. Da kannte den Ort sogar Oberhausen. Spanien hatte die WM gewonnen, Krake Paul hatte das vorhergesagt und der Bürgermeister des galicischen Orts wollte das Tier umgehend adoptieren. Lief nicht so, aber für kurze Zeit war die Kleinstadt selbst in deutschen Medien ein Thema.

Der Ort liegt rund 2000 Kilometer von Oberhausen entfernt, dafür nur 25 Kilometer von der Provinzhauptstadt Ourense. Heilquellen und Handel sind die Pfunde hier am Fluss Río Arenteiro, das Wahrzeichen die Kirche Templo da Veracruz mit ihrem 52 Meter hohen Turm. Von oben sieht man sogar das berühmte Kloster Oseira. Und ihr berühmtester Termin ist natürlich die Festa do Pulpo (Fest der Krake) am zweiten Sonntag im August.

Was bedeutet der Stadtname?

O Carballiño entstand im 17. Jahrhundert als Marktplatz der Zisterzienser des Klosters Oseira, bekannt durch den Aufenthalt des Autors Graham Greene. Die Nähe zu den Buchten der Rías Baixas, zu Portugal und Santiago de Compostela machte den Ort zu einem Knotenpunkt für Händler und Maultiertreiber. 

Thermalkuren sind hier auch wichtig, und die Herstellung von Papier, Seife und Leder.Der galicische Ortsname heißt „die kleine Eiche“ und kommt von carballo (Eiche). Die Endung -iño ähnelt unserer Verniedlichungsform -chen (Wut/Wütchen).

Die wichtigsten Gebäude vor Ort

Templo da Veracruz: Das Wahrzeichen der Stadt ist ein Granitbau mit markant hohem Turm.

Igrexa de San Cibrao: Die ältere Pfarrkirche erinnert an das O Carballiño vor dem Bau der Veracruz und bildet einen wichtigen Bezugspunkt der historischen Ortsmitte.

Casa do Concello und Praza Maior: Rathaus und Hauptplatz stehen für die Entwicklung des Markt- und Verwaltungsortes. Hier konzentriert sich bis heute ein großer Teil des städtischen Lebens.

Praza de Abastos: Die Markthalle ist ein steinerner Mittelpunkt der lokalen Lebensmittelkultur und lebt von den Bauern der Umgebung.

Gran Balneario und Caldas de Partovia: Die mineralhaltigen Quellen machten O Carballiño im 19. Jahrhundert zu einem Kurort. Partovia gilt als einer der ältesten Thermalplätze Galiciens, hier sollen sich schon die Römer erholt haben.

Parque Municipal und Parque Etnográfico do Arenteiro: Der 1928 angelegte, rund 32 Hektar große Stadtpark liegt am Fluss Arenteiro. Zum Ensemble gehören Wege, alte Mühlen und das Museo Muíño do Anxo.

Ponte Longal de Ponte Veiga: Die historische Steinbrücke erinnert an die alten Verkehrs- und Handelsrouten der Region.

Festa do Pulpo: das Fest der Seekrake

Dass eine Stadt weit im Landesinneren zur Hochburg des Oktopus wurde, hat historische Gründe. Das Kloster Oseira besaß Rechte und Güter an der Küste bei Marín. 

Abgaben wurden auch in Naturalien entrichtet, darunter haltbar gemachter Pulpo. Bewohner der zu Oseira gehörenden Orte San Xoán de Arcos und Santa María de Arcos übernahmen Transport, Zubereitung und Verkauf auf den Märkten. So entstand über Jahrhunderte das spezialisierte Handwerk der pulpeiras und pulpeiros.

Seit 1962 findet die Festa do Pulpo am zweiten Sonntag im August im Stadtpark am Arenteiro statt. Aus einem Treffen und einer lokalen Festinitiative entwickelte sich eine große galicische Wallfahrt (Romería). Im Mittelpunkt steht pulpo á feira: gekochte Oktopusstücke, mit der Schere geschnitten und auf Holztellern mit grobem Salz, Olivenöl und Paprika serviert. 

Dazu kommen Ribeiro-Wein, Brot aus Cea, Empanada, carne ao caldeiro, Queimada und die mit Creme gefüllten cañas de O Carballiño. Offizielle Tourismusseiten nennen Größenordnungen von etwa 70.000 Gästen und rund 40.000 Kilogramm Pulpo. Musikgruppen, Folklore und Vereine geben dem Fest den Charakter einer traditionellen Wallfahrt.

PR-Faktor Krake Paul

Kuriosität: 2010 sorgte der damalige Bürgermeister Carlos Montes international für Aufmerksamkeit, als er die als Fußball-Orakel bekannte Krake Paul aus Oberhausen zum Ehrenbürger machen wollte und eine bronzene Krakenstatue präsentierte. Paul reiste nicht nach Galicien – das Fest erhielt dennoch große mediale Aufmerksamkeit.

Promis der Stadt O Carballiño

María Teresa Miras Portugal (1948–2021): In O Carballiño geborene Biochemikerin und Neurowissenschaftlerin. Sie forschte zu Nervenerkrankungen und war von 2007 bis 2013 als erste Frau Präsidentin einer spanischen Königlichen Akademie: Real Academia Nacional de Farmacia.

Aurelio Miras Azor (1912–2003): Lehrer, Jurist und Schriftsteller, der in O Carballiño lebte. Sein Roman El Agüista von 1950 erzählt vom Kurort in den 1940er Jahren.

Carlos Montes: Der frühere Bürgermeister machte O Carballiño 2010 nach der Fußball WM mit der symbolischen Ehrenbürgerschaft für Krake Paul weltweit bekannt.

Quellen und Hinweise
Concello do Carballiño, Turismo O Carballiño, Turismo de Galicia (Festa do Polbo), Real Academia de Ciencias Veterinarias de España (María Teresa Miras Portugal) sowie die oben genannten Beiträge von spanien-reisemagazin.de.

Buchtipp

Tobias Büscher: DuMont Reise-Taschenbuch Galicien & Jakobsweg. Der persönliche Reiseführer verbindet Galicien mit dem spanischen Jakobsweg und enthält individuelle Autorentipps, Entdeckungstouren, Essays, Karten und ausgewählte Adressen. 

Eine neue Folgeauflage des Buchs ist für 2027 vorgesehen und soll pünktlich zum Heiligen Jahr in Santiago de Compostela erscheinen.

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