Galiciens Todesküste ist lebendig

"Dieser Fisch, diese Menschen, diese galicische Gelassenheit"

Costa da Morte oder Costa da Vida? Todesküste oder Lebensküste? Das hat sich unser Leser Klaus gefragt, der eine Woche an Nordwestspaniens wilder Atlantikküste war. Und dort in Galicien einen Urlaub verbrachte, den er nur empfehlen kann. Fernab von Pauschalurlaub, All-Inclusive und Bettenburgen. Dafür Erlebnisse auf dem Fischmarkt, im Bus, im Supermarkt, am Holzkohlegrill.

Von Klaus Westerhaus

Die Costa da Morte, die „Todesküste“ Galiciens, trägt einen Namen, der nach Sturm, Schiffbruch und rauem Atlantik klingt. Nach einer Woche vor Ort kann ich jedoch Entwarnung geben: Die eigentlichen Gefahren lauern heute woanders. Zum Beispiel im Supermarkt.

Dort treffen sich die Galicier bevorzugt an der engsten Stelle zwischen zwei Regalen zum Plausch. Nicht gelegentlich. Immer. Wer als Deutscher versucht, mit dem Einkaufswagen vorbeizukommen, lernt binnen weniger Minuten eine wichtige Lektion: In Galicien hat Kommunikation Vorfahrt.

Ankommen heißt: Vertrauen

Ähnlich entspannt funktioniert der öffentliche Nahverkehr. Auf dem Weg vom Flughafen nach Santiago de Compostela suchte ich vergeblich nach jener deutschen Präzision, die aus jeder Haltestelle eine kleine Wissenschaft macht. Busstopps sind nicht immer sofort zu erkennen, Fahreransagen selten, Informationen sparsam. Man steigt ein, vertraut auf das System – und landet erstaunlicherweise meistens dort, wo man hinwollte.

Ich wollte zum Stadtmarkt Mercado von Santiago und folgte irgendwann lieber den Menschen mit Einkaufstüten als den Touristen mit Rucksäcken. Es funktionierte.

Im Mercado von Santiago: Fisch in einer Selbstverständlichkeit, die jeden Feinkosttempel nervös machen könnte.

Muscheln und Meeresfrüchte: frisch statt inszeniert

Der Mercado de Santiago de Compostela, einer der wichtigsten in Nordspanien, entlohnt dieses Vertrauen sofort. Fisch, Muscheln und Meeresfrüchte, die andernorts wie kostbare Delikatessen hinter Glas inszeniert würden, liegen hier mit großer Selbstverständlichkeit auf Eis: Vom Wolfsbarsch über Schwertmuscheln bis zur Seekrake.

Alles wirkt so frisch, dass man beinahe erwartet, die Ware könne sich noch beschweren. Der Markt ist ein kulinarischer Angriff auf sämtliche Tiefkühlabteilungen Europas.

(Anmerkung der Redaktion: besser kann man das nicht sagen).

Schon hier wird deutlich, was diese Reise später immer wieder bestätigen sollte: Galicien bemüht sich nicht ständig darum, dem Besucher zu gefallen. Vieles ist einfach da – der Fisch, der Markt, das Meer, die Gespräche, das tägliche Leben. Gerade darin liegt ein großer Teil seines Reizes.

Caión statt Bettenburg

Doch von vorne. Die Reise begann mit einem Lufthansa-Flug von Frankfurt nach Santiago de Compostela, Hin- und Rückflug für rund 230 Euro. Nach der Übernahme des Mietwagens führte der Weg an die Küste nach Caión, rund 20 Kilometer südwestlich der Hafenstadt A Coruña

Das kleine Fischerdorf wurde für eine Woche zum Ausgangspunkt meiner Unternehmungen.

Caión: kleiner Hafen, enge Häuserzeilen und der Atlantik direkt vor der Tür

Caión ist, überspitzt gesagt, der Albtraum jedes Pauschaltouristen. Keine Bettenburgen, keine Animationsteams, keine kilometerlange Souvenirmeile. Stattdessen ein kleiner Hafen, eng aneinander gebaute Häuser, eine Uferpromenade, Fischerboote und eine Gelassenheit, die sich bereits nach wenigen Stunden überträgt.

Tagsüber sind die Strände erstaunlich leer. Am Abend treffen sich Einheimische und Besucher in Restaurants und Bars entlang der Küste. Das tägliche Leben ist sichtbar geblieben; die Fischerei gehört hier nicht zur touristischen Kulisse, sondern zum Ort. 

Niemand scheint sich besonders anzustrengen, authentisch zu wirken. Man ist es einfach. Die größere Herausforderung: überhaupt genügend Menschen für ein glaubwürdiges Urlaubsfoto zu finden.

Meine Ferienwohnung „Ribadomar“ lag mitten in Caión. Vom Schlafzimmer blickte ich direkt auf den Atlantik – Rundumprogramm inklusive. Das Rauschen und der Geruch des Meeres waren so präsent, dass man gelegentlich den Eindruck bekam, die Brandung habe beschlossen, im Schlafzimmer zu übernachten. Auch die galicische Interpretation von Ferienwohnung und Eigenverantwortung lernte ich kennen: Der Müll wollte eigenhändig entsorgt werden, und der Strandsand entwickelte sich ohne tägliche Gegenmaßnahmen schnell zu einem zusätzlichen Mitbewohner.

Vor der Tür begann eine Küste, die sich wohltuend von vielen bekannten Ferienregionen Spaniens unterscheidet. Heller Sand, Granitfelsen, weite Gezeitenzonen und ein Atlantik, der seine Farbe mit dem Licht wechselt. Mal wirkt das Wasser tiefblau, wenige Minuten später beinahe türkis. Hinter fast jeder Kurve eröffnet sich ein neuer Blick aufs Meer.

Die Landschaft ist rauer und ursprünglicher als in vielen klassischen spanischen Urlaubsregionen. Gerade die wechselnden Lichtverhältnisse machen selbst kurze Fahrten oder Spaziergänge zu kleinen Entdeckungsreisen. Und während man an südlicheren Küsten häufig um einen Platz am Strand kämpft, stellte sich hier ein ganz anderes Problem: Strandliege an Strandliege? Fehlanzeige.

Man vertraut dem Fisch

„Während anderswo Köche Schäume, Gele und philosophische Erklärungen produzieren, verfolgt man in Galicien einen radikaleren Ansatz: Man vertraut dem Fisch.“

Der Grillmeister im Beiramar in Caión

Der gegrillte Sargo: eines der kulinarischen Highlights der Reise. Das Restaurant Beiramar in Caión brachte dieses Prinzip besonders überzeugend auf den Punkt. Frische Produkte, Blick auf den Atlantik, wenig Schnickschnack und ein Grillmeister, der genau weiß, wann ein Fisch fertig ist. 

Der Chef steht unmittelbar am offenen Holzkohlengrill. Das ist keine Showküche für Touristen, sondern Handwerk. Der Fisch wird in Grillkörben dicht über der Glut gegart; außen entsteht eine kräftige Röstung, innen bleibt er saftig.

Der gegrillte Sargo gehörte zu den kulinarischen Höhepunkten der Reise. Sein festes, aromatisches Fleisch braucht kaum Begleitung. Wer Ware dieser Qualität auf den Grill legt, muss sie nicht verkleiden. In Galicien scheint man dem Produkt mehr zuzutrauen als der Dekoration auf dem Teller.

Überhaupt gehört Essen hier zum Reisen wie der Atlantik zur Küste. Der Mercado von Santiago war nur der Auftakt. Später kamen Muscheln, Gambas und immer wieder Fisch auf den Tisch. 

In Laxe aß ich zur Mittagszeit die besten Gambas al ajillo, die ich bisher gegessen habe. Natürlich blieb die heiße Knoblauchsauce nicht im Schälchen: Brot hinein, dazu ein Glas Albariño – und für einen Moment erscheint die Welt außerordentlich gut geordnet.

Laxe: Hafenleben in einer anderen Taktung

Bei nur sieben Tagen muss man auswählen. Orte wie Finisterre, Muxía oder der Strand von Carnota blieben für eine spätere Reise auf der Liste. Meine längere Küstentour führte stattdessen nach Laxe und Camelle.

Laxe ist kein spektakulär herausgeputzter Ferienort, sondern ein Platz zum Flanieren, Essen und aufs Wasser schauen. Im Hafen lagen drei Boote gleichzeitig. Einheimische könnten das bereits für Betriebsamkeit halten; ein Kölner denkt an die A3 am Freitagnachmittag – allerdings nur, wenn dort 99,9 Prozent aller Fahrzeuge verschwunden wären.

Solche Momente machen den besonderen Rhythmus der Region aus. Man beginnt, Entfernungen anders wahrzunehmen, bleibt länger an einem Hafen stehen, schaut Fischern bei der Arbeit zu und entdeckt, dass ein Tag nicht zwingend besser wird, wenn man möglichst viele Sehenswürdigkeiten abhakt.

Erinnerung an die Schiffskatastrophen der Costa da Morte

Camelle besitzt eine ganz andere, eigenwillige Atmosphäre. Dort erinnert das Man-Museum an Manfred Gnädinger, einen deutschen Künstler und Aussteiger, der seit den 1960er-Jahren an der galicischen Küste lebte und aus Steinen, Holz und Treibgut seine eigene Welt schuf. Die Ausstellung erzählt von einem ungewöhnlichen Leben unmittelbar am Atlantik.

Gleichzeitig begegnet man dort jener Geschichte, die der Costa da Morte ihren Namen gegeben hat: Schiffskatastrophen, Stürme und die ständige Nähe eines Meeres, das über Jahrhunderte Lebensgrundlage und Gefahr zugleich war. 

Modelle gesunkener Schiffe und Berichte über Unglücke holen die dramatische Vergangenheit in die Gegenwart zurück. Plötzlich klingt „Todesküste“ nicht mehr wie ein touristischer Markenname, sondern wie ein Stück regionaler Erinnerung.

Zum Abschluss: A Coruña

Natürlich durfte auch A Coruña nicht fehlen. Die Hafenstadt verbindet Geschichte, Kultur und modernes Leben auf angenehm unangestrengte Weise. Über der Stadt steht der Herkulesturm, der römische Leuchtturm und das weithin sichtbare Wahrzeichen von A Coruña. 

Nach den stilleren Küstenorten wirkt die Stadt lebendig, ohne den Charakter der Region zu verlieren.

Nach sieben Tagen fiel mein Fazit deshalb anders aus, als es der Name der Küste erwarten lässt. Die Costa da Morte verdankt ihre Bezeichnung einer bewegten und vielfach tragischen Vergangenheit. Für heutige Besucher präsentiert sie sich dagegen als Region voller Leben, Gastfreundschaft und Gelassenheit.

Die Strände sind weit, die Landschaft ist rau und gleichzeitig einladend, die Orte wirken vielerorts noch erstaunlich ursprünglich, und die Küche allein wäre ein Grund zur Rückkehr. Vor allem aber besitzt Galicien eine entspannte Selbstverständlichkeit, die in unseren hektischen Regionen selten geworden ist.

Wer das Meer liebt, gutes Essen schätzt und keine perfekt durchinszenierte Ferienwelt braucht, findet hier ein Reiseziel, das lange im Gedächtnis bleibt und den Wunsch nach einer Wiederkehr weckt.

Für mich war es am Ende jedenfalls keine Reise an die Todesküste.

Es war eine Woche an der Costa da Vida – der Küste des Lebens.

Der Autor

Das Nordlicht Klaus Westerhaus lebt in Köln und war Geschäftsführer einer Brauerei in Düsseldorf. 

Die Reise an die Costa da Morte an der Westküste Galiciens fand im Juni 2026 statt.. Er wird sicher nicht das letzte Mal dort gewesen sein.

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Kommentare :

  • user
    Mark M. 20/09/2026 um 10:08
    Lieber Klaus Westerhaus,
    vielen Dank für diesen wunderschönen Bericht. Ich kenne Galicien seit meiner Kindheit, seit über 50 Jahren. Deshalb kann ich alles, was Sie geschrieben haben, sehr gut verstehen und bestätigen.
    Übrigens die Rías Baixas sind mindestens genau so schön, wie der Teil, den Sie bereist haben, besonders die Halbinsel O Grove kann ich sehr empfehlen.
    Und "Wunsch nach einer Wiederkehr" heißt bei den Gallegos "Morriña". Also, ich freue mich schon auf Ihren nächsten Galicien Bericht.
    Muchas gracias y hasta luego!