
A Peregrina: die kurioseste Jakobskirche
Pontevedras Gotteshaus ist attraktiver als Santiagos Kathedrale
2027 wird das Rekordjahr für Pilgerreisen nach Santiago de Compostela. Alle stürmen dann die Kathedrale des Heiligen Jakobus. Die Wartezeiten im Sommer vor dem Eingang sind schwer erträglich, einige Bewohner verlassen vorübergehend die Stadt und sprechen von Stadtbesetzung. Doch es gibt eine echte Alternative: die Kirche La Peregrina in der nahen Stadt Pontevedra in Form einer Jakobsmuschel.
Von Tobias Büscher (Text und Fotos)
Galicien - Mitten in Pontevedra steht eine Kirche, die es so auf der ganzen Welt kein zweites mal gibt. Denn sie hat die Form einer Jakobsmuschel. Die Peregrina am Altstadtplatz Praza da Peregrina ist das Ergebnis einer beachtlichen architektonischen Idee. Der galicische Name bedeutet „die Pilgerin“, auf Spanisch „La Peregrina“. Gemeint ist Maria, die an der Fassade als Pilgerin dargestellt ist.
Pontevedra liegt im Südwesten Galiciens an der Mündung des Lérez an der Bucht Ría de Pontevedra, eine der Meeresbuchten der sogenannten Rías Baixas. Sie ist schon immer eine attraktive Stadt, gerade wenn man dem Rummel in Santiago entfliehen möchte.
Und seit wann? Seit 1833 ist sie Hauptort der gleichnamigen Provinz und Sitz ihrer Verwaltung, nicht jedoch Hauptstadt Galiciens. Die gut 80.000 Einwohner leben in einer Metropole, die für ihre umweltfreundliche Verkehrspolitik viele Preise erhalten hat.
Das Bürgermeisteramt hat deshalb sogar schon Einladungen zu Vorträgen in Paris bekommen. Der Stadtname heißt wörtlich übersetzt Alte Brücke. Das erinnert an den historischen Übergang über den Fluss Lérez, den heute noch ein paar Pilger nutzen.
Tatsächlich war es ein Portugiese, der die Kirche vor dem Baubeginn im Jahr 1778 entworfen hatte: Antonio de Souto. Markenzeichen: Spätbarock.
Eine Freitreppe führt durch einen kleinen, von einer Balustrade mit Zieraufsätzen eingefassten Vorhof zum Eingang. Die Muschelform erschließt sich vor allem im Grundriss.
Die Architekten

Wer in Santiago de Compostela etwas über Baumeister erfahren möchte, trifft unweigerlich auf Meister Mateo, dem Mann, der das Eingangstor Pórtico de la Gloria entworfen hatte.
Reden wir stattdessen einfach mal über die Baumeister der Peregrina, das macht ja sonst kaum jemand:
Das Stadtarchiv nennt Antonio de Souto als Urheber der Entwurfszeichnungen und ausdrücklich auch der Hauptfassade. Bernardo José de Mier wird als Mitarbeiter am Projekt geführt. Und der leistete effektive Arbeit: 16 Jahre nach Baubeginn fand dort bereits die erste Messe statt.
Architekt des streng klassizistischen Hauptaltars im Innern wiederum war Melchor de Prado y Mariño (1770–1838), der zuvor erfolgreich an der Königlichen Akademie der Schönen Künste San Fernando in Madrid ausgebildet worden war. Sein Bruder Manuel setzte dessen Entwürfe als Bildhauer um.
Muschel im Grundriss und als Weihwasserbecken
Ein Kuriosum ist das Weihwasserbecken aus echten Muscheln und Schnecken, die der Seefahrer Casto Méndez Núñez aus dem Pazifik mitbrachte. Er leitete dort einst die Panzerfregatte Numancia.
So begegnet das Muschelmotiv den Besuchern nicht nur als architektonisches Sinnbild, sondern auch als Naturform. An der Fassade stehen die Peregrina, Santiago und San Roque in Nischen, während am Fuß der Eingangstreppe ein steinerner Brunnen die Platzgestaltung ergänzt. Im August feiern die Anwohner die Pilgermadonna während der Fiesta de la Peregrina geehrt. Dann wird es sogar in Pontevedra schon mal etwas voller.
Wie ungewöhnlich A Peregrina innerhalb der galicischen Kirchenarchitektur ist, zeigt schon der Vergleich mit zwei Gotteshäusern in Pontevedra selbst. Die nahe Kirche San Francisco setzt mit ihrer gotischen Architektur und der großen Fensterrosette einen deutlichen Kontrast zur gewölbten Barockfassade der Pilgerkirche. Um nicht zu sagen: Sie wirkt dagegen geradezu gedrungen.
Santa María a Maior wiederum ist ein dreischiffiger, spätgotischer Bau mit Kreuzrippengewölben und dadurch auch weniger schlank als Die Pilgerin in Muschelform.
Natürlich ist der Architekt der Peregrina längst nicht so bekannt wie Fernando de Casas Novoa (1670-1749), der seit 1711 die Bauarbeiten an der Kathedrale von Santiago de Compostela leitete und in jedem Kunstbuch steht.
A Peregrina steht deutlich im Schatten dieser Mega-Kathedrale, trotz ihrer optisch viel schöneren Pilgersymbolik. Ohnehin, die Baukonzepte könnten unterschiedlicher kaum sein: In Santiago steht die barocke Schauseite vor einem romanischen Kathedralbau, in Pontevedra bestimmt das Pilgerzeichen bereits die Grundform des Heiligtums.
Fazit
In Santiago sind Selfies im Gotteshaus das Maß aller Ding. In Pontevedra ist es das entspannte Ambiente. Die opulente Kathedrale in Santiago de Compostela ist im Hochsommer oft überlaufen, die schlanke Kirche in Pontedra daher umso attraktiver.
Und nicht nur die: Pontevedras Stadtzentrum gehört den Einheimischen, nicht den Touristen. Die Tapa-Bars sind hier noch authentisch und der Stadtbesuch entspannend. Das örtliche Provinzmuseum ist so attraktiv wie Nachos Kochkunst.
Nur wer mit dem Auto kommt, sollte außerhalb oder in einem der Parkhäuser parken. Denn die Metropole hat nicht nur die coolste Kirche, sondern auch die fußgängerfreundlichste Innenstadt ganz Nordwestspaniens.
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Der Autor

Tobias Büscher ist leiter dieses Portals und Autor des Buchs Galicien & Jakobsweg, das 2026 auf Italienisch erschienen ist und im Frühjahr 2027 bei DuMont auch auf Deutsch.
Als er im Sommer 2026 ausgerechnet am 25. Juli in Santiago de Compostela war, kam seine gute Freundin Virginia auch in ihre Stadt. Große Ehre, denn sie war zu Freunden nach Nordgalicien gegangen, weil es ihr in der Pilgerstadt zu solchen Terminen eigentlich viel zu voll ist.



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