
Spaniens Street-Art: In Galicien boomen die Bilder
Lugo ist dort die Hochburg der Wandgemälde
Männer mit Fischernetzen in Schwarzweiß, zwei Seekraken-Händlerinnen mit Schürzen, ein Römer mit Daumen nach unten, ein Dudelsackspieler mit Blick in die Ferne und eine Keltin mit Halskette und Dolch in der Hand. Die Wandgemälde in Nordwestspanien werden jedes Jahr präsenter und stellen Museen und PR-Filme in den Schatten. Wobei die Hintergründe zu den Großwandbildern erstaunlich unterschiedlich sind.
von Tobias Büscher (Text und Fotos)
Street-Art ist in. Das belegt schon die Webseite Street Art Cities, auf der sichtbar ist, was die Künstler in Madrid, Melbourne und Mailand gerade Neues an die Wand gemalt haben. Die Zahlen dazu sind beachtlich: Grenoble hat derzeit (Stand Oktober 2026) 391 solcher urbaner Kunstwerke, Berlin 715, und - Achtung jetzt - die eher unbekannte Stadt Lugo in Nordwestspanien 565.
Street Art Cities ist die wichtigste Plattform für urbane Kunst mit Angaben zu Kunstwerken in über 900 Städten weltweit. Inzwischen sind dort bereits über 34.000 Kunstwerke aufgeführt. Und viele davon gibt es in der nordwestspanischen Region Galicien.
Aber was ist da passiert, im hohen Nordwesten? Da, wo anderen Spaniern zufolge der Zeitgeist so langsam tickt wie in Deutschland Ostfriesland?
Im Sommer 2026 war ich für meinen Reiseführer (DuMont) vier Wochen dort. Orte wie O Grove, Ribadavia und Lugo waren ja kaum wiederzuerkennen. Gigantische Gemälde sind dort inzwischen zu sehen und mein erster Gedanke war: Muss man mit Kitsch die Optik der gewachsenen Stadtarchitektur derart verschandeln?
Riesige Wandbilder prägen die Orte, ob ich das nun gut finde oder nicht. Den Künstlern ist das egal, den Anwohnern sicher auch. Und manche dieser Kunstwerke sind tatsächlich sogar wichtig.
Begonnen hatte der Boom drei Jahre zuvor. Im Sommer 2023 malte der Künstler Manuel Pallín in der Stadt Lugo ein riesiges Bild von einer Keltin an eine Hauswand direkt gegenüber der römischen Stadtmauer, beraten von der Leiterin des dortigen Archäologischen Museums.
Das 20 Meter hohe Bild A Castrexa (die Keltin) ist eine Hommage an die Zeit der Kelten und Römer. In den sozialen Medien ging das Bild viral. Lugo bekommt inzwischen deutlich mehr Besuch. Und viele andere Orte in Galicien sind dadurch ebenfalls bekannter geworden.
Sieht man nur, was man weiß?
Doch warum dieses riesige Bild? Man sieht nur was man weiß? Der Spruch von Goethe ist ziemlich richtig. Man kann die Bilder ablichten, hier zwei Fischer, dort zwei Händlerinnen, und dann noch eines von drei jungen Frauen in Ribadavia an der Grenze zu Portugal. In diesem Artikel sind die Hintergründe von sieben Street-Art-Bildern beschrieben. Dieser Goethe würde jetzt sagen: Damit man weiß, was man sieht.
Wie auch immer. Wandgemälde sind gemalte Wahrzeichen, die Motive drehen sich zumeist um Moral und Tradition. Und die Künstler sind nicht völlig frei, sie brauchen bei solchen überdimensionalen Kunstwerken die Lizenz der jeweiligen Stadtverwaltung.
Das ist also keine freie Kunst wie anarchisches Grafitti-Sprühen am Bahnhof, was manchmal auch klasse aussieht. Es ist abgesprochene, oft dem Vernehmen nach auch ganz gut bezahlte Straßenkunst.
Graffiti statt Gusseisen: sieben Bilder im Detail
Die folgenden Bilder unten zeigen: Wandgemälde sind auch in Galicien sichtbar, viel sichtbarer als Statuen aus Gusseisen, die in Vigo, Santiago und Pontevedra deutlich in den Hintergrund treten. Dazu kommt: Wer die Kelten auf die Hauswand bringt, macht sie viel schneller sichtbar als all die vielen Gegenstände in den Archäologischen Museen. Wer eine Dichterin provokativ eine Analphabetin nennt, erzeugt Neugierde. Und wer Seekrakenhändlerinnen großformatig bringt, macht sie, wie es in der Politik so schön heißt, sichtbar.
Die Motive hier aus Galicien habe ich im August 2026 an der Küste und im Hinterland fotografiert.

1. Seeleute 1936 und heute
An der Hauswand des Meeres-Clubs Centro Social do Mar in der galicischen Küstenstadt Bueu blicken zwei Seeleute auf den Atlantik. Vorlage für dieses Bild der berühmten portugiesischen Street-Art-Künstlerin Mariana Duarte Santos war ein Schwarzweißfoto aus dem Jahr 1936, damals aufgenommen von dem Fotografen José Suárez.
Der hatte ein Jahr zuvor einen Dokumentarfilm über die Seeleute der Morrazo-Halbinsel begonnen, konnte ihn aber wegen dem Ausbruch des Spanischen Bürgerkriegs nicht beenden. Suárez machte sich damals einen Namen als Porträtist von Töpfern, Webern und Seeleuten.
2. Marina, la poeta analfabeta
Das Bild an einer Hauswand in Lugo zeigt die galicische Autorin Marina Luz Fandiño Rodríguez (1931-2024), die in der Franco-Zeit nach Argentinien auswanderte und später als Poetin und Mitarbeiterin bei Radio Galega bekannt wurde. Die Aufschrift A poeta analfabeta bezieht sich auf einen Dokumentarfilm über sie, realisiert von der Regisseurin Sonia Méndez. Der Grund für den Titel? Mir nicht klar, die Frau konnte nachweislich lesen und schreiben.
Marina Luz war Autorin und Frauenrechtlerin, genauso wie die in Galicien bis heute hoch verehrte Rosalía de Castro (1837-1885). Letzterer ist in Padrón sogar ein eigenes Museum gewidmet.
3. Der Römer und sein Bansky
Diesen Römer mit Daumen nach unten hat ein Künstler aus Lugo gemalt. In Lugo ist es auch zu sehen. Böser Blick, Daumen nach unten, das bedeutete damals die Todesstrafe. Der Künstler nennt sich El Primo de Bansky und provoziert gerne.
Wie er wirklich heißt, weiß kaum einer. Der Name ist eine Anspielung auf die anonyme Street-Art-Kunst des Briten Bansky, der in Wirklichkeit auch nicht so heißt.
4. Maruja und Joaquina aus O Grove

Wie im nahegelegenen Bueu erinnert auch dieses Wandgemälde in der Hafenstadt O Grove an traditionelles Handwerk. Zu sehen sind zwei junge Fischerinnen mit Seekraken, die es in den 1950er Jahren tatsächlich einmal so gab: Maruja und Joaquina.
Das Bild entwarf die galicische Künstlerin Yoseba Muruzábal (*1984 in Cambre), die in der Provinzhauptstadt Pontevedra Bildende Kunst studiert hat.
O Grove, wo ich mich vier Wochen über einem Restaurant eingemietet hatte, ist berühmt für seine Markthalle, für seine öffentlich einsehbaren Fischauktionen und für den nahen langen Sandstrand A Lanzada.
5. Die mit dem Dolch da
Die mit dem Dolch stellt eine Keltin dar. Sowohl der Dolch als auch die Halskette sind im örtlichen Archäologischen Museum zu sehen. Doch dieses Bild von Yoe 33 (Manuel Pallin) aus dem Jahr 2023 ist in Lugo nicht zu übersehen, auch wenn es dort noch sehr viele andere Bilder gibt, inklusive eins von Julius Caesar.
Der Grund: Jeder, buchstäblich jeder, der die Provinzstadt am Jakobsweg Camino Primitivo besucht, läuft ein paar Meter über die alte Römermauer. Und sieht sie dann, diese hübsche unnahbare aus tiefster Vergangenheit …
Anmerkung der Redaktion: Das Foto habe ich der Arbeiterin einer Fischdosenfabrik in O Grove per Whatsapp geschickt. Ihre Antwort: “Ich liebe das". Männer liebt sie übrigens nicht so.
Die Fischdosenfabrikarbeiterin heißt übrigens Rosa. Wie die Keltin auf dem Bild heißt, war nicht herauszubekommen.
6. Erinnert Ihr Euch? Die heldenhaften Schwestern
Ribadavia ist eine kleine Grenzstadt in Südgalicien, einen Steinwurf von Portugal entfernt. Es hat ein jüdisches Viertel, eine mittelalterliche Burg, keine Synagoge, dafür Tavernen auf dem Altstadtplatz und ein riesiges Wandgemälde. Manche fotografieren es, ohne eine Ahnung zu haben, was sie dort sehen.
Es ist das Werk des chilenischen Künstlers Jotapé, sichtbar seit dem 8. März 2023 (Frauentag). Es zeigt die drei Schwestern Touza, die im 2. Weltkrieg einen Bahnhofskiosk betrieben und von dort aus rund 500 Juden halfen, die Grenze zum neutralen Portugal zu überqueren, ohne dass Francos Faschisten und die vielen dort agierenden Agenten der Nazis es merkten.
Was die drei Frauen geleistet haben, ist ohnehin kaum bekannt. Das liegt auch daran, dass sie undercover arbeiteten und jede Spur verwischten. Sonst wären sie damals prompt vor dem Erschießungskommando gelandet.
7: Galiciens repräsentativstes Wandbild im Niemandsland
Soutelo ist einer der unbekanntesten Orte Galiciens, ähnlich wie Portela oder Buriz. Östlich von Pontevedra ist dieses Wandgemälde sichtbar, aber nur, wenn man in die richtige Richtung fährt. Wer von Pontevedra nach Osten fährt, sieht das Gemälde nicht, wer auf dem Rückweg wieder durch Soutelo muss, sieht es. So ist das bei manchen Street-Art-Werken: die Richtung muss stimmen.
Was der Künstler da auf die Wand geworfen hat, ist das repräsentativste Wandbild in der Region. Der Dudelsack spielt eine Rolle wie in Irland, dahinter sind die Türme der Kathedrale von Santiago de Compostela zu sehen.
Das Bild in Soutelo ist das wohl beste Werbebild für Galicien. Deshalb gehört es eigentlich nach Santiago. Allerdings kennt Santiago jeder, Soutelo kein Tourist.
Tipp zum Schluss. Wenn Sie das Bild abfotografieren vor Ort, dann gibt es an der Durchgangsstraße ein Café auf der linken Seite und eins auf der rechten Seite. Es gehört zwei Brüdern. Die haben sich vor Jahren zerstritten und reden kein Wort mehr miteinander. Aber das ist eine andere Geschichte.






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