Wie drei spanische Schwestern 500 Juden retteten

Lola, Julia und Amparo: Die tapferen Frauen von Ribadavia

Estación Libertad ist der Spitzname des Bahnhofs von Ribadavia in Galicien an der Grenze zu Portugal. 1941 retteten hier Lola und ihre Schwestern vielen Juden das Leben. Von ihrem Todesmut zeugen heute Bücher und eine Wandbild im Zentrum der Stadt. Nur den Film “Lolas Liste” müsste ein Regisseur noch drehen.

von Luisa von der Heyde und Tobias Büscher

1941. Es ist das zweiten Jahr der deutschen Besatzung großer Teile Westeuropas. Für viele vom NS-Regime verfolgte Juden war die Flucht nach Portugal die letzte Hoffnung zu überleben, zumal in Spanien selbst Diktator Franco regierte. 

Das ist der Hintergrund zu einer der spektakulärsten Hilfsaktionen, die über Jahrzehnte geheim gehalten wurde. Und Mut machen sollte gerade heute, wo wir hilflos mit ansehen müssen, wie die Welt vielerorts Kopf steht.

Das neutrale Land im Westen der Iberischen Halbinsel bot die Chance, per Schiff nach Amerika oder Nordafrika weiterzureisen. Eine wichtige Eisenbahnroute führte über Hendaye und Monforte de Lemos zur galicischen Grenzstadt Ribadavia.

Ihr Glück: In der Kleinstadt der Provinz Ourense trafen die Flüchtenden auf drei Frauen, die mutig ihr eigenes Leben riskierten: Lola, Amparo und Julia Touza.

Codewort Mutter

Die jungen Schwestern betrieben einen unscheinbaren, harmlos wirkenden Kiosk am Bahnhof von Ribadavia, nur wenige Kilometer von der Grenze zu Portugal entfernt. Hier kamen die Züge an, hier konnten Reisende beobachtet und angesprochen werden, ohne sofort Verdacht zu erregen. 

Lola (Spitzname A Nai, die Mutter) war die wichtigste Ansprechpartnerin. Wer in das Netzwerk eingeweiht war, fragte nach „der Mutter“.

Wie es dazu kam? Diesem Radiobeitrag auf Spanisch zufolge sah Lola eines Tages einen sehr müden Mann auf einer Bank neben dem Kiosk sitzen. Ein Jude, der aus Deutschland geflohen war. Lola und er verständigten sich mit Handzeichen. 

Am Tag darauf brachte ihn ein Nachbar über die rettende Grenze nach Portugal. Er sollte der erste von über 500 sein.

So funktionierte das geheime Netzwerk

Die Hilfe war nach heutiger Kenntnis gut organisiert. Die Schwestern nahmen die jüdischen Flüchtlinge in Empfang, versorgten sie mit Essen und versteckten sie vorübergehend im Keller ihres Hauses, einen Steinwurf vom Rathaus mit seinem Gefängnis entfernt.

Anmerkung
Dass die Eltern der Schwestern das mitgemacht haben, war lebensgefährlich. Wir werden zeitnah ein Interview mit dem Enkel von Lola dazu auf diesem Portal veröffentlichen.

Anschließend brachten vertraute Helfer sie nachts in Richtung portugiesische Grenze.

Historiker haben ab dem Jahr 1964 konkret folgende Männer als Fluchthelfer gefunden: die Taxifahrer Xosé Rocha Freixido und Javier Míguez, den Dolmetscher Ricardo Pérez Parada sowie den Bootsmann Ramón Estévez.

Die Strecke führte über Arnoia, Cortegada und Ponte Barxas; je nach Gefahrenlage wurde die Grenze auf der Straße oder mit einem Boot überquert, so die Webseite der Stadt Ribadavia

Das Unternehmen war waghalsig, vor allem weil zu Beginn der Franco-Diktatur auch einige deutsche Agenten auf der Iberischen Halbinsel herumspionierten.

Jede Denunziation hätte die Flüchtenden und ihre Helfer vor ein Erschießungskommando geführt. Trotzdem soll die Gruppe zwischen 1941 und 1945 Hunderte Menschen außer Landes gebracht haben, von rund 500 oder mehr Geretteten ist die Rede.

Die Schwestern machten sich keine Notizen, auch eine Liste wie die von Schindler gab es nicht. Im Gegenteil: Sie versuchten, jede Spur zu beseitigen. Ein Glück für die Geretteten und Retter, ein Problem für die Historiker.

Selbstlose Hilfe: ein Geheimnis über den Tod hinaus

Lola selbst verstarb 1966 in einer Zeit, als die Franco-Diktatur noch anhielt (bis 1975). Deshalb schwiegen die Schwestern schon aus Angst vor Repressionen und machten ihre Verdienste um die Rettung der Juden auch nach Kriegsende nie öffentlich.

Erst nach und nach gelangte die Geschichte ans Licht. Eine wichtige Spur führte zu Isaac Retzmann, einem jüdischen Flüchtling, der 1943 die USA erreicht hatte und in den 1960er-Jahren nach seinen Retterinnen suchen ließ.

Der galicische Schriftsteller Antón Patiño Regueira sammelte später Berichte über das Netzwerk. Im jüdischen Zentrum Galiciens ist auch der Autor Vicente Piñeiro González aufgeführt. Titel: “Lola Touza: La Schindler gallega, 1941-1945”.

Auch Lolas Enkel Julio Touza setzte sich dafür ein, das Familienvermächtnis bekannt zu machen. Seine Großmutter hatte ihm zu Lebzeiten nie von ihren humanitären Aktionen erzählt. Er ist heute ein anerkannter Architekt und hat vor, das Familienhaus in ein Gedenkmuseum zu verwandeln.

Heute gelten die drei Frauen als „Galiciens Schindler“ in Anspielung auf Oscar Schindler, der vielen Juden das Leben gerettet hat. Steven Spielberg machte dies mit seinem Film „Schindlers Liste“ weltbekannt. Der Film „Lolas Liste“ wäre eine gute Fortsetzung.

Was es heute schon online gibt, ist das Museo de los Justos, welches neben den Schwestern noch weitere Helfer für die gute Sache aufführt. Motto: "Wer ein Leben rettet, rettet die ganze Menschheit."

Lebensrettendes Kiosk-Loch, sagenhaftes Wandbild

Ribadavia ehrte die drei Frauen bereits 2008 mit einer Gedenktafel an ihrem Haus. Seit dem 8. März 2023 trägt ihre Geschichte auch das Stadtbild: Das großformatige Wandbild „A Nai“ befindet sich an der hohen Wand des ehemaligen Hotels Alfonso im Bahnhofsviertel, zwischen Bahnhof und dem Kloster San Francisco. Es ist ein Werk des chilenischen Urban-Art-Künstlers Juan Pablo Gatica, im eigenen Land bekannt als Jotapé.

Das Werk zeigt die Schwestern höchst lebendig. Julia hebt den Arm und reißt sinnbildlich Stacheldraht auf, ein Zeichen für Rebellion und die Aufnahme der Verfolgten. Amparo legt schützend eine Hand auf Lolas Schulter. Und Lola befindet sich im Zentrum.

Wir fragen uns: Gibt es weltweit ein einziges Bild mit einer solch beeindruckenden, menschlichen Aussage?

Denn es erinnert nicht nur an eine Rettungsaktion. Es macht selbstlose Zivilcourage ohne Aussicht auf Ruhm sichbar. Aus einem Bahnhofskiosk wurde ein Knotenpunkt der Flucht.

In dem Kiosk gab es übrigens ein Loch für Getränke, damit sie im Sommer kühl blieben. Getränke waren seit 1941 dort nicht mehr. Es war ein Unterschlupf, falls eine Patrouille vorbeikam.

Die Autoren

Luisa von der Heyde von Team Reisemagazin hat bereits mehrere Artikel zu Nordwestspanien verfasst, darunter über einen spektakulären Aufzug in der Stadt Vigo, für den sie sogar den Architekten interviewt hat. Galicien kennt sie seit ihrer Zeit dort als Au-Pair. 

Tobias Büscher ist Autor des Buchs “Galicien & Jakobsweg”, Verlag DuMont, das im kommenden Frühjahr neu erscheint. Die Fotos stammen von seiner Buchrecherche im Sommer 2026. Er schrieb auch die Artikel über die galicischen Orte Estaca de Bares und Ortigueira

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