
Interview: Julio Touza über die Judenrettung in Ribadavia
Der Architekt und seine großartige Großmutter
Ab 1941 haben drei Schwestern in Südgalicien von ihrem Bahnhofskiosk aus über 500 Juden das Leben gerettet, angeführt von Lola, der Großmutter des Architekten Julio Touza. Wir haben mit ihm darüber gesprochen, warum diese Heldentat lange nicht bekannt war, warum eine argentinische Regisseurin statt Steven Spielberg einen Film dazu plant und warum der wohl eher fertig wird als sein persönlichstes Bauprojekt: eine Gedenkstätte für Lola im eigenen Familienhaus.
Ein Interview von Luisa von der Heyde und Tobias Büscher
Seine Großmutter Lola Touza hat mit ihren beiden Schwestern Julia und Amparo einst einen Kiosk am Bahnhof von Ribadavia geführt, einer Kleinstadt in Südgalicien. Ab 1941 ermöglichten sie über 500 Juden die Flucht über die Grenze nach Portugal, damit sie von dort aus 15 Tage per Schiff in die USA und damit in die Freiheit übersetzen konnten.
Zum Hintergrund: Vor 85 Jahren begannen die Transporte zu den Konzentrationslagern. Ein guter Grund, einmal mit dem Enkel von Lola zu sprechen: Julio Touza. Er ist uns in seinem Arbeitszimmer in Madrid per Teams zugeschaltet, das Gespräch dauert 65 Minuten.
Das Schweigen der Retterinnen
Wenn er über seine Großmutter spricht, strahlen seine Augen. Julio Touza sitzt in seinem Arbeitstisch, hadert erst etwas mit dem Mikrophon und erzählt dann los: “1966 ist sie gestorben, erst viele Jahre später habe ich erfahren, wie sie mit ihren Schwestern sehr viele Juden rettete. Sie durfte nicht darüber reden, in der Franco-Zeit war das viel zu gefährlich”.
Und heute? Das zweistöckige Haus seiner Familie gleich gegenüber dem Rathaus möchte der Architekt schon seit Jahren in eine Gedenkstätte umwandeln (siehe Infokasten), doch Bauverordnungen rund um den Einbau eines Aufzugs bringen ihn in Rage. Dafür wird schon bald ein Film über Lola Touza kommen.
Die argentinische Erfolgsregisseurin Lorena Muñoz arbeitet bereits am Drehbuch und will den wichtigsten Zeugen Julio in die Arbeit einbeziehen. Julio Touza wartet mit Hochspannung auf die Entscheidung, welche Schauspielerin Lola spielen darf.
Steven Spielberg hat also das Nachsehen. Ein Mitarbeiter des Regisseurs von “Schindlers Liste” hatte vor einiger Zeit auch schon bei Julio Touza nachgefragt. Doch der Enkel bevorzugt offenbar treffende Historie statt allzu viel Hollywood.
“Große Geste ganz bescheidener Frauen”
Auf Luisas Frage, warum seine Großmutter so stark war, antwortet er: „Die menschliche Kraft dieser Frau zeigte sich schon früh, als sie heimlich Gefangenen Essen durch die Gitterstäbe reichte. Später half sie unzähligen Juden bei der Flucht. Und doch waren sie und ihre beiden Schwestern ganz einfache Frauen.“
Lola, 1.65 Meter groß, bildhübsch, einst auf Fotokarten abgebildet für Soldaten an der Front, eine alleinerziehende Mutter in einer dramatischen Zeit. Das beachtliche daran: Niemand durfte von der heroischen Tat der Schwestern erfahren, auch nach dem Krieg nicht. Franco regierte bis 1975. Erst seit 2024 zeigt ein riesiges Street-Art-Bild das Motiv der drei Heldinnen.
Wobei der Architekt nicht allzu begeistert ist von dem Werk des chilenischen Künstlers Jotapé. Etwas sehr folkloristisch sei das. Und wörtlich: “Meine Oma sah so jedenfalls gar nicht aus, das nennt man wohl künstlerische Freiheit, na gut.”
Wir sind uns einig bei dem Gespräch: Lola ist das Licht im historischen Horror der Judentransporte in die KZs vor 85 Jahren. Und nachdem das Mikro unseres Interviewpartners wieder kurz streikt, wird es zwischendurch auch einmal lustig.
Tobias: Julio, meine Mutter hat gesagt, die Sagrada Familia von Antoni “Gauda” sei das häßlichste Bauwerk Spaniens.
Julio Touza (lacht): Tobias, die Japaner lieben die Sagrada Familia, ich glaube, Deine Mama und die Japaner werde sich da nicht einig.
Architektur und Albariño
Zurück zum Thema: Ribadavia hat eine lange jüdische Tradition, auch nachdem 1492 die Juden zum Katholizismus übertreten oder das Land verlassen mussten. Einige wanderten nach Polen aus, wo eine Region Galizien heißt. Doch einige blieben und praktizierten ihren Glauben heimlich weiter. Ribadavia ist weit weg von Madrid.
Die Touzas sind keine Juden, der Name ist in der Provinz Pontevedra nicht unüblich. Doch die Solidarität der Familie ist seit Generationen vorhanden. Bei der Kommunikation mit den Flüchtlingen, die am Bahnhof ankamen, half ein mehrsprachiger Pole, der lange in New York gelebt hatte.
Der Bahnhof, 1884 zwischen Vigo und Ourense eingeweiht, wurde zum Rettungsanker. Und auch die Wege für den Weintransport zwischen den beiden Ländern, erzählt Touza. Je nach Lage setzten Helfer die jüdischen Flüchtlinge auch per Boot nach Portugal über.
Historiker wie Vicente Piñeiro (siehe Buchtitel “La Schindler Gallega”) mutmaßen sogar, dass die Schwestern damals auch der Königsfamilie von Luxemburg die Flucht nach Portugal ermöglicht haben, was uns auch der Enkel im Interview sagt.
Julio Touza, große Brille, wache Augen, ist ein brillanter Architekt, da sind sich seine Kollegen einig. Er schläft vier Stunden nachts, ansonsten widmet er sich seinen Bauvorhaben und gönnt sich am Wochenende schon mal einen Albariño: “Eure Weine vom Rhein sind aber auch nicht schlecht.”
Alleine könnte der Real-Fan seine vielen Projekte von Spanien über Angola bis Vietnam nicht stemmen, und so arbeitet er mit Dutzenden Architekten zusammen. Seine Steckenpferde: Wohnhäuser, Büros, Parkanlagen. Einer seiner Mitarbeiter heißt ebenfalls Julio. Es ist sein Sohn.
“Das liegt in den Genen, das habe ich von meiner Großmutter”
Ab und an ist er auch mit Delegierten aus Jerusalem unterwegs, um beispielsweise in Andalusien einen Lola-Baum einzuweihen. “Wisst Ihr …”, sagt der Architekt, “sie wussten in Israel natürlich von der Rettungstat der Schwestern. Aber sie haben auch keinen Pieps gesagt zum Schutz der Helferinnen.”
Luisa und ich haben eine Stunde Zeit, den Mann zu befragen. Und erfahren eine Menge über Grenztransporte damals an der Geheimpolizei vorbei. Touza spricht aber auch über die galicische Seele, über Politik und Poesie, über Emigration nach Venezuela, über seine Arbeit: zur Webseite seines Büros.
Und dann kommen wir noch einmal auf seine Großmutter zu sprechen.
„Wisst Ihr, diese Begebenheit ist wirklich schön. Vor kurzem kam hier ein Jude an, immer noch mit dieser KZ-Nummer auf dem Arm. Nach über 40 Jahren in den USA wollte er Ribadavia noch einmal sehen. Lola hat ihm damals eine Silbermünze gegeben, einen Duro Alfonsino, keine aktuelle Währung damals, aber das Silber war wertvoll. Als er zu uns kam, hatte er die Münze immer noch bei sich."
Vor kurzem ist er gestorben. Der Mann wurde 103 Jahre alt.
Die Autoren


Luisa von der Heyde von Team Reisemagazin hat bereits mehrere Artikel zu Nordwestspanien verfasst, darunter über einen spektakulären Aufzug in der Stadt Vigo, für den sie sogar den Architekten interviewt hat. Galicien kennt sie seit ihrer Zeit dort als Au-Pair.
Tobias Büscher ist Autor des Buchs “Galicien & Jakobsweg”, Verlag DuMont, das im kommenden Frühjahr neu erscheint. Die Fotos stammen von seiner Buchrecherche im Sommer 2026. Er schrieb auch die Artikel über die galicischen Orte Estaca de Bares und Ortigueira
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