Im Porträt: Alfonso IX von León

Machtmensch, Uni-Gründer und Gesetzesgeber

Er holte Stadtvertreter an den königlichen Beratungstisch, gründete die spätere Uni von Salamanca, legte sich mit Männern seiner royalen Verwandschaft an und heiratete zwei ziemlich verwandte Frauen. Alfonso IX wollte ein geeintes Spanien, doch das gelang ihm nicht. Immerhin, sein Weg führte von Zamora über León und Salamanca bis in die Extremadura und nach Santiago de Compostela in Galicien. Dort steht auch eine wenig wohlwollende Statue von ihm.

von Tobias Büscher

Da steht er mies gelaunt neben seinem Pferd vor den Mauern der galicischen Stadt Baiona, reckt das Kinn in die Höhe und zeigt gebieterisch mit dem Finger auf den Boden. Dazu zotteliges Haar und grimmiges Gesicht. Wer war dieser Mann?

Blicken wir zurück in das Jahr 1188, Schauplatz ist eine Versammlung von Klerikern und Adeligen in der Stadt León. Zugegen ist auch Alfonso IX. Das irre daran: Dieses Treffen werten Historiker heute als Meilenstein europäischer Parlamentsgeschichte. Im Zentrum steht Alfonso IX, ein König, der etwas mehr konnte als in die Schlacht ziehen.

Junger Herrscher in einem geteilten Land

Alfonso kam am 15. August 1171 in Zamora auf die Welt. Sein Vater war Fernando II von León, seine Mutter Urraca von Portugal. Als Fernando im Januar 1188 starb, war der Thronfolger erst 16 Jahre alt. 

Seine Stiefmutter Urraca López de Haro verfolgte eigene Nachfolgepläne zugunsten ihres Sohnes Sancho. Im benachbarten Kastilien regierte mit Alfonso VIII noch ein viel mächtigerer Rivale. Dem jungen Herrscher war also sehr schnell klar: Die Mauren im fernen Andalusien waren der Gegner, die nahen Verwandten ein Ärgernis.

Alfonso IX träumte sein Leben lang von einem geeinten Spanien. Er regierte von 1188 bis 1230 aber lediglich die kastilische Region León, zu der damals auch das nordwestspanische Galicien zählte. Kastilien bestand als eigenes Königreich und die Einheit des Landes erfolgte erst 1492. 

Die politische Landkarte der Iberischen Halbinsel war im Hochmittelalter ohnehin ein Flickenteppich aus regionalen christlichen Machthabern und maurischen Hochburgen in Andalusien. Gerade die Eigenständigkeit Leóns bestimmte Alfonsos Politik. Und bei allem Faible für Wissenschaft und Gesetze brauchte er ziemlich effektive Krieger.

León 1188: Die Städte erhalten eine Stimme

Die königliche Versammlung von 1188 gehört zu den folgenreichsten Ereignissen seiner Regierungszeit. An ihr nahmen nicht nur Geistlichkeit und Adel teil, sondern auch gewählte Vertreter der Städte. 

Die daraus überlieferten Decreta umfassen 17 Bestimmungen, die den Frieden im Reich und eine geordnete Rechtsprechung sichern sollten. 2013 nahm die UNESCO den Dokumentenbestand in ihr Weltdokumentenerbe auf. Sie bezeichnet ihn als ältestes bekanntes schriftliches Zeugnis des europäischen parlamentarischen Systems.

Dabei muss man wissen: Alfonso begründete weder eine Demokratie im heutigen Sinn noch ein Parlament mit allgemeinem Wahlrecht.

"Ich werde die guten Gewohnheiten bewahren"

Alfonsos Ansichten sind überliefert in königlicher Ich-Form. Das Original der Decreta existiert nicht mehr, doch Mönche haben damals den Inhalt mehrfach in andere Bände übertragen. Dem spanischen Kulturministerium zufolge sagte er Sätze wie „Ich beschließe weder Krieg noch Frieden ohne den Rat der Bischöfe, Adligen und angesehenen Männer" (Dekret IV) und "Ich werde die von meinen Vorgängern begründeten guten Gewohnheiten wahren.“ (Dekret I).

Klingt ganz schön staatstragend, oder? Wobei man sich bloß mal vorstellen sollte, ein deutscher Regierungschef würde das heute über seinen Vorgänger sagen.

Freunde und Feinde: Bündnisse auf Zeit

Über sein Privatleben ist wenig bekannt. Er soll in seiner Jugendzeit vom Grafen Armengol aus Urgell beeinflusst worden sein. 1191 heiratete Alfonso Teresa von Portugal und nur sechs Jahre später Berenguela von Kastilien, die Tochter Alfonsos VIII. 

Beide Ehen wurden wegen zu enger Verwandtschaft kirchlich aufgehoben. Die päpstliche Autorität setzte damit Grenzen, was den König allerdings überhaupt nicht daran hinderte, mit Berenguela ein Kind zu zeugen: den späteren Fernando III.

Sein Verwandter Alfonso VIII von Kastilien sah das noch weniger gern als der Vatikan. Die beiden Alfonsos gingen sich gegenseitig so auf die Nerven, dass Alfonso IX 1212 die Schlacht von Las Navas de Tolosa gegen die Mauren schwänzte. Was ein Skandal. 

Zeitweise suchte er gegen Kastilien sogar Bündnisse mit den muslimischen Herrschern, gegen die er später selbst Krieg führte, ähnlich wie das lange vor ihm schon El Cid praktiziert hatte, Spaniens legendärster Krieger aller Zeiten.

Gründer der späteren Uni von Salamanca

Alfonso gehörte damals zu den eher intellektuellen Machthabern. Die wichtigste Tat in seiner Amtszeit war 1218 die Gründung der Scholas Salamanticae, der späteren Universität von Salamanca.

Der Vorstoß in die Extremadura

Seine kriegerischen Aktionen dagegen waren typisch für seine Zeit. In seinen letzten Regierungsjahren während der Reconquista verschob Alfonso die Grenzen seines Reiches deutlich in Richtung Andalusien. 1229 nahm er Cáceres ein, 1230 folgten Mérida und Badajoz. Diese Eroberungen veränderten die Machtverhältnisse in der heutigen Extremadura und erweiterten den leonesischen Herrschaftsraum.

Eine Vereinigung, die er nicht vollendete

Am 24. September 1230 starb Alfonso IX. in Villanueva de Sarria. Seine letzte Ruhestätte fand er in der Kathedrale von Santiago de Compostela. Die Nachfolge war umstritten: Sein Sohn Fernando war bereits seit 1217 König von Kastilien, doch Alfonso hatte León seinen Töchtern Sancha und Dulce aus der Ehe mit Teresa zugedacht.

Berenguela und Teresa wirkten an der Verständigung mit, durch die Fernando die leonesische Krone übernehmen konnte. 1230 wurden León und Kastilien unter Fernando III. dauerhaft verbunden. Diese Vereinigung war nicht schlicht die Ausführung eines Plans Alfonsos IX., sondern Ergebnis der Nachfolgeregelung nach seinem Tod. Darin liegt eine historische Pointe: Der König, der Leóns Eigenständigkeit verteidigt hatte, wurde zum Vater jenes Herrschers, der die beiden Kronen zusammenführte.

Auf seinen Spuren durch Spanien

Eine Reise auf Alfonsos Spuren verbindet Orte, die unterschiedliche Seiten seiner Geschichte sichtbar machen: Zamora steht für seine Herkunft, León für Königsherrschaft und die Versammlung von 1188, Salamanca für das Bildungsprojekt. Cáceres, Mérida und Badajoz markieren die südliche Expansion, Santiago de Compostela den Abschluss seines Lebens.

Passende Reisevorbereitung bietet www.spanien-reisemagazin.de: das Stadtporträt Zamora in Zentralspanien, der Beitrag zu León am Jakobsweg und das Porträt Salamanca: Stadt der Studenten. Für die südlichen Stationen eignen sich die Beiträge zu Cáceres, Mérida und Badajoz.

Den galicischen Abschluss ergänzt die Stadtgeschichte von Santiago de Compostela.

Fazit: Alfonso IX. war ein relativ fortschrittlicher Gesetzgeber und ein robuster Kriegsherr. Er beteiligte Stadtvertreter an königlicher Beratung, formulierte rechtliche Schutzversprechen und schuf in Salamanca eine der wichtigsten Universitäten Europas. Damit gehört er zu den klügsten Herrschern in der Geschichte Spaniens.

Quellen und weiterführende Literatur

1. Real Academia de la Historia: Alfonso IX, Historia Hispánica. Biografischer Eintrag zur Herkunft, Ausbildung und Lebensdaten.

2. UNESCO: „The Decreta of León of 1188 – The oldest documentary manifestation of the European parliamentary system“, Memory of the World, Aufnahme 2013.

3. Ministerio de Cultura: „Los Decreta de la Curia Regia de León del año 1188“. Darstellung der 17 Bestimmungen und ihrer Textüberlieferung.

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