Im Porträt: Rosalía de Castro

Die Stiftung der Poetin in Padrón, der Stadt der Pfefferschoten

Spaniens Literatin ist die Pasionaria der Poesie. Sie schrieb im 19. Jahrhundert, war ihrer Zeit weit voraus und ist nach wie vor ein Vorbild für viele Galicier, die ihre Sprache lieben und sich deutlich abgrenzen von allem Kastilischen. Keiner weiß das besser als der Literaturprofessor Anxo Angueira von der Uni in Vigo, der seit über 20 Jahren die Rosalía-Stiftung in Padrón leitet. Wir haben ihn dort zum Interview getroffen.

von Tobias Büscher (Text und Fotos)

Padrón - Es ist ein warmer Sommertag in Nordwestspaniens Stadt. Ein paar junge Pilgerpaare laufen durch das Zentrum südlich von Santiago. Sie sind auf dem Portugiesischen Weg in Richtung Santiago. Sie haben das Ziel vor Augen, Padrón nehmen sie kaum wahr.

Es ist 12 Uhr. An den Zuggleisen östlich des Stadtkerns parkt Anxo Angueira sein Auto, direkt hinter meinem: "Hola, muy puntual".

Der Literaturprofessor leitet die Stiftung Rosalía de Castro seit 1995. Wir begrüßen uns und gehen in sein Arbeitszimmer. Angueira, der für das Gespräch seinen Urlaub unterbrochen hat, ist ein stämmiger Typ mit milden Augen, er spricht sogar etwas Deutsch.

Vor allem aber spricht er über eine Frau, die so einflussreich war wie die Widerstandskämpferin La Pasionaria im Spanischen Bürgerkrieg. Der Unterschied: Rosalía kam viel früher zur Welt und wirkt viel mehr nach.

Die lyrische Wucht der Pastorentochter

María Rosalía Rita de Castro, 1837 in Santiago de Compostela geboren und 1885 in Padrón gestorben, war die Tochter eines Pastors. Sie schrieb als junge Frau Gedichte auf Galicisch, die viele bis heute auswendig können. Ihre Zeit war geprägt von Karlisten-Aufständen, Hungersnot, Emigration und Unterdrückung.

Sie, die mit 21 Jahren den Publizisten Manuel Murguía heiratete, machte das zum Thema. Als Frau in einer männerdominierten Gesellschaft. Angueira, der Leiter ihrer Stiftung, sagt: „Sie war eine der ersten Feministinnen, ohne dass es den Feminismus überhaupt schon gab“.

Ihre drei Hauptthemen sind diese: Die Unterdrückung der galicischen Randregion durch Kastilien, die Macht der Machos und Saudade – die schwer übersetzbare Sehnsucht zerrissener Familien durch die Emigration nach Lateinamerika. 

Der Hintergrund: Männer ließen damals ihre Familien zurück und gingen nach Argentinien. Dort leben heute noch rund 170.000 Galegos, die meisten von ihnen in Buenos Aires.

Rosalía bezeichnete die zurückgebliebenen Frauen als „Witwen der Lebenden“. Ihre Sprachgewalt war beachtlich.

„Galicien, nenn Dich niemals Spanien“

Ihr erfolgreichstes Werk:  Cantares gallegos (1863). Mit diesen Gedichten auf Galicisch brachte sie die angeblich so hinterwäldlerische Regionalsprache Galicisch in die spanische Öffentlichkeit.

Heute liegen mehrere deutsche Übersetzungen ihrer Werke bei Books on Demand (BoD) vor. Der Romanist und Übersetzer Christian Switek betreut eine deutschsprachige Werkausgabe. Werke wie Gedichte und frühe Dichtung 1857–1863, Die Tochter des Meeres und Galicische Lieder – Cantares Gallegos sind kurioserweise bei Galiciern ein Geheimtipp, die Deutsch lernen. Das Original kennen sie ja schon auswendig.

Übrigens auch die Brasilianer, für die Galicisch gar kein Problem ist. Das haben schon Fußballspieler für den Celta de Vigo bewiesen. Und die Fans in Curitiba (Brasilien), welche die Bibliothek Rosalía de Castro besuchen, eingerichtet vom Cervantes-Institut. Der Grund: In Brasilien ist Portugiesisch die Hauptsprache, Portugal wiederum grenzt an Galicien.

So ist das mit den Sprachen in Spanien: Katalanisch ist dem Französischen ähnlich, Galicisch dem Portugiesischen und Baskisch versteht noch nicht einmal der Teufel. Kastilisch dagegen 560 Millionen Menschen weltweit.
 
Mit Cantares gallegos, so Angueira, entstand der Rexurdimento, die Wiedergeburt des Galicischen. Der Professor weiß auch noch genau, wann das Buch damals erschien: am 17. Mai. Seit 1963 ist dieses Datum der Día das Letras Galegas, der Tag der galicischen Literatur.

Man muss an einem solchen Tag nur einmal durch Santiago laufen, oder am „Nationalfeiertag“, dem 25. Juli. Dann sieht man Galicier jeglichen Alters, die das Porträt der Dichterin in die Höhe halten und für die Rechte des Galicischen werben.

Während im Baskenland und Katalonien viele für die politische Loslösung von Spanien auf die Straße gingen, gehen die Galicier eher poetisch vor. Wobei der Professor auf Nachfrage nichts dagegen hätte, wäre Galicien ein eigenständiges Land.

Entsprechend ist Galego inzwischen überall vertreten: In den Hörsälen, Tavernen und Markthallen. Ein Glück für mich, dass der Professor das Interview mit mir auf Spanisch geführt hat, ich hätte sonst einiges nicht verstanden.

Rosalía, sagt Angueira, hat bis heute eine solche Strahlkraft, weil sie Unterdrückung und Frauenrechte thematisierte wie vor ihr keine Frau. Das Werk En las orillas del Sar, erfahren Angueiras Studenten in Vigo, war der Vorläufer der spanischen Moderne: „Sie war ihrer Zeit immer voraus. Bis heute“.  Und so ist es auch kein Wunder, dass viele junge Aktivisten bei Demos T-Shirts mit ihrem Konterfei tragen. Auf denen stehen Sätze wie „Faschisten raus“. 

Die Fundación Rosalía de Castro in Padrón

In A Matanza bei Padrón, in dem Haus, in dem Rosalía ihre letzten Lebensjahre verbrachte, bewahrt die Fundación Rosalía de Castro ihr materielles und geistiges Erbe. Der Grundstein dafür war schon 1947 die Gründung des Patronato Rosalía de Castro.

Das Ziel: Das Wohnhaus der Dichterin in Padrón erwerben und zu einem Erinnerungsort machen. Das Geld dafür spendeten reiche Rückkehrer aus Lateinamerika, Banken und Vereine. Auch der Fußballklub Celta de Vigo half bei der Finanzierung. 

Mit all den Peseten richteten die Betreiber im Jahr 1972 ein Casa-Museo ein. Drei Jahre vor dem Tod des Diktators Franco, der zwar auch aus Galicien stammte (Ferrol), die Regionalsprache aber stets ausmerzen wollte.

Gelungen ist ihm das nie.

Das Museum entwickelte sich zur Fundación Rosalía de Castro und Angueira wurde Leiter der Stiftung. Der muss sich um Werbung keine Sorgen machen. Das Haus ist extrem gut besucht, außer von ausländischen Touristen.

Auch bei der “Konkurrenzstiftung” Fundación Camilo José Cela schätzen sie den Gelehrten sehr: “Du triffst nachher Anxo?", frage mich dort der Pförtner vor dem Interview und setzt nach: “Cooler Typ, Du wirst ihn mögen”.

Angueira ist Buchautor, Philologe und Hochschullehrer. Er will für Rosalía kein reines Museum, er organisiert Lesungen, Ausstellungen und Konzerte. Und lässt keinen Zweifel daran, dass ihm das richtig Spaß macht. Humor hat er übrigens auch. 

Angueira: Tobias, wer hat Dir Spanisch beigebracht?
Antwort: Herr Professor, Virginia aus Santiago de Compostela.
Angueira strahlt über das ganze Gesicht: Aiiii, die Liebe.

Almejas? Améixas

Rosalía de Castro hat Galicisch vom Bauernjargon zur anerkannten Regionalsprache erhoben, die Nöte der Frauen in Zeiten der Emigration thematisiert und eine Strahlkraft, die heute politische Akteure jeglicher Couleur für sich in Anspruch nehmen.

Übrigens: Als der Professor 1995 die Stiftung übernahm, hatte Nacho, ein befreundeter galicischer Koch aus Pontevedra, seine Speisekarte noch auf Spanisch. Als ich das letzte mal dort war, war sie längst auf Galicisch. Seine Venusmuscheln heißen jetzt nicht mehr almejas sondern améixas.

Nur einer sieht das ganz anders. Sein Kollege Héctor. Sein Restaurant in Lugo heißt España.

Rosalía würde sich im Grab umdrehen.

Quellen
• Centro Virtual Cervantes: Biografie und Werküberblick
• Fundación Rosalía de Castro: Geschichte und Aufgaben der Stiftung

Auch von Interesse
Ebenfalls in Padrón ein Erlebnis: Die Stiftung Camilo José Cela. Da sind nicht nur die Werke des Nobelpreisträgers zu sehen, sondern auch sein damaliges Auto: ein Ford T.

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