Xinzo de Limia in Galicien

Spaniens Karnevalshochburg zwischen Pantalla, Patacas und Paz

Xinzo de Limia ist eine kleine Stadt in Südgalicien. Bei uns kennt sie kaum jemand, dafür jeder Spanier aus zwei Gründen: Kartoffeln und Karneval. Im August waren wir vor Ort. Kein Karnevalsmonat, doch in der Innenstadt gibt es jede Menge Narrenmotive. Und im Umland fast so viele Kartoffeläcker wie im Sauerland.

Von Tobias Büscher (Text und Fotos)

Wer Xinzo de Limia in Galicien außerhalb der Karnevalssaison besucht, wird sich wundern. Ein Zimmer oberhalb der Kneipe am Ortseingang? Alle frei, 30 Euro die Nacht, aber bitte in bar. Jemand von außerhalb Xinzos an diesem Abend? Nur ich.

Wer von Santiago de Compostela aus auf den südgalicischen Ort zusteuert, fährt vorbei an riesigen Kartoffelfeldern und Kartoffelfabriken mit Namen wie Agrimanso SC.

Im Stadtzentrum begegnet einem auf Schritt und Tritt ein maskierter Karnevalist, als Statue, auf der Hauswand, vor dem Karnevalsmuseum. Die Leute dort sind unter sich, kein Souvenirshop, dafür Nachbarschaftsplausch an der Bar. Kein Fremdenführer, dafür Automechaniker auf einer Bank mit Bierdose in der Abendsonne. Kein Meer weit und breit, dafür eine richtig gute Tortilla zum Abendessen.
 
Der Ort am Fluss Limia war nicht immer so lässig und friedlich. Für die Römer war er der Horror. Sie glaubten, wenn sie den Río nach Norden hin überquerten, würden sie das Gedächtnis verlieren. 

Der Legende nach soll Feldherr Brutus im Jahr 138 wütend über den Aberglauben hoch zu Ross das Wasser durchquert haben. Und seine Soldaten auf der anderen Flussseite alle beim Namen genannt haben. Nach dem Motto: Vergessen? Vergesst es.

Xinzo liegt im Süden von Galicien, rund 40 Kilometer von Ourense entfernt, und ist der Hauptort der fruchtbaren Ebene A Limia, wo neben Kartoffeln auch Kürbisse sehr gut wachsen.

Die 132,67 Quadratkilometer große Gemeinde mit ihren rund 10.000 Einwohnern hat die kleine Pfarrkirche namens Santa Mariña, den Hauptplatz Praza Maior und die steinerne Pantalla-Figur im Zentrum.

Das Museo Galego do Entroido zeigt Masken, Kostüme und Bräuche des galicischen Karnevals. Außerhalb der Stadt ragt die mittelalterliche Torre da Pena über die Ebene: Der gut erhaltene Wehrturm steht nicht ohne Grund da. Er sicherte einst die umkämpfte Grenzregion zu Portugal. Einen Überblick über weitere Ziele zwischen Küste und Hinterland bietet unser Galicien-Guide.

Kartoffeln für ganz Spanien

Dass rings um Xinzo so viele Kartoffeln wachsen, hat seinen Grund: Bis in die 1950er-Jahre breitete sich hier die Lagoa de Antela aus, einst einer der größten Süßwasserseen Spaniens.

Nach ihrer Trockenlegung entstanden ebene, gut zu bearbeitende Ackerflächen mit lockeren Böden. Heute ist A Limia eines der wichtigsten Kartoffelgebiete des Landes. Die Sorten haben Namen wie Kennebec, Fina de Carballo und Agria, teils unter dem geschützten Herkunftssiegel Pataca de Galicia (Kartoffeln Galiciens).

Die Knolle prägt nicht nur Landwirtschaft und Lebensmittelindustrie, sondern auch die lokale Identität. Auf der Agrarmesse Alimagro präsentieren Erzeuger ihre Ware, moderne Anbautechnik und natürlich Kartoffelgerichte in vielen Varianten.

Karneval der Superlative

Entroido ist die Fiesta der Narren

Noch berühmter ist der Entroido. Der Karneval von Xinzo gehört zu den längsten und traditionsreichsten Spaniens und zieht sich über mehrere Wochenenden vom Petardazo über den Domingo Oleiro und den Corredoiro bis zu den großen Umzügen hin.

Leitfigur ist die Pantalla: ein Maskenträger in weißer Kleidung, rotem Umhang und kunstvoll bemalter Kopfbedeckung, der mit aufgeblasenen Schweinsblasen durch die Straßen tanzt.

Wer aus dem Ort stammt und sich nicht verkleidet, kann von den Pantallas in eine Bar geführt werden und muss eine Runde ausgeben. Seit 2019 trägt das Fest den Rang einer Fiesta de Interés Turístico Internacional, will heißen: Fest von Internationalem Interesse, gefördert mit ordentlich Geld vom Tourismusministerium in Madrid.

Gemeinsam mit den Cigarróns von Verín und den Peliqueiros sowie Mehlschlachten von Laza bildet Xinzo das berühmte Karnevalsdreieck der Provinz Ourense; mehr dazu in unserem Beitrag über den Karneval in Galicien.

Und damit kein Zweifel an der Bedeutung besteht: Am Gemeindehaus läuft eine digitale Uhr und zählt die Tage, Stunden, Minuten und Sekunden bis zum nächsten Narrenhöhepunkt im Ort.

Zu den bekanntesten Persönlichkeiten mit enger Verbindung zu Xinzo zählt der galicische Schriftsteller Carlos Casares, der hier seine Kindheit verbrachte und später mit Romanen, Erzählungen und Kinderbüchern zu einer prägenden Stimme der galicischen Literatur wurde.
In Xinzo geboren wurden außerdem der Schriftsteller Antón Riveiro Coello, die Pädagogikprofessorin und Sachbuchautorin Carmen Agulló Díaz sowie der Radrennfahrer Carlos Canal.

Für das historische Gedächtnis der Stadt steht der Historiker und Autor Edelmiro Martínez Cerredelo, der zahlreiche Arbeiten über A Limia und den Entroido veröffentlichte und seit 2022 Ehrenbürger der Gemeinde ist.

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